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    • Eine Welt auf 64 Feldern

      Online-Schachplattformen melden immer neue Rekordnutzerzahlen, doch auch das analoge Spielen ist weiterhin beliebt - auf kleinem und auf riesigen Brettern.

      Einst war es Teil der rittlerichen Ausbildung, heute ist Schach so demokratisch wie nie. Über ein Spiel, das die Menschen seit Jahrhunderten begeistert - und eine Freundschaft über politische Ideologien hinweg.

      Die Arenen

      Eine Erfinderin des Schachspiels ist nicht bekannt. Man weiß aber, dass Schach im Indien des 6. Jahrhunderts seinen Anfang nahm und vermutlich aus einem anderen Brettspiel namens Chaturanga hervorging, das ebenfalls auf einem Feld mit 64 Feldern gespielt wird. Schach verbreitete sich zunächst in Asien und in der arabischen Welt, im 10. Jahrhundert kam es schließlich nach Europa. Und obwohl die Kirche das Spiel (ebenso wie Würfelspiele) bisweilen verbot, erfreute es sich schnell großer Beliebtheit, mancherorts gehörte es gar zur ritterlichen Ausbuldung. Dennoch galt Schach vor allem im Mittelalter primär als Spiel des Adels, die früheren Arenen waren Schlösser, Paläste, Höfe.

      Den Weg ins Bürgertum ebnete die Kaffeehauskultur des 18. und 19. Jahrhunderts. Zum bedeutendsten Zentrum des euopäischen Schachspiels wurde das Cafe de la Regence in Paris, das es bis heute gibt. Dort soll unter anderem der Komponist und beste Schachspieler seiner Zeit, Francois-Andre Danican Philidor (1726-1795), regelmäßig verkehrt und gespielt haben. Andere Stammgäste waren die Philosophen Voltaire und Rousseau. Dieser Satz jedoch stammt von Philidor:" Die Bauern sind die Seele des Schachspiels." Die ersten Schachklubs in deutschland eröffneten im frühen 19. Jahrhundert.

      Mehr als 200 Jahre später ist das Internet zu einem der wichtigsten Orte für das Schachspiel geworden, die gängigen Online-Plattformen vermelden immer neue Rekordnuterzahlen. Eine positive Entwicklung dabei: Das Netz hat Schach demokratisiert. Talente benötigen nicht länger den Zugang zu teuren Lehrbüchern oder schicken Kaffehäusern, umbesser zu werden. Schön für alle Fans des analogen Spiels sind die Riesen-Schachbretter, wie es sie an öffentlichen Plätzen oder in Freibädern gibt.

      Die Literaur

      Oftmals beinhalten Schachbücher sogenannte Notationen, mit der sich jeder einzelne Zug einer Partie genau nachvollziehen lässt. Das Endspiel eier berühmten Partie von Garri Kasparow gegen Wesselin Topalow aus dem Jahr 1999 sieht dann beispielsweise so aus:

      36. Lh3–f1!! Td8–d2 37. Tb7–d7! Td2xd7 38. Lf1xc4 b5xc4 39. Db2xh8 Td7–d3 40. Dh8–a8 c4–c3 41. Da8–a4+ Kd1–e1 42. f3–f4 f7–f5 43. Kb1–c1 Td3–d2 44. Da4–a7.



      Es gibt allerdings auc großartige Bücher über Schach, die sich nicht explizit an ein Fachpublikum richten. Sehr bekannt ist die "Schachnovelle", die Stefan Zweig 1942 im brasilianischen Exil schrieb. Die Geschichte von Dr. B., einem österreichischen Vermögensverwalter, der von den Nazis gefangen genommen wird und nur mithilfe des Schachs das Eingesperrtsein erttägt, bis er schließlich Schach nicht mehr erträgt, ist Weltliteratur und Schullektüre. Gerade erst, 2021, wurde sie wieder verfilmt.

      Ein weiterer Schachroman, der sich intensiv mit der Psyche des Spiels auseinandersetzt, heißt"Carl Haffners Liebe zum Unentschieden". Der Debütroman von Thomas Glavinic aus dem Jahr 1998 ist inspiriert von der Biografie des österreichischen Carl Schlechter und erzählt von einem kräftezehrenden Kampf zweier ungleicher Kontrahenten am Brett.

      Die Figuren

      Schachfiguren, wie wir sie heute kennen, entsprechen in aller Regel den Ideen von Nathaniel Cooke. 1849 meldete der britische Designer und Verleger Patent für die "Staunton Chessmen" an, benannt nach dem damaligen Spitzenspieler Howar Staunton. Innerhalb kürzester Zeit wurden Coos Figuren zum internationalen Standard, vor allem, weil sie endlich Klarheit brachten. Zuvor war es bei Turnieren immer wieder zu Irritationen gekommen, weil Spieler ihre Figuren verwechselt hatten.

      Cooke etablierte daher universelle Merkmale:
      die Kufel des Bauern, den Pferdekopf des Springers, die Kronen des königlichen Paares. Die Unterschiede zwischen verschiedenen Sets können dennoch groß sein, sowjetische Könige etwa tragen eine Krone ohne Kreuz, während der Springer des Architekten Daniel Weil keine ausgestanzten Augen haben. Für Sammler und Kenner liegen Welten zwischen Cooke und Weil.

      Ohnehin eine ganz eigene Welt sind die Schachspiele einiger Luxusmarken wie das von Swarowski aus Kristall und Marmor. Wer hingegen nach einem Set sucht, das optisch etwas Besonderes und dennoch auch zum Spielen geeignet ist, dem sei das minimalistische "Berliner Schachspiel" empfohlen. Handgefertigt aus Palisander und Buchsbaum erinnert das schlichte Designs der Figuren an den Bauhaus-Stil der 1920Jahre (ca. 530 Euro, shop-wordlchess.com)

      Die Verbindung

      Als der Herausforderer Bobby Fischer aus den USA und der Titelverteidiger Boris Spasski aus der Sowjetunion 1972 in Reykjavik den Schachweltmeister ausspielten, wurde dieses Match auf beiden Seiten des Eisernen Vorhanges zum Kapf der Systeme hochstilisiert. "Amerika wünscht sich, dass Sie da hinfahren und die Russen schlagen!", soll US-Sicherheitsberater Henry Kissinger zu Bobby Fischer am Telefon gesagt haben. Fischer besiegte Spasski.

      Bis heute gilt Schach politischen Akteuren als Projektionsfläche; dass die aufstrebenden Mächte Chinas und Indien zuletzt große Summen ausgerechnet in die Schachförderung gesteckt haben, ist kein Zufall. In Afghanistan hingegen gilt sei einigen Monaten ein Schachverbot - vermutlich, weil auch die Taliban wissen, dass Schach freies Denken fördert. Und Zusammenhalt: Als Bobby Fischer im Januar 2008 vereinsamt starb, gab es einen menschen, der bis zum Ende freundschaftlichen Kontakt gehalten hatte. Es war Boris Spasski.

      Die Emotionen

      Der Fotograf Stev Bonhage sagt, Schachspieler zu fotografieen, das sei wie Angeln, "manchmal sitze ich stundenlang an der falschen Stelle, und es beißt nichts an". Seine Geduld hat sich ausgezahlt. Die besten Schachfotos hat Bonhage in dem Fotobuch "Capture - An exchange between photography and chess" gesammelt.Der Schwede, der von der Actionsportfotografie (Boxen, Formel 1, Breakdance) kommt, gilt inwischen völlig zu Recht als der weltweit beste Schachfotograf. keinem anderen gelingt es so gut, die Emotionen am Brett einzufangen. Der verzweifelte Profi im Kandidatenturnier, das lachende Kind im kenianischen Flüchtlingscamp, die konzentrierten Häftlinge im Gefängnis: Bonhages Buch ist eine vielseitige Liebeserklärung an das Spiel der Knönige (75 Euro, stevbonhage.com)

      gefunden in: sueddeutsche.de/stil/schach-ge…tter-literatur-li.3370155


      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Wo man die Stille hört

      Wo gibt es heute noch echte Ruhe, jenseits von Noise-Cancelling-Kopfhörern und Meditationspodcasts? Im estnischen Wald wird das Geheimnis der Tintinnabuli-Musik von Arvö Pärt bewahrt. Ein Besuch.

      Man kann nicht immer spazieren gehen, nur weil schönes Wetter ist. Nora Pärt wollte an diesem Februartag hinausgehen, Sonne ist ein seltenes Phänomen in dieser Jahreszeit in Estland. Damals Sowjetrepublik. Ihr Mann Arvo Pärt aber saß am Klavier. Er konnte an diesem Tag nicht die Wohnung verlassen. Er brauchte die paar Sonnenstrahlen draußen nicht, er schuf seine eigene Helligkeit.

      Wenige Noten, langsam tropfende Klaviertöne. Ein jeder lange nachklingend, jeder hängt sich im Gedächtnis fest. Arvo Pärt schrieb an diesem Tag vor 50 Jahren "Für Alina". Zwei Minuten ist das Klavierstück lang. Das Ende einer acht Jahre kangen Suche nach dem richtigen Ton.

      Zuletzt hatte Pärt schon angefangen, Blumentöpfe zu bemalen. Was soll man tun, wenn man nichts tun kann? Wenn man etwas schaffen will, aber nichts zuwege bringt? Pärt hatte sich von der musikalischen Collage abgewendet, von den modernistischen Techniken seiner Zeit, er war ein Suchender geworden. "Für Alina", das Werk mit dem er seine Tintinnabulia-Musik begründete - nach dem lateinischen Wort für Schellen - schien er nicht aus Klängen erschaffen zu haben, sondern aus Stille. Kann man Stille vertonen?

      Eine Frage, die man in Ruhe beantworten muss. In aller Ruhe. In einem Haus, offen und geborgen zugleich, hell, aber ohne Schatten. Versteckt im Wald, nah am offenen Meer. Arvo-Pärt-Zentrum heißt es, ganz schlicht. Anfangs war es ein Archiv, eine Sammlung. Die dann Platz fand in einem Gebäude für Architekturbegeisterte mit Konzertsaal, Studienort, Ausstellungsraum, Bibliothek. Ein Haus aus Holz und Glas, das den Wald hereinläßt und zugleich vor ihm schützt. Das Haus hat kaum Ecken, die Wände sind geschwungen, die Stoffe in den gedeckten Farben von Herbstlaub sind weich, aber nicht flauschig. Man sitzt bequem, aber fläzt nicht.

      Das Zentrum ist ein Denkmal, das dem mittlerweile 90-jährigen zu Lebzeiten errichtet wird. Es füllt sich noch mit Noten und Notizen. Mit Klängen, mit Aufführungen seiner Werke, manchmal kommt ein neues Arrangement, eine neue Stimme dazu oder sogar eine Erstaufführung einer Komposition, die Jahre im Archiv schlummerte.

      Eins plus eins ergibt eins. Keine Zweiheit, eine Einheit

      "Die Stille ist noch perfekter als die Musik. Du musst nur lernen, sie zu hören." Das ist ein Satz, den Arvo Pärt in seinem Tagebuch notierte. Er steht auf einer der weißen Säulen im Ausstellungsraum oder besser: Hörssal. Per Lichtprojektion verschwinden und erscheinen die Tagebuchsätze auf den Säulen. Wenn alle verschwinden, erklingt Musik. Nie alles auf einmal. Alles nacheinander. lesen, Nachdenken, Hören. In einem der Sessel Platz nehmen, von der hohen Lehne umarmt. Hinausschauen in den Wald. Hinausschauen, Hinausschauen. Der Musik im Kopf weiter nachlauschen.

      Und wieder von vorn.

      Es fiel wohl auch dem Komponisten nicht so leicht, zu lernen, die Stille zu hören. Er scheint sie untersucht zu haben, wie einen Schneestern. Und den nächsten, keiner gleicht dem anderen. Und doch fand er ein System, eine Formel, die fortan seine Kompositionen bestimmte. Eins plus eins ergibt eins. Keine Zweiheit, eine Einheit. Die Melodie und die Tintinnabuli, die Sünden und die Vergebung - wie Pärt schreibt -ä und auch wie Gottvater und Sohn.

      Im abgeschlossenen Innenhof des Zentrums steht eine Kapelle. Drinnen riecht es nach Weihrauch, stehen zwei Stühle an der Wand, ein kleiner Altar, Wandgemälde zeigen Pärts liebste Heilige. Pärt hatte zu Sowjetzeiten, als die Kirchen unterdrückt wurden, zum orthodoxen Glauben gefunden. 1980 wurde er mit seiner Frau in die Emigartion gezwungen, lebte Jahrzehnte in Deutschland. Mehreren geistlichen,die ihn geprägt haben, hat er sein Werk gewidmet. "Seine Musik ist wie beten", sagt nun die Mitarbeiterin, die durch das Zentrum führt. Und dass es hohe Konzentration und auch Geduld erfordere, Pärts Werke zu spielen. Denn die Stille, die Pausen, die gehören dazu und man muss sie aushalten.

      Die Stille sei ganz und gar erfüllt, schreibt Pärt. Es klingt beinahe nach einer Last. Vielleicht muss er sie deshalb mit Musik befragen. Doch auch die Musik, schreibt er, ist zwar "Freund", tröstet, vertreibt die Angst, ist "Quelle von Freude und Befreiung". Aber sie ist auch "der Stachel in meinem Fleisch und meiner Seele, ernüchtert mich und lehrt mich Demut".

      Der Weg zur Ruhe führt durch Krisen. So erging es Pärt, so mag es anderen ergehen. Pärt benötigte acht Jahre, bis er seine Tintinnabuli-Formel gefunden hatte und entwickelte sie sann über Jahre weiter.

      Durch welche Krise man selbst auch gehen mag, auf welcher Suche man sich befinden mag - man muss nicht acht Jahre unterwegs sein, um Arvo Pärts Welt der musikalischen Stille zu erreichen. Es reicht, im Zentrum der estnischen Hauptstadt den Bus 127 Richtung Laulasmaa zu besteigen. Am Ende geht man noch ein Stück durch den im Februar verschneiten Kiefernwald. Dann sieht man es zwischen den Bäumen, das Arvo-Pärt-Zentrum. Schon am Flughafen in Tallinn wird es beworben.

      Aus Pärts Musik könnte man tourismuswerbewirksam die endlosen Wälder, die langen Somemrtage, die dunkelgraue Wintersee heraushören. Oder sogar den blauen Himmel, den schwarzen Wald und das weiß verschneite Feld: blau-schwarz-weiß, die Farben der Nationalflagge Estlands. Aber das wäre zu wenig.

      Das politische Bild, das Estland von sich bietet, hat viel mit cleveren Technikfreaks zu tun.

      Mit Stolz vermeldeten estnische Medien vergangenes Jahr, Arvo Pärt sei weltweit er meistgespielte Komponist der Gegenwart. Vermutlich ist Oärt der bekannteste lebende Este neben der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas. Deren Welt ist laut und hektisch. Die Themen, um die sie sich kümmernmuss, verbreiten Angst und Schrecken. Das politische Bild, das Estland von sich bietet, hat viel mit cleveren Technikfreaks zu tun, die Abwehrdrohnen bauen und mit jungen Leuten, die gern zum Militärdient gehen.

      Solche Nachrichten sind es, die die Welt beschäftigen. Aber was hält sie zusammen, was hält die Menschheit zusammen? Eine estnische Antwort könnte lauten: Waldluft und Singen. Beides lieben die Esten. Musikalische Ausbildung hat höchsten Stellenwert, alle zwei bis fünf Jahre versammeln sich Hunderte Chöre des Landes und Zehntausende Sänger zum Laulupidu-Sing- und_ Tanufest. Auch ein von Pärt komponiertes Wiegenlied- basierend auf einer alten Volksweise - wurde im Juli 2025 aufgeführt.

      Die Welt mit ihren Krisen draußen und die Sorgen in einem dronnen gehen nicht weg, nur weil man das Arvo-Pärt-Zentrum besucht. Aber die Ruhe, die es gibt, rührt daher, dass es einen Weg zeigt, mit all dem fertig zu werden. Die Ruhe hier ist nicht mit Podcast_Meditation oder Noise-Cancelling-Kopfhörern zu erreichen.

      Sie steckt in den tropfenden, wie aus Stille gemeißelten Töne Arvo Pärts, die im Wald, im Haus aus Holz und Glas, bewahrt werden. Es ist Musik, entstanden in höchster Konzentration, tiefster innerer Sammlung. Die ganze Lautstärke der Gegenwart mit ihrem überladenen Kitsch- und- Glitzer-Pop in Musik und Design, ihrem brüllendem Populismus, der Hochgeschwindigkeitsnachrichtenflut scheint daher zu verschwinden.

      Pärts Töne sitzen exakt, es ist eine Formel, genau durchdacht, deren Harminie auf Disonanzen beruht. Und zwischen den Tönen: Stille. Die Stille, schreibt Pärt, beantwortet alle Fragen.

      gefunden in: sueddeutsche.de/kultur/arvo-pa…n-li.3386100?reduced=true

      Anm. meinerseits. Ich liebe seine Musik und ein Traum von mir, diesen Ort einmal besuchen zu können. :saint:

      EIns meiner Lieblingsstücke von ihm:
      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Unglaublich. Das hatte ich gestern schon (kurz) gelesen.

      Es ist mir unverständlich, wieso die Mitarbeiter der Fachhochschule nicht Frau Liv Heide gefragt haben:
      "Was sagen Sie zu diesen Vorwürfen?"
      Auch bei einer fristlosen Entlassung sollte man, wenn möglich, vorher noch die Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten.
      Hier wäre das problemlos möglich gewesen.

      Die Frage ist, wie soll sich der Arbeitgeber verhalten, wenn die Person sagt: "Das stimmt nicht." oder
      "Ich möchte vor meiner Stellungnahme einen Anwalt konsultieren."

      Aber das ist eine andere Frage.
      Zur Fairness gehört die Möglichkeit der Stellungnahme, die natürlich auch zumindest zu Protokoll genommen werden kann,
      wenn die Person dies wünscht.

      Die Fachhochschule wollte heute dazu Stellung nehmen.
      Ich hoffe nicht nur, dass sie sich entschuldigen, sondern ihr eine Entschädigung und eine Arbeitsstelle anbieten, sofern sie möchte. Der Verfassungsschutz muss eine höhere Entschädigung zahlen.
    • Alltagsmathe
      So ist es gerecht. Oder? Teil 1 -

      Schon mal beim Pizza-Teilen zu wenig Salami erwischt? Das kleinste Kuchenstück? Die dünne Seite vom Käsebrot? Skandal! Wie es besser geht mit Mathematik.

      Oft scheint gerechtigkeit unmöglich. WEie soll man etwa Omas Goldring unter drei Erben aufteilen? Oder eine Pizza, wenn einer den Rand liebt, der andere das Innere? Dabei bietet die Mathematik etliche Verfahren, die ein exakt gerechtes Aufteilen ermöglichen, selbst wenn es utopisch scheint. Und Forscher arbeiten daran, diese Methoden praktikabel zu machen.

      Für ein verliebtes Paar, das beim Pizzateilen die Romantik bewahren will, scheint die Sache eifnach: Einer teilt, der andere wählt. Der Teilende wird versuchen, die Pizza genau zu halbieren. Doch den Mittelpunkt per Schnitt exakt zu treffen ist schwer. In der Realität verfehlt die Klinge ihn fast immer. Hat der Wählende gutes Augenmaß, kann er das größere Stück nehmen, Romantik schön und gut, aber Pizza geht vor.

      Was aber, wenn der Teilende den Mittelpunkt verfehlt, vielleicht sogar drastisch, aus Liebeskummer: Pecht gehabt? Aber die Mathematik hat für solche Fälle eine Lösung, die auch bei hierigen Partnern Übervorteilung verhindert. Man braucht dann allerdings, wenn es schon nich mit dem Mittelpunkt klappt, ein umso besseres Auge für Winkel, oder ein Geodreieck in der Tasche.

      Dann zieht man drei weitere gerade Schnitte so durch die Pizza, dass die Schnittlinien alle in einem Punkt und in 45-Grad-Winkeln aufeinandertreffen.

      Das sogenannte Pizza-Theorem, 1967 vorgeschlagen von LJ Upton, 1968 erstmals bewiesen von Michael Goldberg, garantiert: Egal wo sich die Linien treffen, in der Mitte oder nahe am Rand, wird die Pizza gerecht geteilt, wenn die beiden Esser jweils jedes zweite Stück nehmen.

      Wenn nicht durch die Mitte geschnitten wurde, gleicht keines dem anderen, doch die je vier Stücke addieren sich exakt zur Häfte. Und das gilt auch für den oft unbeliebten Rand: Beide Esser erhalten genau gleich viel davon.Ganz exakt klappt das allerdings nur, wenn die Pizza kreisrund ist.

      Einen weiteren eleganten Beweis des Pizza-Theorems fanden Larry Carter und Stan Wagon 1994: Sie zerlegten jedes der acht Stücke weiter, aber so, dass Paare von deckungsgleichen - oder im Matematiker-Jargon "kongruenten" - Stücken entstehen.

      Das Ganze funktioniert übrigens auch, wenn man die Pizza nicht ina cht Teile schneidet, sondern sich für zwölf, 16 oder ein anderes Vielfaches von vier entscheidet - nur weniger als acht dürfen es nicht sein.

      "Das Pizza-Theorem ist so faszinierend weil niemand damit rechnet", sagt Hans Humenberger von der Universität Wien. Und es läßt sich sogar noch verallgemeinern, etwa auf drei Esser: Man schneidet in 30-Grad-Winkeln zwölf Teile, jeder Esser bekommt jedes dritte Teil, und alle gleich viel.

      Aber was, wenn die Esser mäkelig sind und einer gar keinen Rand will, der andere aber besonders viel? Oder wenn sie der Mathematik nicht trauen und bezweifeln, dass unetrschiedlich geformte Stücke sich wirklich zu einem fairen Anteil summieren? Für solche Fälle fanden Joel Haddley und Stephen Worsley von der Universität of Liverpool doe Lösung. sie ist gleichzeitig dekorativ und nützlich. Die beiden Mathematiker fragten sich: Lässt sich eine Scheibe so mit einer einzigen Form, "also lückenlos bedecken wie eine geflieste Badezimmerwand, dass mindestens eine Kachel den mittelpunkt nicht berührt?

      Haddley und Worsley erzeugten die Kacheln durch simple grafische Operationen. Man nehme zum Beispiel eine Kopie des Pizzalreises, teile ihn in sechs Abschnitte und lege diese Kreisbögen so vom Mittelpunkt zum Rand der Pizza, dass sie einander in der Mitte in 60-Grad-Winkeln treffen.

      Es entstehen sechs identische, geschwungene Pizzastücke, und schon ist die Scheibe gekachelt.

      Zieht man nun von einer Außenecke jeder Kachel eine Linie entlang ihrer Symmetrieachse zur Mitte des gegenüberliegenden Kreisbogens, entstehen zwei spiegelsymetrische Hälften - eine innen, eine am Rand.

      Die Pizza ist gleichmäßig geteilt, mit nur einer einzigen (allerdings beidseitig verwendeten) Kachelform. Die äußeren Kacheln kann der Rand-Fan bekommen, die inneren der Rand-Verachter, und beide sind zufrieden.

      Diese Zerteilung der Pizza beziehungsweise des Kreises war lange bekannt; wie die Autoren erwähnen, sei sie sogar das Logo eines Mathematikprogramms an der Penn State University gewesen. Sie konnten jedoch zeigen: Das Prinzip lässt sich verallgemeinern und mit unzähligen Winkeln, Kurven oder gezackten linien umsetzen. Es entstehen vielfältige Muster, die an exozosche Oramente erinnern. Haddley und Worsley konnten beweisen, dass ihr Rezept unendlich viele Kachelungen ergibt. Diese Erkenntnis ging viral. Dem New Scientist sagte Haddley, offenbar überrascht vom medialen Interesse:" Ich habe keine Ahnung, ob unsere arbeit überhaupt irgendwelche Anwendungsmöglichkeiten jenseits des Pizzaschneidens hat." Aber immerhin man könne hünsche Bilder produzieren.

      Das war wohl englisches Understatement. Denn die Arbeit zeigte die wichtige Rolle von Symmetrien beim Pizzateilen - eine Erkenntnis, die tief in die Geometrie reicht. In solchen Tiefen ist Richard Ehrenborg von der University of Kentucky zu Hause. Er hat abstrakte Pizzen in mehr Dimensionen durchgeschnitten, als sich der menschliche geist vorstellen kann.

      Erweitert man das Prinzip des Pizza-Theorems ins Dreidimensionale, wird aus dem kreis eine Kugel, aus Linien werden Ebenen, und aus dem Pizza-Theorem das "Calzone-Theorem"- manche Leute haben offenbar noch nie eine korrekt geformte Calzone gesehen. Wählt man in der Kugel einen beliebigen Punkt, zieht durch den Punkt eine Linie und die die Linie vier Ebenen, die sich entlang der Linie schneiden, plus eine Ebene, die senkrecht zur Linie durch P geht, wird die Kugel in 16 Stücke zerteilt.Teilt man diese wiederum abwechselnd auf zwei Esser auf, erhält jeder ds gleiche Violumen.

      Analog funktioniert das für beliebig hohge Dimensionen, auch wenn das Vorstellungsvermögen versagt. Mehrdimensionale Hyper-Ebenen zerschneiden dann den Hyper-Raum in immer mehr Kammern. Ehrenborg und seine Kolleginnen Sophie Morel und Margaret Readdy konnten 2022 zeigen: Auch in diesen höheren Dimensionen gilt das Pizza-Theorem, wenn man jweils benachbarte Kammern zwei Essern zuordnet.

      Aber was heißt eigentlich "fair" teilen? Was, wenn mehrere Salamischeiben unregelmäßig auf der Pizza liegen, und nicht nur der Teig, sondern auch die Wurst gerecht geteilt werden soll? Dann geht es nicht nur um gleich große Teile einer Sache, sondern mehrerwer gleichzeitig. Die Situation scheint komplexer. Muss man also komplizierte Schnittmuster wählen? Die Mathematik verneint: Ein Schnitt reicht.

      Plausibel macht das eine einfache Beobachtung: Man setze das Messer so an, dass der Pizzateig gerecht in zwei Hälften geteilt wird. Das geht übrigens auch bei einer etwas unförmigen Pizza, sie muss nicht rund sein.

      Wie viel Wurst liegt jetzt links vom Messer? Sagen wir: weniger als die Hälfte; andernfalls können wir auch die rechte Seite nehmen.

      Jetzt dreht man das Messer kontinuierlich im Uhrzeigersinn, so dass es den Teig immer weiter sauber halbieren würde. Nach 180 Grad Drehung ist man wieder beim Ausgangsschnitt angekommen, nur dass das Messer in die andere Richtung zeigt. Links vom Messer befindet sich jetzt genau der andere Teil der Wurst, also mehr als die Hälfte.

      Irgendwann dazwischen muss man demnach bei der 50-Prozent-Wurst_Marke vorbeigekommen sein, schließlich hat das Messer keine Sprünge gemacht. Wenn man diese Stelle findet und dort schneidet, hat man den Teig und Wurst mit nur einem Schnitt gerecht geteilt.
      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Alltagsmathe
      So ist es gerecht - Teil 2 -


      Das funktioniert auch mit noch viel allgemeineren Verteilungen von Dingen, was verblüffende Konsequenzen hat. Zum Beispiel lässt sich durch eine Deutschlandkarte eine schnurgerade Linie ziehen, sodass die beiden Teile des Landes je die Hälfte aller Alpengipfel über 2000 Meter und die Hälfte aller Kirchtürme enthalten. In drei Dimensionen gilt analog: Ein planetares Riesenmesser könnte die Erde so zerteilen, dass sich auf beiden Seiten je die Hälfte aller Solkenkratzer, Bierzelte und Wombats befindet. Denn, sehr praktisch: Man kann stets so viele Objektgruppen aufteilen, wie der betrachtete Raum Dimensionen hat.

      Der Name dieses Prinzips führt zurück zum Essen: Man nenne es das Ham-Sandwich-Theorem.

      Ein Schinken-Sandwich ist schließlich dreidimensional und hat drei Elemente, nämlich Brot, Schinken, nochmals Brot (oder, in anderen Varianten, Brot, Schunken, Käse).

      Das Theorem garantiert, dass alle drei, und seien sie noch so asymetrisch, mit einem einzigen Schnitt halbiert werden können.

      Es stammt aus dem legendsären "Schottischen Buch", eine Sammluing von Problemen, die eine Gruppe teils berühmter polnischer Mathematiker in den Dreißiger Jahren im "Schottischen Cafe" in Lemberg, dem heute ukrainischen Lwiw, erstellte.

      Luis Barba und Patrick Schnieder von der ETH Zürich haben das Ham-Sandwich-Theorem 2017 sogar für eine Pizza mit vier Zutaten erweitert - etwa Salami, Käse, Oliven und Teig. Spontan denkt man an kuvige Schnitte, was schnell zu Sreiit eskalieren kann. Barba und Schnieder konnten jedoch zeigen:

      Zwei schnurgerade Schnitte reichen immer. Diese können sich kreuzen, aber auch parallel verlaufen.

      Dummerweise konten Barba und Schnider nur zeigen, dass diese Schnitte existieren - wie man sie im konkreten Fall findet, bevor die Pizza kalt ist und die Esser zerstritten, bleibt ein offenes Problem.

      Ihn fasziniere das Ham-Sandwich-Theorem, sagt Wolfgang Mulzer. Der Informatiker von der Freien uNiversität Berlin beschäftigt sich seit Jahren damit - vor allem mit der Frage , wie man die optimale Schnittebene findet. Denn der Satz garantiert nur ihre Existenz. Sie zu finden, kann selbst für Computer zu rechenaufwendig sein, wenn man das problem in sehr vielen Dimensionen lösen will. Mulzers Team sucht nach einem Algorithmus, der das Problem in allen Didemnsionen schnell löst. Doch die Komplexität des HamSandwich_Theorems lasse sich nur schwer verorten, sagt Mulzer:" Wir können noch nicht sagen, ob es sich effizient berechnen läßt".

      Das mag alles sehr nach abstralter Spielerei klingen. Aber vielleicht könnten solche Algorithmen auch die reale Welt ein bisschen gerechter machen. Martin Hoefer von der RWTH Aachen evrsucht, auch Konzepte wie Neid in die Rechnung mit aufzunehmen. "Man kann viel darüber diskutieren, was Fairness bedeutet", sagt der Informatiker. "Fair", kann zum Beispiel scjlicht bedeuten, dass alle mit dem zufrieden sind, was sie bekommen - der Olympiasieg im Teilen, wie jeder weiß, der Kinder hat.

      Das "Fair Cake Cuting"-Problem betrachtet einen Kuchen mit verchiedenen Belägen. Wenn einer der Kuchenesser etwa Erdbeeren viel mehr schätzt als die anderen, begnügt er sich vielleicht mit einem kleineren Stück - Hauptsache, es sind viele >Erdbeeren darauf. Dem anderen ist vielleicht die Sahnefüllung wichtiger. In der Mathematik befasst sich die sogenannte Spieltheorie mit solchen problemen. Sie entwickelt Spielregeln, die ein Teilen des Kuchens ermöglichen, ohne dass es zu prügeleien kommt.

      Bei zwei Spielern ist das simple Einer-schneidet-einer-wählt zwar nicht die perfekte Lösung, aber immerhin kann keiner behaupten, ein subjektiv schlchteres Stück bekommen zu haben.Aber schon b ei dreien wird es aufwendig. Um das Jahr 1960 entwickelten die Mathematiker John Selfridge und John Conway unabhängig voneinander dafür eine Prozedur mit Erfolgsgarantie:

      Der erste Spieler teilt den Kuchen in drei für ihn gleichwertige Teile. Der zweite Spieler wählt das aus seiner Sicht wertvollste Stück und schneidet so viel davon ab, dass es genauso gut ist, wie das zweitwertvollste. Das kleine, abgeschnittene Stück wird beiseite gelegt und später aufgeteilt. Dann such der dritte Spieler ein Stück aus.

      Sehcs weitere Schritte regeln, wer wann einS tück nehmend arf und wie der Rest verteilt wird - so dass am Ende keiner neidisch bleibt.

      Erst im Jahr 2016, 56 Jahre nach dem Protokoll für drei Spieler, entwickelten zwei australische Mathematiker eines für eine beliebige Zahl Spieler, das in einer begrenzten Anzahl Schritte zu einem Ergebnis kommt. Allerdings umfasst es schon bei vier Personen rund 200 Schritte. "Für fünf, sechs, sieben Spieler wächst der Aufwand astronomisch", sagt Hoefer. Selbst für Computer ist die Schrittzahl schnell nicht mehr zu bewältigen. Hoefer erforscht, wie sich faires Aufteilen dennoch in effizient berechenbare Algorithmen fassen lässt - dabei geht es ihm nicht um Kuchen, der sich beliebig stückeln lässt, sondern um diskrete Güter wie Villen, Autos oder Zahnbürsten. "Eine perfekt neidfreie Verteilung ist dann oft nicht möglich", sagt Hoefer. Also senken die Forscher die Anforderungen: etwa indem die Spieler ein besonders wertvolles Gut wie eine Villa beim Vergleich mit den Mitspielern ausblenden.

      Hoefer betreibt akademische Grundlagenforschung, die zukünftig auch für praktische Anwendungen interessant werden kann." Das Gebiet bekommt seit einigen jahren sehr hohe Aufmerksamkeit", sagt der Informatiker. Einen grund sieht er darin, dass Entscheidungen etwa über Kreditvergabe immer öfter von Rechnersystemen unterstützt werden. "Man möchte, dass auch mit KI-Systemen faire Entscheidungen getriffen werden", sagt er.

      Eine gerechtrere Welt mit Computerhilfe? Nicht ausgeschlossen. Bis dahin kann man ja schon mal den Kuchen aufteilen.

      gelesen in Süddeutsche:
      sueddeutsche.de/
      projekte/artikel/wissen/mathematik-teilen-pizza-kuchen-sandwich-e804025/?reduced=true
      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Die Polizei, die alles über dich weiß -Teil 1 -

      Die Fahndungsmethoden der ICE-Leute in Minneapolis erinnern an Science-Fiction-Filme

      Doch digitale Persönlichkeitschecks, Gesichtserkennung und KI-basierte Datenanalysen könnten auch in Deutschland bald Realität sein. Lässt sich diese Entwicklung noch stoppen?

      Die Polizei, die alles über dich weiß (Essay von Jannis Brühl)

      Als die maskierten ICE-Männer Ende vergangenen Jahres in Minneapolis auftauchten und sich wie eine Besatzungstruppe auf Migranten, Aktivisten und andere Bürger stürzten, war das nicht nur ein Übergriff auf eine Stadt. Es war auch ein Test für ein softwaregetriebenes Überachungs- und Verhaftungssystem und einen ungezügelten algorithmischen Polizeieinsatz gegen Menschen. Präsident Trump, im Bunde mit den Tech-Oligarchen, hatte den Schalter umgelegt. Jetzt galt: Was technisch möglich ist, wird auch getan - ohne Skrupel. Das gilt für den Einsatz von Software bei der Polizei genauso wie für KI-gestützte Waffensysteme beim Militär, wie sich in den vergangenen Wochen auch beim Krieg gegen ran zeigte.

      Die ICE-Agenten kamen bei ihren Einsätzen nicht nur mit Pfefferspray und Pistolen. Ausgerüstet waren sie auch mit der App Elite des Unternehmers Palantir, die ihnen genau anzeigte, wo sie Zielpersonen finden könnten. "Es ist ein bisschen wie Google-Maps", sagte ein ICE-Beamter dem Portal 404 zufolge, das auf Technologie-Berichterstattung spezialisiert ist. Elite schlägt vor, wo Polizisten zuschlagen und wen sie aus dem Auto oder der Wohnung zerren sollen. Den Sound dazu lieferte unter anderem Palantirs Mitgründer Joe Lonsdale. In sozialen Medien feuerte er ICE zu immer härterem Durchgreifen an.

      Es ist ein Vorgeschmack auf die Polizeiarbeit der Zukunft. Auf ihren Handys hatten die ICE-Leute in Minneapolis eine Fülle von Daten, die wohl teilweise Elon Musks Kettensägen-Truppe Doge während ihrer wilden Herrschaft in der US_Verwaltung 2025 über Migranten und Steuerdatenbanken zusammengetragen hatte. Und sie kamen mit Kameras. Nicht nur, dass sie quasi andauernd filmen, um "Content" für ihre Version der Wahrheit zu sammeln; die Trump-Regierung und die Maga-Bewegung flankieren ihre Aktionen mit Bildern, die politische Gegner erniedrigen oder einschüchtern sollen. Ihre Handykameras richten sie auch auf die Gesichter der Menschen, die sie kontrollieren. Gesichtserkennungs-Apps, mit Unmengen an Fotos von Menschen trainiert, sollen Identifizierungen, Verhaftungen und Abschiebungen erleichtern. Dazu kommt Spezial-Software, um gesperrte Handys zu knacken oder Social-Media-Profile nach unliebsamen Äußerungen zu scannen.

      Die Ereignisse in Minneapolis sind auch eine Warnung an unsere Gesellschaft. Der softwarebasierte Zugriff auf verschiedene Datenbanken voller Infos über Augenfarben, Aufenthaltsorte, Polizeikontrollen und Kontakte zu anderen Menschen, kombiniert mit künstlicher Intelligenz, automatisieren die Polizeiarbeit. Das wird auch Deutschland vor die Frage stellen: Wie viel Hightech-Polizeiarbeit evrträgt eine Demokratie?

      Das gilt vor allem für den Fall, dass die AfD in einem Bundesland oder gar im Bund Regierungsverantwortung übernimmt. Die AfD ist wie die Union für die Einführung von Palantirs umstrittener Polizeisoftware Gotham. Die Software habe sich insbesondere im Kampf gegen "Terrorismusabwehr, Clan-kriminalität und Kinderpornografie" bewährt, erklärte die AfD-Bundestagsfraktion schon 2023.

      Gotham spielt eine zentrale Rolle in der digitalen Aufrüstung der deutschen Polizei, ist aber bei Weitem nicht die einzige Software. Die Debatte, inwieweit Polizisten sich von Computern sagen lassen, wo sie nach Zielen suchen sollen und welche Menschen in ihr Raster gelangen, tobt längst auch hierzulande. Ausgetragen wird sie vor Gerichten, während diese Methodenlängst Teil der Polizeiroutine sind. In München etwa sitzen Polizisten des Landeskriminalamts Tür an Tür mit Software-Experten von Palantir, die ihnen helfen, dass das Programm ruckelfrei läuft. Die Polizisten sind begeistert. Welche Verbrechen die Software verhindert hat, könne aber "aus ermittlungstaktischen Gründen" nicht verraten werden. Dirk Peglow, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, hat eine allgemeine Antwort: Analyseplattformen wie Gotham könnten "Ermittlungen beschleunigen und komplexe Strukturen sichtbar machen".

      Franziska Görlitz ist Juristin bei der Gesellschaft für Freiheitsrechte. Die NGO hat in Bayern Verfassungsbeschwerde gegen den Einsatz von Gotham erhoben. "Asservaten, Mobilfunkdaten, Telefonkontakte, Aufenthaltsorte und biometrische Daten wie Fingerabdrücke: Diese Daten können nun mit komplexen Algorithmen abalysiert werden, von denen unklar ist, wie sie funktionieren - sogar für die Polizei selbst", sagt Görlitz. In der Beschwerde geht es unter anderem um einen Fanbetreuer der SpVgg Fürth, der durch seinen bloßen Kontakt zu Hooligans ins Visier der Software geraten könnte. Für Görlitz ein Beispiel für das Risiko, das Gotham für Unschuldige bedeutet.

      Deutsche Kritiker von Palantir können zar auf keinen konkreten Fall verweisen, in dem die Software tatsächlich jemanden zu Unrecht in Richtung Gefängnis geschickt hat. Aber sie sind überzeugt, dass allein das bloße Auftauchen im digitalen Raster heftige Konsequenzen hat. Görlitz sagt: "Stellen Sie sich vor, Ihr Handy wird abgehört, Ihre Redaktion oder Wohnung durchsucht. Auch eine Festnahme oder U-Haft sind massive Grundrechtseingriffe". Polizei und Palantir betonen, dass am Ende immer Polizisten die Entscheidung über eine Festnahme treffen.

      Im Grunde geht es um die Machtverteilung zwischen dem Einzelnen und dem Staat. Je mächtiger solche Software wird, desto mehr gibt es Görlitz zufolge"Einschüchterungseffekte", menschen passten ihr Verhalten an. "Dann geht man nicht mehr auf die Demo oder zum Fußballspiel, vermeidet Kontakt zu Personen, die beobachtet werden könnten, und äußert seine politische Meinung lieber nicht mehr öffentlich. Das verändert das Verhältnis von Staat und Bürger grunfsätzlich - und zwar durch Angst."

      Der techno-industrielle Überwachungskomplex

      Das Hochtechnologie mit den Sicherheitsbehörden verschmilzt, folgt einer Strategie, doe Palantir-Mitgründer Alex Karp in seinem Buch "The TechnologicalRepublic" ausbuchstabiert hat. Digital-technologie sei nicht aus Amusement da, für soziale Medien, Games, Pornos. Es sei auch eine Waffe, und zwar eine des Staates gegen seine Feinde, gegen die Feinde des Westens. Karp und Palantir bewerben ihre Technologie als festen bestandteil von Polizei, Militär und Geheimdiensten der Zukunft.

      Bei seinem patriotischen Aufruf an die Tech-Brance unterschlägt Karp, dass auch wegen seines geschäftspartners nicht mehr ganz klar ist, wer zum Westen gehört.

      Peter Thiel hält die Demokratie für lästig, ist ein Verbündeter von Trump und mentor von Vizepräsident J.D. Vance. In Deutschland kritisiert die Opposition, dass geld des Milliardärs in Drohnen-Start-ups steckt, die für die Bundeswehr Kamikaze-Drohnen herstellen sollen. Palantir ist unetrdessen dabei, eine Art Monopol für Polizeisoftware aufzubauen. Bayern, hessen und Baden-Württemberg sind schon Kunden. Palantir erklärt, für Polizisten wie Palantir-Mitarbeiter "gelten dieselben granularen Zugriffsbeschränkungen auf Datenpunktebene, alle Arbeitsschritte werden revisionssicher protokolliert und sind transparent nachvollziehbar". Alle Mitarbeiter würden "den erforderlichen polizeilichen Sicherheitsüberprüfungen unterzogen".

      Leider macht es der intransparente Blackbox-Charakter von Palantirs Software unmöglich, diese Erklärungen von außen nachzuvollziehen.

      Die Star-ups der Oligarchen helfen jedenfalls mit, Trumps Macht zu zentralisieren. Getrieben wird die rechte tech-Elite auch vom fast religiösen Glauben, dass sich mit KI alles automatisieren, jedes Problem lösen lässt, und von einer Verachtung für Beamte, die sich an Regeln halten und KI-Software stoppen könnten, wenn sie gesetze verletzt.

      denn KI, darauf weist ein von Elon Musks Doge geschasster Software-Experte der US-Verwaltung hin, ist nicht nur ein Vorwand, diese Datenquellen zusammenzuführen. KI kann dazu dienen, Befehle auszuführen, die Menschen verweigern würden.

      Im schwarz-roten Koalitionsvertrag steht: "Die Sicherheitsbehörden sollen für bestimmte Zwecke eine Befugnis zur Vornahme einer automatisierten (KI-basierten) Datenanalyse erhalten". Zudem solle "unter bestimmten, eng definierten Voraussetzungen" auch "retrograde biometrische Fernidentifizierung" ermöglichst werden. Soll heißen: KI analysiert das Gesicht, den Gang oder sie Sprache eines Menschen auf Videoaufnahmen, um ihn zu identifizieren.

      Zentrale Daten, autoritäte Politik: Die Machtfrage

      Macht muss kontrolliert werden, und der beste Weg dorthin ist, sie zu verteilen. Regierung, Parlament und Gerichte sollen sich gegenseitig kontrollieren. Die Idee, Macht zu dezentralisieren, quasi zu zerstäuben, schlägt sich im Umgang von Demokratien mit Daten neider: Solange die Daten in Silos voneinander getrennt sind, können die Herrschenden sie nicht so leicht missbrauchen. Ironischerweise hat sich Thiel, der sich selbst libertär bezeichnet, genau diesen Werten verschrieben. Aber unter Donald Trump ist der Sog stark, beim Zentralisieren der Macht mitzuhelfen und damit Hunderte Millionen Dollar zu verdienen.




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      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
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      Die Digitalisierung und hochentwickelte Software bringen diese Trennung ins Wanken. Schließlich ist es nun möglich, die Daten aus verschiedenen Silos zusammenzuführen- selbst wenn sie in unterschiedlichen Datenformaten gespeichert sind. Das weckt Begehrlichkeiten. Warum nicht ein allsehendes Auge installieren, das in alle Datenbanken schauen kann? Warum nicht eine KI bauen,die Material aus verschiedenen Töpfen kombiniert und daraus neue Erkenntnisse gewinnt? Die Profile von Menschen erstellen oder mit halbgaren Schätzungen vorhersgen kann, wer als nächstes kriminell wird. "Minority Report" lässt grüßen - die Science-Fiction-Geschichte mit Tom Cruise, in der eine Hightech-Polizei Menschen für Verbrechen verhaftet, die sie noch gar nicht begangen haben.
      Während Vorhersage-Software auch schon von deutscher Polizei eingesetzt wird, erklärt zumindest Palantor, man habe "keinerlei Preddictive-Polocing-Workflows", das sei Unternehmergrundsatz. Die Vernetzung der Datenbanken werfe dennoch Probleme auf, sagte Thomas Petri, Bayerns Datenschuzubeauftrager. Er spricht von Millionen Menschen, die von Vera, der Gotham-Version der bayerischen Polizei, betroffen sind. Er beschreibt, was das für ihn selbst bedeutet: Er sei nie angeklagt, aber schon bedroht worden, habe als zeuge ausgesagt und einmal einen Schlüssel verloren, den die Polizei ihm wiedergebracht habe. "Das taucht alles in Datenbanken auf, deren Daten in Vera eingespeist werden. Heißt: Statistisch gesehen werde ich täglich durch Vera mehrmals durchleuchtet- egal ob ich selbst unmittelbar etwas mit einer Straftat zu tun habe oder nicht".

      Palantir ist nicht nur auf deutschen und amerikanischen Straßwen im Einsatz. Das Unternehmen hat noch ganz andere Ziele. Maven Smart System heißt die KI-Plattform des US-Militärs. Sie hilft der Armee, in Echtzeit Ziele für Angriffe zu priorisieren. Palantir baut und betreibt as System. Beim Angriff auf Iran schlug Maven der Washington Post zufolge Hunderte Ziele vor und priorisierte sie. Um Ziele zu identifizieren, liest die KI Satellitenbilder und andere Überwachungsdaten aus. Die letzte Entscheidung trafen Soldaten, doch dieser Krieg dürfte ein Kipppunkt in Richtung KI-Kriegsführung sein.

      Dass aucn Claude, das KI-Werkzeug des US-Unternehmers Anthropic, in Maven integriert ist, führte ei einem Eklat. Die Kombination von Maven und Claude mache "einst wochenlange Schlachtplanung zu Echtzeitoperationen", zitiert die zeitung einen Insider. Claude kam dem Wall Street Journal zufolge schon beim Angriff auf Venezuela zum Einsatz. Doch Anthropic, großer Konkurrent der Chat-GPT-Firma Open AI, weigert sich nun, siene KI weiter für die Überwachung von US_Amerikanern und für automatisierte Kriegsführung zur Verfügung zu stellen. Daraufhin erklärte Verteidigungsminister Pete Hegseth Anthropic zum "Lieferkettensirisko"; das Militär werde mit dem Unternehmen nicht mehr zusammen arbeiten. Offenbar soll nun Open AI die Lücke füllen. Das Zeitalter des KI-gestützten Krieges hat also begonnen, egal ob sich eine einzelne Firma noch querstellt.

      Was also tun? Rote Linie für den Einsatz von automatisierten Algorithmen bei Polizei- und Militär müsswen nicht Technologiefeindlichkeit bedeuten. Wichtig ist allerdings, dass der Einsatz von neuer Technik die Macht nicht noch stärker in den Händen des Staates konzentriert.

      Selbst Datenschützer Thomas Petri gibt zu, dass menschen Fehler machen, die KI fernliegen. So wie ein autonomes Auto nie betrunken fahren kann und keinen Sekundenschlaf kennt, könne automatisierte Verhaltenserkennung manche Dinge besser als menschen. Die Technik testet die Polizei derzeit im Frankfurter Bahnhofsviertel. KI soll die Szenerie filmen und Alarm schlagen, wenn menschen sich "abnormal verhalten", oder wenn sie Bewegungen wahrnimmt, die etwa wie Schläge oder Tritte wirken. Werde diese KI klug eingesetzt, und schalte sie sich nur bei entsprechenden Bewegungen "scharf", sagt Petri, könne sie besser sein als menschliche Polizisten vor den Bildschirmen, die Personen anch ihren persönlichen Vorurteilen und ihrer Stimmung kontrollieren würden. Er sagt:"Über kurz oder lang werden wir KI-gestützte Verhaltenserkennung bekommen".

      Nun ist Frankfurt nicht Minneapolis. Doch die Disruption einer vermeintlich faulen beamtenschaft und einer lästigen Bürokratie durch mehr Hightech hat auch hierzulande Anhänger. Die beyerische AfD will etwa eine Abschiebepolizei nach ICE-Vorbild und gleich mehrere Ministerien abschaffen, ganz nach dem Modell Elon Musk. Dass Regeln für Beamte und Dinge wie Technikfolgenabschätzung - grauenvolles Wort - keine Schikane sind, sondern antidemokratische Exzesse vermeiden sollen, rückt in den Wutreden über faule Beamte und eine absurde Büroktratie in den Hintergrund.

      Eines sollte denen bewusst sein, die nach der Aufrüstung des Staates rufen: Alles, was dem Staat Superkräfte gegen seine Bürger verleiht, könnte in Zukunft von einer skrupellosen Regierung genutzt werden. Das ist dann keine Science-Fiction-Geschichte mehr.

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      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Interview mit Peter Sloterdijk

      " Größe, nach der man strebt, ist immer ein Missverständnis" Teil 1 -

      Was die gegenwärtige Weltlage mit Platon und dem "du darfst" zu tun hat>: Ein gespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk, das zu einem erstaunlich hoffnungsvollen Bekenntnis führt.

      Unter den Zeitdiagnostikern ist der Philosoph Peter Sloterdijk traditionell der realistisch kühlke Psychopolitiker. In seinem neuen Buch "Der Fürst und seine Erben - Über große Männer im Zeitalter der gewöhnlichen Leite " (Suhrkamp) stellt er mit Niccolo Machiavelli die "Fürstenfrage", Nicht aber als Berater der Herrscher, sindern als Analytiker der Beherrschten. Seine Beobachtung: Wir Bürger der (liberal-) demokratischen Welt sind angesichtsder gegenwärtigen Herausforderungen auf fatale Art unversöhnt mit unserem Bedürfnis nach Macht und mächtigen Herrschern.

      SZ:
      Herr Sloterdijk, warum ist es für Sie eigentlich ein Problem, dass wir uns heute mit Macht, absoluten herrschern, "großen Männern", so schwer tun? Das ist doch eine ganz großartige politische Errungenschaft!

      Solterdijk: Tja, aso ist es, und um uns die Errungenschaft selbst zu erklären, greifen wir auf eine volkspolitologische Standarderzählung zurück: Zuerst waren wir alle gleich und brauchten keine Führer, dann aber kamen die BIg Men und Könige, und nachdem man die in den historischen Ruhestand versetzt hat, sind die wählbaren und auch wieder abwählbaren Präsidenten an der Reihe.

      SZ: Das klingt, als könnten Sie dem Schema nicht viel abgewinnen.

      Sloterdijk: Nun, darauf, wie gut oder schlecht ich das persönlich finde, kommt es nicht an. Die Standarderzählung scheint mir schlicht analytisch zu naiv. Auch in modernen demokratischen gesellschaften zeigt sich, dass die Personifikation von Macht etwas ist, worauf wir aus systemischen Gründen nicht verzichten können.

      SZ: Wie meinen Sie das?

      Sloterdijk: Auch moderne komplexe politische Systeme sind pyramidenförmig oder wie spitze Kegel konstruiert. Doch die Leute an der Basis haben es offenkundig nicht gern, wenn die person an der Spitze ihnen selbsz zu stark ähnelt. Wir bestehen auf usnerem Recht, zu einem lenker aufschauen zu dürfen, der uns in opuncto Ratlosigkeit nicht allzu ähnlich ist.

      SZ:Im Zweifel steht so ein Lenker unserer Selbstentfaltung aber doch eher im Wege?

      Sloterdijk: Man sollte nicht vergessen, dass vor dem Drang zur Selbstverwirklichung die menschliche Psyche das Ihre fordert. Die innere Ordnung gerät aus dem Gleichgewicht, wenn es gar nichts mehr zu respektieren und zu bewundern gibt. Wenn der Politiker auf seinem Gebiet nicht das ist, was am Klavier der Virtuose wäre....

      ...SZ: dann hat er ein Problem?

      Sloterdijk: Dann wird er zur Enttäuschung. Nach einer Weile begreifen die Leute, dass jeder beliebige andere es machen könnte. Politik gleicht in mancher Hinsicht der modernen Kunst. Der Betrachter sagt fast automatisch: Das könnte ich auch. Aber die Kunst wie die Regierung definiert sich dadurch,, dass nicht jeder es kann. Wenn es jeder machen könnte, läuft das Prinzip Repräsentation auf Grund. Der Mann oder die Frau an der Spitze soll ja nicht unsere Gewöhnlichkeit repsäsentieren, das heißt unsere Inkompetenz in fast allem widerspiegeln. Demokratie heißt vor allem, dass das Volk das Recht auf gute Regierung hat.

      SZ: Ihr neues Buch ist natürlich vor dem Hintergrund des scheinbar unaufhaltsamen Aufstiegs starker Männer wie Trump & Co. entstanden. Mit Ihren psychopolitischen Analysen antworten Sie auf die Frage, warum solche Aufstiege eine eigene Logik haben. Offenbar ziehen auch in der Demokratie nicht wenige Charismatiker dem Normalpolitiker vor. Zugleich erklärt Ihre Analyse, warum das völlig unlogisch ist.

      Sloterdijk: Allerdings, insbesondere wenn die Frage nach dem Charisma Trumps gestellt wird. Was in alelr Welt kann an diesem Rüpel bitte charismatisch wirken?

      SZ: Und doch wirkt er auf eine Vielzahl seiner Landsleute wie ein Erwählter.

      Sloterdijk: Eine Erklärung dafür kann man indirekt bei Freud finden: An einer Stelle geht er der Frage nach, warum viele Männer vom Charme narzisstischer Frauen so beeindruckt sind. Seine Antwort: Sie fasziniert deren quasi animalische Selbstgewissheit.

      SZ: Unterschütterliche Selbstgewissheit führt Trump tatsächlich perfekt auf. Er umgibt sich mit der Aura von Unfehlbarkeit.

      Sloterdijk: Mehr noch: Er strahlt eine Art von Unkorrigierbarkeit aus, um die ihn viele beneiden. Seine psychische Entwicklung ist ja offensichtlich vor dem analen Stadium zum Stillstand gekommen. Also vor dem Alter, in dem man nach Ansicht der Psychoanalyse lernt, sich zu schämen. Dieses Register bedient er nicht. Er muss die Schamlosigkeit nicht mal simulieren, er verlörpert sie.

      SZ: Trump, ein Virtuose der Schamlosigkeit?

      Sloterdijk: Bei seinen Verehrern dürfte das jedenfalls einen wesentliche Teil seiner Anziehungskraft ausmachen. Sein Gefolge eint die Sehnsucht nach Schamlosigkeit, nach Enthemmung.

      SZ: Und woher kommt diese Sehnsucht?

      Sloterdijk: Ich halte sie das für das Ergebnis einer psychopolitischen Dynamik, die schon Platon in seiner "Politeia" beschrieben hat: Im Inneren jedes Polis-Menschen hat es eine innere Aristokratie mit einem inneren Pöpel zu tun. In einer höheren Zivilisation, modern oder nicht, müsste der erwachsene Mensch stets derjenige sein, der sich mit seiner inneren Aristokratie solidarisiert. Das erzeugt im gegenzug bei den meisten hochzivilisierten Menschen ein mehr oder weniger kontrolliertes Verlangen danach, sich bei Gelegenheit gehen lassen zu dürfen.

      SZ:
      Weil man sich nicht dauernd selbst übertreffen muss, wie es die Aristokratie verlangen würde?

      Sloterdijk:
      Genau. Der innere Pöbel möchte halt auch mal die Füße auf den Tisch legen. Kennen Sie die Lebensmittelmarke "Du darfst"?

      SZ: Natürlich, Zwiebelhackbraten für die Mikrowelle....

      Sloterdijk: Ich würde sagen: Trump ist der politische Zwiebelhackbraten, auf dem steht: "du darfst". Eine unwiderstehliche Botschaft.

      SZ: Nur warum wirkt die gerade jetzt so stark?

      Sloterdijk: Weil die amerikanische Demokratie an den Punkt gekommen ist, wo - nicht zuletzt auch durch Trumps Sabotage der Checks and Balances - so viel Macht bei der Regierung in Washington konzentriert wurde, dass Enthemmung von ganz oben wie eine reale Option erscheint. Anfangs lag die Macht viel mehr bei den einzelnen Bundesstaaten. Die Wiege der amerikanischen Demokratie war das Townhall-Meeting, bei dem mehr oder weniger jeder Bürger mitmischt. Enthemmung von oben kann sich Bahn brechen, wenn Abstimmung mit anderen und kooperative Umsicht nicht mehr nötig zu sein scheinen.

      SZ: Der Großdenker Peter Sloterdijk hält die kleine Lokalpolitik für den Weg der Rettung?

      Sloterdijk: Jedenfalls teile ich die antike Ansicht, dass die Polis ein Ort ist, an dem der Mensch seine natürliche Begabung zu Freundschaft, Wettbewerb und Zusammenarbeit realisieren kann.

      SZ: Wobei man sich unter Polis eher eine Stadt mit Umland als einen Staat im heutigen Sinn vorstellen müsste?

      Sloterdijk: Ja, mehr oder weniger noch eine Art von größerer Familie. Wobei exakt hier die ideologischen probleme entspringen, die wir heute mit usnerem Liberalismus haben. Die Überdehnung der Familien-Metapher bringt eine menge Schwierigkeiten mit sich: die inkludierenden leistungen, die eine intakte Familie errbingt, kann ein moderner Staat nicht erbringen. Weshalb die liberalen Politiker - sowohl von innen als auch von außen gesehen - zunehmend als Zyniker oder Doppelzüngige erscheinen müssen, die unhaltbare Versprechungen machen. Das Verurteilt-sein zu Versprechen, die man gar nicht oder nicht ganz halten kann, gehört zur ideologischen Signatur der Zeit.


      SZ: Dieser der Demokratie inhärente Widerspruch wäre so etwas wie das Trittbrett, auf dem der Rechtspopulismus kostenlos mitfährt?

      Sloterdijk: Trump kündigt einige symbolische Verträge auf, die auf der gutartigen Heuchelei des liberalen Konsensus beruhten. Er stellt sich einfach hin und erklärt: Es reicht nicht für alle, but it does not matter, es genügt, wenn für Milliardäre genug übrig bleibt.


      SZ: Würden Sie denn sagen, dass der Urgrund unserer Krise ist, dass die liberale Demokratie inzwischen einfach zu viele Versprechen gebrochen hat?

      Sloterdijk: Nein. Es haben nur zu viele Menschen zu viele unrealistische Erwartungen an die liberalen Versprechen geknüpft.

      SZ: Das ist aber ein feiner Unterschied.

      Sloterdijk: Haarfein. Und doch einer, der einen großen Unterschied macht.

      SZ: In dem Sinn, als man die liberale Demokratie falsch verstehen kann?

      Sloterdijk: Reife Demokratie hat iummer auch etwas mit dem Management zu tun. Bei demokratisch erfahrenen Gesellschaften gibt es so etwas wie eine gewisse Elastizität im Hinblick auf enttäuschte Erwartungen.
      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
    • Teil 2 - Sloterdijk-Gespräch mit der Süddeutschen

      SZ: Aber warum hat die USA als älteste moderne Demokratie der Welt dann diese Elastizität inzwischen nicht mehr?

      Sloterdijk: Ich habe dafür nur eine Erklärung: Durch Trumps Parole "Make America great again" sind die Reflexye des Ressentiments in das Selbstgefühl der Weltmacht eingesickert und höhlen sie aus. Trump und seine Gefolgschaft benehmen sich, als wären sie gekränkt, weil sie nicht genug anererkannt worden sind für ihre Großartigkeit.

      SZ: Was seltsam schwach wirkt, geradezu kläglich.

      Sloterdijk: Vor allem das zweite "a" in Maga, das "again" klingt völlig erbärmlich. Woru braucht eine Militärmacht, die 900 Militärbasen auf der Welt unterhält, die Formel, sie wolle "wieder" groß gemacht werden? Offensichtlich hat das Gift des Ressentiments ein kontrafaktisches Minderwertigkeitsgefühl erzeugt. Doch diesen Effekt haben die Amerikaner ja nicht allein. Auch in Europa ist die Stimmung ins Viktimistische gekippt. Hier fehlt ein Dostojewski, der erklärt, warum alle Welt in die Rolle von Erneidrigten und Beleidigten drängt.


      SZ: Was nun das genaue gegenteil der Pointe ist, auf die Ihr Buch hinausläuft: dass wir nämlich in einer Lage sind, in der "die gewöhnlichen Leute dazu verdammt " seien, Größe zu zeigen. Wieso?

      Sloterdijk: Weil der unfreiwillig groß wird, der sich großen herausforderungen stellt. Größe, nach der man strebt, ist mmer ein Missverständnis. Größe, derder man genötigt wird durch die Aufgabe, die man zu erledigen hat, das ist etwas Reales.

      SZ: Das ist ein sehr philosophischer Optimismus.

      Sloterdijk: Das mag sein. Es war ja etwas Wahres an der guten alten Ehtik für den christlichen Bürgermeister. Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Man braucht nur das Wort "Amt" durch das Wort "Krise" zu ersetzen.

      SZ: Sehen Sie sich eigentlich selbst als liberalen Demokraten?

      Sloterdijk: Ich hatte meine politischen Ideen und Gefühle bisher fast immer im Bereich der Sozialdemokratie spazieren geführt. In den vergangenen zehn Jahren habe ich allerdings mehr Neigungen zu unserer liberalen Partei entwickelt - die sich leider selbst ausmanövriert hat. Es geht mir aber eigentlich nicht um Selbstbeschreibungen. Die Schublade, in die ich steige, ist noch nicht gezimmert.

      SZ: Was die internationale Politik betrifft, endet Ihr Buch mit einem Plädoyer für die Vernünftigkeit der Koexistenz. Ist der kühle nalytiker der Macht Sloterdijk zum pazifistischen Idealisten geworden?

      Sloterdijk: Ich würde es eher Einsicht in die Absurdität des gegenwärtigen Weltzustands nennen. Es ist an der zeit, wieder den jungen Schelling zu zitieren, der 1796 schrieb:"Wir müssen eine neue Mythologie haben", doch eine Mythologie der Vernunft. Für diesmal müsste es eine sein, die uns das Zusammenleben auf der Erde jenseits der staatlichen Rüstungszwänge vor Augen stellt. Koexzistenz im Großen ist offensichtlich das, was Großmachtstaaten bislang nicht können. Zusammenleben können sie bloß im Zeichen der ndrohung gegenseitiger Vernichtung. Ich glaube aber, dass der Mensch nicht dafür geschaffen ist, ein solches Maß an Absurdität auf Dauer zu ertragen.

      SZ: Was genau daran ist denn absurd?

      Sloterdijk: Dass wir heute nur deshalb noch am Leben sind, weil die großen Mächte bisher darauf verzichtet haben, sich gegenseitig und uns mit ihnen auszulöschen. Ein solches Dasein von Gnaden des Verzichts auf Auslöschung ist ein Absurdum sondergleichen.Es steigert dirch durch die Aufrüstungsdelierien dieser Tage ins Maßlose. Ich meine, es wäre an der Zeit, in effektive Immunität durch tieferes nachdenken zu investieren statt in Sicherheit durch Rüstung plus KI. Etwa im Sinne von Nietzsches Zarathustra: "Ich impfe euch mit dem Wahnsinn".

      SZ: Insbesondere die USA und Russland scheinen von der verzweifelten Einsicht in die friedliche Koexistenz gerade aber noch recht weit entfernt zu sein?

      Sloterdijk: Sie leben in einer interparanoischen Beziehung. Die Europäer haben ihre Impfung mit dem Wahnsinn in Gestalt des Zweiten Weltkrieges durchlebt - und sie haben eine beachtliche Immunreaktion gezeigt. Die USA und Russland haben an unserer historischen Trauerarbeit nicht teilgenommen, als Siegermächte haben sie die historische Immunreaktion gegen das Ausagieren des Wahnsinns verpasst. Sie zeigen weiterhin das Verhalten von Ungeimpften.

      SZ:_ Was lässt Sie hoffen, dass sich das bald ändert?

      Sloterdijk: Die Chance, dass sich da zügig etwas ändert. ist gering. Und wahrscheinlich werden es dann ganz gewöhnliche Leute sein, die die Sache wieder zurechtbeiegen,. Von Charismatikern kann man für den Augenblick nicht viel erwarten.

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    • Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss -Süddeutsche -

      "Ich habe lange gebraucht, um über das Schicksal von Opa Hermann zu sprechen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen": Hape Kerkelings Rede zum Gedenktag der Befreiung des KZ Buchenwald, in dem sein Großvater drei Jahre seines Lebens verlor.

      Gastbeitrag von Hape Kerkeling

      Wenn ich heute durch das Tor von Buchenwald gehe, dann tue ich das nicht als öffentliche Person, sondern als Enkel eines Überlebenden. Ich gehe den Weg, den mein Großvater, Hermann Kerkeling, ab dem 2.Juli1942 gehen musste. Er war kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat. Ein Zimmermann aus Recklinghausen, der zupacken konnte, der Strukturen schuf, der mit seinen händen arbeitete. Er war ein Mensch, der schlichtweg nicht bereit war, wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach.

      Doch am 2.Juli 1942 wurde er zur Nummer 6177. Ein sogenannter politischer Häftling. In den Augen des faschistischen Apparats war er ein "Hochverräter". Hier in Buchenwald wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder.

      Für mich steht sein "Hochverrat" heute als das höchste Zeugnis von Treue und Menschlichkeit.

      Im Maschinenraum der Entmenschlichung

      Mein Opa Hermann hatte unmittelbar nach der von den Nationalsozialisten sogenannten Machtergreifung im Jahre 1933 Flugblätter gegen Hitler verteilt. Er hat nicht geschossen, er hat nicht sabotiert - er hat lediglich die Wahrheit geschrieben, gedruckt und verteilt. Das kostete ihn zwölf Jahre seines Lebens. Zwölf Jahre! Denken Sie kurz darüber nach: Was haben Sie in den letzten zwölf Jahren getan? Sie haben Kinder großgezogen, Karrieren verfolgt, geliebt, gelebt. Hermann saß in Haft. Zunächst in der sogenannten Hölle von Recklinghausen, dem berüchtigten Polizeipräsidium, in diversen Zuchthäusern und schließlich hier, auf dem Ettersberg.

      Mein Großvater musste hier in der Effektenkammer seine Zwangsarbeit verrichten. Im Maschinenraum der Entmenschlichung. Er musste den Raub an seinen Mitmenschen verwalten. Uhr, Ehering, Brille, Brosche, Gebiss - alles wurde registriert, als handele es sich um bloße Lagerware.

      Hier liegt eine der bittersten historischen Lehren: Die Barbarei beginnt nicht mit dem ersten Schuss; sie beginnt dort, wo Menschen nur noch Nummern in einer Statistik sind, wo das Mitgefühl der Buchhaltung weicht und das Gewissen der sinnentleerten Gehorsamspflicht.

      Als mein Großvater hier heute vor 81 Jahren, 1945, befreit wurde, war er 44 Jahre alt. Körperlich ein gebrochener Mann, geplagt von Krankheiten, die ihn nie wieder verlassen sollten; von einer tiefen Müdigkeit, die keine Nachtruhe der Welt heilen konnte. Eine echte Wiedergutmachung hat er nie erhalten; man hat ihn nach dem Krieg mit ein paar Mark abgespeist. Und das Bitterste: Die Aufhebung seines Unrechtsurteils wegen "Hochverrats" hat es zu seinen Lebzeiten nie gegeben. In den Augen der Bürokratie bliebt der Verfolgte ein Vorbestrafter.

      Aber das Schwerste für uns als Familie war sein bleierndes Schweigen. Dieses dröhnende Schweigen war wie eine Mauer aus Glas, die seine Seele umgab.

      Wer behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nichts verstanden

      Wir . seine Familie - konnten ihn sehen, aber wir konnten ihn nur selten erreichen. Vielleicht wollte er uns schützen? Er wollte nicht, dass die grausame Kälte und der blinde Hass dieses Ortes in unsere warme Wohnstube in Recklinghausen kriechen. Und vielleicht wusste er auch: Die Vorwürfe gegen die Nazi-Schergen waren so unfassbar, dass ein normaler fühlender Mensch sie zunächst bezweifeln musste.

      Viele der Überlebenden der Nazi-Diktatur haben für sich den Weg des Schweigens gewählt. Das mag ins Erben eine Ahnung vom Horror des Durchlebten geben. Es war und ist unbeschreiblich und unsagbar.

      Wir, die Bürger der Bundesrepublik Deutschland, tragen keine Schuld an den Taten von damals. Aber wir tragen die Verantwortung für die Konsequenzen dieser Taten im Hier und Jetzt.

      So etwas wie eine "Gnade der späten Geburt" gibt es nicht, es gibt nur die Pflicht der späten Erkenntnis. Wer heute behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nicht verstanden, dass die bösen Geister von damals nicht in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind. Sie warten darauf, in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze, im dumpfen Ressentiment und in der alltäglichen Gleichgültigkeit wieder geweckt zu werden.

      Wer die Erinnerung an die Opfer als Belastung empfindet, vergisst, dass diese Erinnerung das Einzige ist, was uns vor einer Zukunft schützt.

      Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen. Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie.

      Ich habe lange gebraucht, um über das Schicksal von Opa Hermann zu sprechen, aber jetzt ist die zeit gekommen

      "Die Würde des menschen ist unantastbar." Artikel 1^des Grundgesetzes ist die direkte, in Stein gemeißelte Antwort auf Buchenwald. Er ist die Antwort auf die Effektenkammer, auf die Selektion, auf die Vernichtung von Menschen.

      Wer diese wertvolle Erinnerung ausblenden will, wer diese Zeit zu einem "Vogelschiss" herabwürdigen will, der greift unser Fundament an. Eine Gesinnung, die Menschen wieder ausgrenzt, die Gesellschaft spaltet und Verbrechen relativiert, hat auf dem Boden dieses Landes keine Berechtigung. Das ist eine historische Notwendigkeit.

      Am Tor von Buchenwald steht dieser furchtbare Satz:" Jedem das Seine". Die Nazis meinten damit: den Häftlingen den Tod, uns die Macht. Aber wir, die Nachfahren, wir deuten das heute um. "Jedem das Seine" bedeutet für uns: jedem Menschen seine unveräußerliche Würde.Jedem Menschen seine Freiheit. Jedem Menschen sein Recht, so zu sein, wie er ist - egal, woher er kommt, woran er glaubt oder wen er liebt.

      Ich habe lange gebraucht, um über das Schicksal von Opa Hermann zu sprechen. Aber jetzt ist die Zeit gekommen. Wir, die Nachfahren der Überlebenden, müssen die Wächter der Erinnerung sein, nicht aus Bitterkeit, sondern aus tiefer Liebe zur Freiheit.

      Demokratie ist kein geschenk, das man einmal erhält und dann besitzt; sie ist ein Versprechen, das jede Generation aufs Neue gegen die Bequemlichkeit des Wegsehens verteidigen muss.

      Für mich ist Buchenwalt kein abstrakter Erinnerungsort. Er gehört auf bedrückende Weise zu meienr Familiengeschichte. Ich stehe heute ier auch vor Ihnen, weil mich die aktuelle politische Entwicklung in unserem Land zutiefst alarmiert. Wenn heute wieder Kräfte erstarken, die unsere Erinnerungskultur diffamilieren, dann ist das ein Schlag ins Gesicht aller Opfer und ihrer Nachfahren. Buchenwald ist eine stengewordene Warnung. Wer heute wegschaut oder jenen apllaudiert, die die geschichte umschreiben wollen, macht sich mitschuldig.

      Opa Hermann hat geschwiegen, um seine Familie zu bewahren. Ich spreche heute, um ihn und alle Opfer, die hier litten und starben, zu ehren. Und ich bitte Sie alle: Sprechen auch Sie. Lassen Sie nicht zu, dass das Schweigen wieder die Oberhand gewinnt. Denn die Demokratie lebt nicht vom Wegsehen, sondern vom mutigen Hinsehen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass das "nie wieder" kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern unser täglicher Kompass ist.

      gelesen in Süddeutsche: sueddeutsche.de/kultur/hape-ke…e-li.3464973?reduced=true