WM-Kampf Carlsen - Caruana (9.-28. November 2018 in London)

    • @HorstSchlaemmer: Ja, man kann auch auf ein 6:6 nach 12 Partien wetten. Falls es eintrifft, bekommt man das 3,65 fache seines Einsatzes.

      @Schachphantom: Mit dem Partieviewer, der hier zur Verfügung steht, kann man leider keine PGN-Dateien erzeugen. Behelfslösung: die Partienotation mit "Copy and Paste" in ein Schachprogramm einfügen.
    • 6. Partie

      Nach erfolglosen Versuchen mit 1.d4 und 1.c4 versucht es der Weltmeister heute mit 1.e4. Gegen die zu erwartende Russische Verteidigung antwortet er mit dem äußerst zahmen Zug 4.Sd3, gefolgt von 5.De2 und frühzeitigem Damentausch. Carlsen vertraut also wieder einmal darauf, daß er in der Lage ist, auch in vereinfachten und symmetrischen Stellungen jeden Gegner auszuspielen. Was dann geschieht, grenzt schon an Majestätsbeleidigung: nicht Carlsen, sondern Caruana ist derjenige, der seinen Gegner langsam aber sicher überspielt. Am Ende entsteht ein Endspiel, in dem Caruana eine Leichtfigur gegen nur einen Bauern hat, eine klare Gewinnfortsetzung aber wegen des stark reduzierten Materials nicht zu sehen ist. Carlsen hält seine Stellung mit starkem Spiel zusammen und rettet sich in den Remishafen.


      Carlsen, Magnus (2835) - Caruana, Fabiano (2832)
      Schach-WM, 6. Partie, 16.11.2018



      Bericht und Partiekommentar von FM Johannes Fischer: Schachweltmeisterschaft 6. Partie: Carlsen rettet sich mit Mühe ins Remis

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    • 58.a5 bezweckt, den schwarzen Läufer von der Diagonale e1-h4 abzulenken. Dadurch konnte Carlsen zwei Züge später 60.Kg6 spielen, ohne seinen h-Bauern zu verlieren. Diesen sah er als seinen Remisgaranten an und strebte wohl schon hier die Verteidigungsaufstellung an, die ihm in der Partie den halben Punkt sicherte.

      Daß 68.-Lh4! (anstelle des Partiezuges 68.-Sf3) zu einer Gewinnstellung für Schwarz führt, ist für einen Computer sehr schnell klar, aber für einen Menschen bei knapper Bedenkzeit praktisch nicht zu finden. Ich glaube deshalb nicht, daß Caruana dieser (nur theoretisch, aber nicht praktisch vorhandenen) Chance nachtrauern wird.

      Beitrag von Tatortreiniger ()

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    • Siehe

      chess.com/news/view/world-ches…ses-nearly-impossible-win

      für eine Analyse der Partie und des Endspiels. Nur als Beispiel, eine angegebene Zugfolge (die der Computer fand) ist:

      68. Lc4 Lh4!! (statt 68... Sf3? in der Partie) 69. Ld5 Se2 70. Lf3 Sg1!!

      der Springer begibt sich freiwillig ins Gefängnis. Ein Mensch würde das wohl nie ziehen, meinte Kasparov.
      Die Idee ist, dafür kommt der schwarze König nach g8:

      71. Lg4 Kg8! 72. Kh6

      und nun kommt ein wunderschönes Zugzwang-Manöver, wodurch Weiß h5-h6 ziehen muss:

      72. ... Lg3 73. Kg6 Le5 74. Kh6 Lf4+ 75. Kg6 Lg5 (Zugzwang) 76. h6

      und nun ein zweites, ganz ähnliches Zugzwang-Manöver noch mal, um den Springer wieder zu befreien:

      76. ... Kh8! 77. h7 Lh4 78. Kh6 Le1 79. Kg6 Lc3 80. Kh6 Ld2+ 81. Kg6 Lg5 82. Lh5 Sh3

      und nun kann der Bauer h7 erobert werden:

      83. Lg4 Sf4+ 84. Kf7 Kxh7

      danach wird es einfacher. Zuerst Bf5 erobern:

      85. Ld1 Kh6 86. Kf8 Sd5 87. Kg8 Se7+ 88. Kh8 Sxf5

      und nun schiebt Schwarz seinen Bauern f6 vor. Weiß muss seinen Läufer dafür geben, und Caruana hatte das Endspiel König, Läufer und Springer gegen König schon ein paar mal, wie er sagte, und keine Probleme, innerhalb der 50 Züge matt zu setzen.
    • Als Alexander Grischuk sich um den 15. Zug herum per Skype dem Kommentatorenteam anschloß, erheiterte er die Zuschauer mit dem folgenden Vergleich:

      Kramnik hat mir erzählt, dass es in Frankreich eine Realityshow gebe. Sie bringen einige Kameras in einem Sarg an, in dem sich eine Leiche befindet, und dann übertragen sie zweimal am Tag 15 Minuten im Fernsehen. Im Internet kann man den ganzen Tag zuschauen. Etwa so interessant ist diese Partie.

      Zu diesem Zeitpunkt konnte noch niemand ahnen, daß dies die bisher dramatischste Partie des Wettkampfes werden würde.

      Sehr erhellend ist wie immer die Post-Mortem-Analyse von Peter Svidler - auch zu der kritischen Partiephase zwischen Zug 60 und 70:

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    • 7. Partie

      Nach kraftlosen Versuchen mit 1.d4, 1.c4 und 1.e4 kehrt der Weltmeister in seiner 4. Weißpartie zu 1.d4 zurück - leider aber noch immer ohne eine brauchbare Idee im abgelehnten Damengambit zu haben. Carlsen gelingt es wieder nicht, sich auch nur den Hauch eines Eröffnungsvorteils zu erarbeiten. Erst im 28. Zug kann er durch den Abtausch seines Läufers gegen den gegnerischen Springer ein kleines Ungleichgewicht schaffen, ohne daß ihm dies nennenswerte Gewinnchancen einbringt. Wenige Züge später ist nach einer Zugwiederholung das Remis unterschriftsreif.


      Carlsen, Magnus (2835) - Caruana, Fabiano (2832)
      Schach-WM, 7. Runde, 18.11.2018




      Reichlich Kritik an Carlsens Eröffnungsvorbereitung äußerte Allexander Grischuk bei der Livekommentierung mit seinem herrlich trockenen Humor, und auch Marco Baldauf nimmt in seinem Bericht Schachweltmeisterschaft 7. Partie: Die Geschichte setzt sich fort kein Blatt vor den Mund.
    • In Chess24.de stellte jemand die Frage, warum man eigentlich noch als Spieler die Partie mitschreiben muss.
      Die Frage ist interesssant. Das Brett ist verkabelt und jeder Zug wird sofort digitalisiert und außerdem registrieren auch Schiedsrichter, Journalisten, Videokamera jeden Zug.
      Warum also wie in der Kreisliga die Partie noch selber mitschreiben?

      Beitrag von Tatortreiniger ()

      Dieser Beitrag wurde vom Autor aus folgendem Grund gelöscht: Vlt. ist in einer Kreisliga der technische Standart nicht so realisierbar, wie bei einer WM oder in der Oberliga...^^ ().
    • Robert Hübner, einst selbst WM-Kandidat, sagt in seiner Zwischenbetrachtung zur Weltmeisterschaft:

      Der eigentliche Wettkampf ist nun auf fünf Partien geschrumpft. Der Druck auf die Spieler wächst stetig. Sollte es einmal in einer Partie einen Gewinner geben, hat der Unterlegene nur noch wenig Gelegenheit, den Ausgleich herbeizuführen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn die angesammelte Spannung in einer der nächsten Partien eine Entladung findet.


      Ich halte es für mindestens so wahrscheinlich, daß angesichts der kurzen Restdistanz keiner der beiden Spieler das Risiko einer Niederlage mehr eingehen wird und deshalb beide noch risikoaverser agieren werden als bisher. Vielleicht werden wir gleich mehr wissen, wenn wir sehen, welche Marschroute sich Fabi mit Weiß für die heutige Partie zurechtgelegt hat. Ich bin sehr gespannt.
    • Schroeder schrieb:

      Als Spieler weiß ich durch meine Notation genau, wann ich eine Zeitkontrolle geschafft habe und wann eine Remisreklamation (3fache Stellungswiederholung oder 50 Züge) möglich ist. Ohne Mitschrift würde ich hier im Dunkeln tappen. Es ist also schon allein im eigenen Interesse der Spieler mitzuschreiben.
      Das und noch dazu, dass es doch irgendwie auch noch ein schönes nostalgisches Geühl ist, so ein Stück Papier da zu haben...so lange ich Schach spiele werde ich das tun, es gehört für mich irgendwie dazu

      Beitrag von Tatortreiniger ()

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    • 8. Partie

      Nachdem er Carlsen in allen drei bisherigen Weißpartien in der Rossolimo-Variante abgefragt und keine Schwächen gefunden hat, greift Caruana heute zum erstenmal zur Königsklasse der Schacheröffnungen - dem offenen Sizilianer. Carlsen spielt die Sweshnikov-Variante, und Caruana entscheidet sich für das Abspiel mit 7.Sd5, das zu strategisch scharfem Spiel mit Bauernmehrheiten auf verschiedenen Flügeln (Weiß am Damenflügel, Schwarz am Königsflügel) führt. Am Bedenkzeitverbrauch ist erkennbar, daß Caruana die aufs Brett kommende Zugfolge bis mindestens Zug 19 vorbereitet hat, während Carlsen schon in dieser Phase schwer zu kämpfen hat und viel Zeit verbraucht. Caruana erreicht eine deutlich vorteilhafte Stellung (der norwegische Supercomputer Sesse soll hier schon Bewertungen in der Nähe einer Gewinnstellung angezeigt haben), vergibt diese aber vermutlich mit dem Zug 24.h3, der von den Kommentatoren stark kritisiert wurde. Dies gibt Carlsen die Atempause, die er braucht, um die Stellung in ausgeglichenes Fahrwasser zu lenken. Es entsteht ein Endspiel mit Türmen und ungleichfarbigen Läufern, das noch vor der Zeitkontrolle Remis gegeben wird.

      Caruana, Fabiano (2832) - Carlsen, Magnus (2835)
      Schach-WM, 19.11.2018



      Bericht mit Partiekommentar von Andre Schulz: Schachweltmeisterschaft 8. Partie: Carlsen im Glück

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