Kandidatenturnier in Jekaterinenburg: 17. März bis 5. April 2020

    • Kandidatenturnier in Jekaterinenburg: 17. März bis 5. April 2020

      Bisher stehen folgende Teilnehmer fest:

      Fabiano Caruana (Verlierer des letzten WM-Matches)
      Ding Liren (Finalist Worldcup)

      Unklar ist noch, ob Teimour Radjabov (Finalist im Worldcup), der seine Profilaufbahn mehr oder weniger beendet hat, seinen Platz im Kandidatenturnier wahrnimmt.

      Daneben ist Anish Giri sehr wahrscheinlich über das Rating qualifiziert - es sei denn, daß MVL bis November 27 Rating-Punkte gewinnt.

      Wer die übrigen begehrten Plätze ergattern könnte, untersucht Conrad Schormann in Wer spielt im Kandidatenturnier?
    • Nach Abschluß der Grand-Prix-Serie stehen jetzt die Kandidaten fest - mit Ausnahme der Wildcard, über die es noch Diskussionsbedarf gibt.

      Qualifiziert sind:

      Fabiano Caruana (Verlierer des letzten WM-Kampfes)
      Teimour Radjabov (Platz 1 im World Cup)
      Ding Liren (Platz 2 im World Cup)
      Wang Hao (Sieger des Opens auf der Isle of Man)
      Alexander Grischuk (Sieger des FIDE Grand Prix)
      Ian Nepomniachtchi (Platz 2 des FIDE Grand Prix)
      Anish Giri (beste durchschnittliche Elozahl in 2019)
      (voraussichtlich) Kirill Alekseenko (Wild Card)

      Der russische Schachverband will die Wildcard an Alekseenko vergeben, aber MVL hat in einem offenen Brief Ansprüche auf einen Stichkampf gegen Alekseenko angemeldet: Wer bekommt die Wildcard für das Kandidatenturnier 2020?
    • Kandidat 1: Kirill Alekseenko

      Daniel King stellt die Kandidaten vor. Er beginnt mit Kirill Alekseenko, dessen dritter Platz beim "Grand Swiss" auf der Isle of Man ihm zur Qualifikation per Wildcard verholfen hat.

      Alekseenko ist ein typischer Vertreter der russischen Schachschule. Solides Eröffnungsrepertoire, extrem gut vorbereitet, strebt komplexe Stellungen an.

      King zeigt den Sieg von Alekssenko gegen Moiseenko als Beispiel für seinen Stil:

      GM Moiseenko, Alexander (2635) - GM Alekseenko, Kirill (2674)
      FIDE Grand Swiss, Douglas, 3. Runde, 12.10.2019




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    • Kandidat 2: Wang Hao

      Ebenfalls über das "Grand Swiss" hat sich Wang Hao qualifiziert - und das als Turniersieger.
      Er rechnet unglaublich gut und ist ein kompromissloser Angreifer. Hier ein für ihn typischer Sieg vom Gibraltar Masters:


      GM Batsiashvili, Nino (2456) - GM Wang Hao (2758)
      Gibraltar Masters, Caleta, 3. Runde, 23.1.2020



      Wang Haos Kaltblütigkeit, mit der er einen mörderisch aussehenden weißen Angriff in der h-Linie zuläßt und dann den entscheidenden Konter findet, ist bemerkenswert.

    • Kandidat 3: Anish Giri

      Anish Giri hat sich qualifiziert, indem er die höchste Elo im Jahresdurchschnitt 2019 hatte. Er gilt als einer der eröffnungstheoretisch besten Spieler der Welt und hat seine große Stärke in technischen Stellungen.

      Daniel King zeigt Giris Sieg gegen Wesley So von der Grand Chess Tour. Die Partie ist beispielhaft für Giris tiefe Eröffnungsvorbereitung und seine Fähigkeit, den Gegner in technischen Stellungen niederzukneten:

      GM Giri, Anish (2776) - GM So, Wesley (2760)
      Grand Chess Tour, Bukarest, 1. Runde (Rapid), 6.11.2019




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    • Kandidat 4: Teimour Radjabov

      Teimour Radjabov ist 33 Jahre alt und hatte (ob dieses biblischen Alters ;) ) seine Profilaufbahn schon mehr oder weniger als beendet betrachtet. Beim FIDE World Cup gelang ihm im September / Oktober 2019 aber ein glänzendes Comeback, als er nicht nur das Finale erreichte (was ihm die Kandi-Qualifikation einbrachte), sondern dann auch noch im Finale den in überragender Form befindlichen Ding Liren bezwang.

      Radjabov ist ein sehr solider und technisch perfekter Spieler, der nur dann angreift, wenn die positionellen Voraussetzungen gegeben sind. Er ist einer der wenigen Weltklassespieler, die sich noch trauen, die königsindische Verteidigung auf regelmäßiger Basis zu spielen. Radjabov war schon früh als "Wunderkind" bekannt. Er wurde mit 11 Jahren IM und mit 13 Jahren GM.

      Daniel King zeigt den Sieg des damals 15-jährigen Radjabov gegen Kasparov in Linares 2003, der als "David-und-Goliath-Partie" in die Schachgeschichte eingegangen ist:

      GM Garry Kasparov - GM Teimour Radjabov
      XX Ciudad de Linares, 2. Runde, 23.2.2003





      Umfangreiche Analysen zu dieser Partie finden sich hier: chessgames.com/perl/chessgame?gid=1260681

      Nach dieser Niederlage schäumte Kasparov vor Wut.

      Kasparov lost to Teimour Radjabov by storming away from the board and lost on time rather than resign in a clearly lost position. He refused to shake hands or do a post game analysis. Later, Radjabov was awarded the brilliancy prize, but Kasparov walked up on the stage, grabbed the microphone, and launched a 10 minute tirade at the journalists, saying the award was a public insult and humiliation because Radjabov was completely lost in the game.

      Quelle: Chessbase News, 11. März 2003
    • Kandidat 5: Ian Nepomniachtchi

      Ian Nepomniachtchi qualifizierte sich durch seinen zweiten Platz beim FIDE Grand Prix. Er spielt hochgradig unternehmungslustiges und kreatives Schach, oft an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn. Er kann an einem guten Tag jeden schlagen, aber auch durch grobe Patzer sang- und klanglos verlieren. Daniel King stellt ihn vor anhand eines Schwarzsieges gegen Vishy Anand, bei dem "Nepo" schon im ganz frühen Partiestadium mit 4.-h6 und 6.-g5 kräftig vom Leder zog.


      GM Anand, Vishy (2767) - GM Nepomniachtchi, Ian (2775)
      Croatia Grand Chess Tour, Zagreb, 1. Runde, 26.6.2019





    • Kandidat 6: Alexander Grischuk

      Grischuk gewann die FIDE Grand Prix Serie mit einem zweiten Platz in Moskau und einem Turniersieg in Hamburg.

      Der heute 36-jährige gehört länger als jeder andere Teilnehmer zur Weltspitze. So erreichte er einen Platz unter den Top 10 der Welt schon in 2003. Dies ist bereits seine fünfte Teilnahme an einem Kandidatenturnier.

      Er sucht in jeder Stellung tiefgründige Lösungen. Dadurch gerät er häufig in horrende Zeitnot, macht aber auch dann nur sehr selten grobe Fehler. Der Sieg gegen MVL in Hamburg ist ein Beispiel für seine überragende Endspieltechnik:


      GM Grischuk, Alexander (2764) - GM Vachier Lagrave, Maxime (2777)
      Hamburg FIDE Grand Prix, 3. Runde, 12.11.2019





    • Ich freue mich für Maxime Vachier-Lagrave (MVL), dass er nun unverhofft als Nachrücker Teimur Radjabows am Kandidatenturnier teilnehmen kann. Schließlich ist der Franzose seit einem Jahrzehnt in der Weltspitze etabliert und hat die Qualifikation für ein solch wichtiges Turnier mehrfach nur knapp und unglücklich verpasst. Unter normalen Umständen, also mit monatelanger Vorbereitung auf genau die kommenden Gegner, wäre er in meinen Augen neben Fabiano Caruana und Ding Liren Favorit auf den Sieg; da er aber quasi von der heimischen Couch kommend spielen darf respektive muss, sind seine Chancen schwer zu beziffern.

      Wer weiß, vielleicht entscheidet sich der Russische Schachverband (RSV) kurzfristig noch zur Verschiebung oder gar Absage des Turniers in Jekaterinburg. Teimur Radjabows Kritik am Corona-Management von FIDE und RSV finde ich nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es wäre denkbar gewesen, alle acht qualifizierten Kandidaten zum selben Zeitpunkt anreisen und sich gemeinsam für zwei Wochen in Quarantäne begeben zu lassen (und das nicht nur der persönlichen Entscheidung Ding Lirens zu überlassen). Das wäre eine Geste der Verantwortung des Ausrichters gegenüber den Spielern und ihrer sowie ihrer Umgebung Gesundheit gewesen.

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    • Neben Daniel King hat auch Colin McGourty die Pros und Cons zu den Chancen der Kandidaten zusammengestellt. Dabei kann er u.a. auf die Einschätzungen zurückgreifen, die Jan Gustafsson, Laurent Fressinet und Peter Heine-Nielsen mittels eines Punktesystems zu jedem Kandidaten gegeben haben.

      Kirill Alekseenko
      Wang Hao
      Anish Giri
      Ian Nepomniachtchi

      Artikel zu den anderen Kandidaten werden sicher noch folgen.

      Auch die Kommentatoren stehen jetzt fest. In den ersten 8 Runden werden dies Kramnik, Gustafsson und Trent sein. Danach wird Kramnik durch Short ersetzt.
      Kramnik & Short to commentate on the Candidates
    • Kandidat 5 (Update): Maxime Vachier-Lagrave

      MVL ersetzt den zurückgetretenen Radjabov, weil er die zweitbeste Durchschnittselo in 2019 hatte.

      Der 29-jährige Franzose hat seine große Stärke in der Eröffnungsvorbereitung und in Endspielen. Er löst viele Endspielstudien und hat daher eine ungeheure taktische Schärfe in dieser Partiephase. Was ihn von allen anderen Kandidaten unterscheidet: er hat ein starres Eröffnungsrepertoire und spielt mit Schwarz ausschließlich Najdorf-Sizilianer und Grünfeldindisch. Das hat ihm schon viele Erfolge eingebracht, aber die fehlende Flexibilität könnte sich auch als Nachteil erweisen.

      Daniel King zeigt den Sieg von MVL gegen Alekseenko vom Gibraltar Open:

      GM Vachier Lagrave, Maxime (2780) - GM Alekseenko, Kirill (2637)
      Gibraltar Masters, Caleta, 9. Runde, 30.1.2019





    • Kandidat 7: Ding Liren

      Der 3-fache chinesische Meister hatte in 2019 ein überragendes Jahr und qualifizierte sich als Finalist des World Cup für das Kandidatenturnier. Ding hat die zweithöchste Elozahl der Kandidaten und hat einen untrüglichen Instinkt für jede noch so geringe Chance, den gegnerischen König anzugreifen. Daniel King zeigt seinen Sieg gegen Carlsen vom Tata Steel Turnier, dessen Grundstein Ding mit einer verblüffenden Königswanderung bei vollem Brett legte.


      GM Carlsen, Magnus (2870) - GM Ding Liren (2801)
      Tata Steel India Blitz, Kolkata, 5. Runde, 25.11.2019





    • ... noch 4 Tage bis Turnierbeginn ...

      Während der Turnier- und Ligabetrieb für die nächste Zeit fast vollständig abgesagt ist, findet das Kandidatenturnier wie geplant statt - mit besonderen Vorkehrungen: Nur noch wenige Tage: Start des Kandidatenturnieres 2020


      Die Paarungen der ersten Runde lauten:

      Maxime Vachier-Lagrave - Fabiano Caruana
      Ding Liren - Wang Hao
      Anish Giri - Ian Nepomniachtchi
      Alexander Grischuk - Kirill Alekseenko


      Der Startschuß fällt am Dienstag, 17. März um 12 Uhr MEZ.
    • Kandidat 8: Fabiano Caruana

      Der 27-jährige hat im letzten WM-Kampf bewiesen, daß er dem Weltmeister Paroli bieten kann. Er ist der Elo-Favorit des Kandidatenturnieres (Live-Elo: 2842) und scheint genau zum richtigen Zeitpunkt in Topform zu sein: er gewann das Tata Steel Turnier im Januar mit einem Score, das in so einem Turnier eigentlich unmöglich ist: 10 aus 13 - volle zwei Punkte vor Carlsen!

      Daniel King zeigt Fabianos Sieg gegen MVL von der Grand Chess Tour, der die höhere Risikobereitschaft demonstriert, die er sich in den letzten Jahren angeeignet hat:

      GM Vachier Lagrave, Maxime (2779) - GM Caruana, Fabiano (2819)
      Croatia Grand Chess Tour, Zagreb, 6. Runde, 1.7.2019




    • Das Turnier begann mit zwei Schwarzsiegen, die man nicht unbedingt erwarten konnte. Die ersten Spitzenreiter heißen demnach Wang Hao und Ian Nepomniachtchi.

      Bericht von Andre Schulz: Kandidatenturnier: Wang Hao und Nepomniachtchi starten mit Siegen

      Boris Gelfand fand die Partie Grischuk - Alekseenko am gehaltreichsten. Hier ist seine Analyse: Kandidatenturnier: Boris Gelfand analysiert
      ... und Malcolm Pein kommentiert alle vier Partien: Die Partien der 1. Runde - tiefe Analyse

      Pepe Cuenca kommentiert die Partie des Tages Anish Giri - Ian Nepomniachtchi: unnachahmlich und unbedingt sehenswert, auch wenn man kein Spanisch versteht:

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