Es gibt vieles, was man über den Spritpreis wissen sollte. Und es gibt einige, die alles immer besser wissen.
Wenn ich im Buchladen, im Bekleidungsgeschäft oder im Krimskramsmarkt gefragt werde, ob ich etwas suche, sage ich gern:"Nein, aber vielleicht finde ich etwas." Schon klar, der Verkäufer oder die ales-Assistentin (den Begriff habe ich mal auf einem Namensschild im Kaufhaus gelesen) will nur freundlichsein und helfen. Andererseits möchte der Mensch, und sei es der Mensch als Konsument, nicht das Geffühl haben, gegängelt zu werden. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass die Fremdbestimmung in einer überregulierten Gesellschaft zugenommen hat. Man bekommt von überallher Ratschläge, die manchmal nützlich sind. Manchmal allerdings sind sie so banal, dass man den Ratschlägern sagen möchte:"Nein danke, ich komme auch allein zurecht."
Nehmen wir etwa die Spritpreise und die offenbar dazugehörenden Tipps. Der eine Professor sagt im Fernsehen, wer Benzin tanke, müsse wegen der gestiegenen Preise jetzt mehr bezahlen. Ach ja, wirklich? Die andere Expertin meint, wenn man langsamer fahre, verbrauche man auch weniger. Tatsächlich? Hätte ich nie gedacht. Und der dritte Fachmann rät dazu, schneller in den nächsten Gang zu schalten, weil der Motor bei höheren Drehzahlen...oh, wie interessant. Dann kommt noch die Energiefachfrau, die konstatiert, dass die Elektroautos zwar teuer seien, aber man als Elektromobilist kein Problem mit dem Benzinpreis habe. Erstaunliche Erkenntnis.
Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel:" Die Desasterbahn - wie man sie besser macht"?
Es gibt Menschen, die glauben, dass es zu den Grundeigenschaften der hiesigen Kultur gehöre, anderen Menschen zu sagen, wie etwas geht und was sie machen sollen. Das - kein Framing in irgendeine Richtung! - Belehrungsgen trägt dazu bei, dass in Deutschland so viele sogenannte Sachbücher geschrieben werden, die einem sagen, wie das wirklich ist mit dem Darm, der Geldanlage, der Gerechtigkeit oder den Vitaminen. Die Zahl der Antworten auf gar nicht so intensiv gestellte Fragen ist in unserem Land (wirklich "unserem"? Wäre diese Frage nicht ein Sachbuch wert?) so groß, dass eigentlich vieles, vielleicht mit Ausnahme der Bahn, prima laufen müsste. Die Bahn, notabene, hat gerade mitgeteilt, dass jüngst 60 Prozent aller Züge pünktlich gewesen seien. Ist das nun ein Fortschritt oder eine Bankrotterklärung? Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel "Die Desasterbahn - wie man sie vesser amcht"? Wichtig ist dabei die Beschwörung der Kleinapokalypse ("Desasterbahn") und unbedingt ein Fragewort (wie, warum, wozu), das Expertise andeutet.
DasBelehrungsgen ist nahezu eine Voraussetzung dafür, dass Menschen Journalisten (ersatzweise "Publizisten") oder Politiker oder eine Mischform von beidem werden. Wer zum beispielden Auftritt der Wirtschaftsministerin Reiche gegen die Steuerpläne der SPD im Fernsehen oder auf sonst einem Buldschirm gesehen hat, der konnte erleben, wie das Belehrungsgen die Ministerin überfraute. Manche sagen, Reiche habe aus Überzeugung "klare Kante" gezeigt. Andere sagen, sie sei ihrem inneren Drang gefolgt, sich und anderen ohne Rücksicht auf Freunde, Feinde und Koalitionspartner zu zeigen, dass sie recht hat. Das Rechthaben ist ein enger Verwandter des Belehrens. Wer nicht zu wissen glaubt, er oder sie sei im Recht, wird Möglichkeiten erwägen, aber nicht den scharfen leitartikel schreiben oder die deutliche Rede halten, dass die Lage klar sei und die Antworten auch. Die Lage ist fast nie so klar, wie es die glauben, die den anderen vorwerfen, sie würden nur oder wenigstens viele falsche Antworten geben.
Weil es nahezu unvermeidlich ist: Das Belehrungsgen ist zwar in Deutschland mindestens so weit verbreitet wie die Blutgruppen A positiv und 0 positiv. (Fast drei Viertel der hiesigen Bevölkerung haben eine von beiden) Aber natürlich gibt es das Belehrungsgen auch anderswo. In den USA ist es gerade im Körper Jesus von Mar-a-Lago an der Regierung. Möglicherweise haben es dessen Vorfahren aus Deutschland mitgebracht. Allerdings bildet das Belehrungsgen bei Leuten, die viel reden und denen in ihrer direkten Umgebung wenig widersprochen wird - Chefs und Chefinnen jeder Art, Firmenerben -, Belehrungsknoten im Nervensystem aus, die dazu führen, dass die Eigenwahrnehmung die Außenwahrnehmung überlagert. Träger solcher Belehrungsknoten können gar nicht anders, als der Welt zu erklären, wie es wirklich ist. Leider belässt es der Alte aus dem Weißen Haus nicht bei Belehrungen. Viele Belehrungsknoten gepaart mit Durchsetzungsmacht und Flugzeugträgern gehören zum Übelsten, was dem Belehrungspublikum passieren kann.
Interessant ist allerdings auch, dass sich unter den heimischen Belehrern viele über Trumps Jesus-Inkarnation auf seinem Social-Media-Kanal aufgeregt haben, die sich sonst nicht mit Religion beschäftigen. Auch Papst Leo gewinnt gerade viele unkatholische "Fans", weil er gegen den Alten im Weißen Haus hält. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, weswegen auch Winston Churcill eine Zeit lang mit Stalin zurechtkam. Allerdings, und das ist eigentlich positiv, ist die Belehrungsdichte in Deutschland zwar hoch. Die gefährliche Intensitt wie in den USA oder in Russland hat sie glücklicherweise nich nicht, auch wenn der Apokalypsismus ("die letzte Patrone der Demokratie") unter hiesigen Belehrern weit verbreitet ist.
Habe ich eigentlich schon gesagt, dass man, wenn man das Auto am Wochenende stehen läßt, Sprit sparen kann?
(Kolumne von Kurt Kister
gelesen in Süddeutsche: sueddeutsche.de/leben/deutschl…g-li.3467685?reduced=true
Wenn ich im Buchladen, im Bekleidungsgeschäft oder im Krimskramsmarkt gefragt werde, ob ich etwas suche, sage ich gern:"Nein, aber vielleicht finde ich etwas." Schon klar, der Verkäufer oder die ales-Assistentin (den Begriff habe ich mal auf einem Namensschild im Kaufhaus gelesen) will nur freundlichsein und helfen. Andererseits möchte der Mensch, und sei es der Mensch als Konsument, nicht das Geffühl haben, gegängelt zu werden. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass die Fremdbestimmung in einer überregulierten Gesellschaft zugenommen hat. Man bekommt von überallher Ratschläge, die manchmal nützlich sind. Manchmal allerdings sind sie so banal, dass man den Ratschlägern sagen möchte:"Nein danke, ich komme auch allein zurecht."
Nehmen wir etwa die Spritpreise und die offenbar dazugehörenden Tipps. Der eine Professor sagt im Fernsehen, wer Benzin tanke, müsse wegen der gestiegenen Preise jetzt mehr bezahlen. Ach ja, wirklich? Die andere Expertin meint, wenn man langsamer fahre, verbrauche man auch weniger. Tatsächlich? Hätte ich nie gedacht. Und der dritte Fachmann rät dazu, schneller in den nächsten Gang zu schalten, weil der Motor bei höheren Drehzahlen...oh, wie interessant. Dann kommt noch die Energiefachfrau, die konstatiert, dass die Elektroautos zwar teuer seien, aber man als Elektromobilist kein Problem mit dem Benzinpreis habe. Erstaunliche Erkenntnis.
Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel:" Die Desasterbahn - wie man sie besser macht"?
Es gibt Menschen, die glauben, dass es zu den Grundeigenschaften der hiesigen Kultur gehöre, anderen Menschen zu sagen, wie etwas geht und was sie machen sollen. Das - kein Framing in irgendeine Richtung! - Belehrungsgen trägt dazu bei, dass in Deutschland so viele sogenannte Sachbücher geschrieben werden, die einem sagen, wie das wirklich ist mit dem Darm, der Geldanlage, der Gerechtigkeit oder den Vitaminen. Die Zahl der Antworten auf gar nicht so intensiv gestellte Fragen ist in unserem Land (wirklich "unserem"? Wäre diese Frage nicht ein Sachbuch wert?) so groß, dass eigentlich vieles, vielleicht mit Ausnahme der Bahn, prima laufen müsste. Die Bahn, notabene, hat gerade mitgeteilt, dass jüngst 60 Prozent aller Züge pünktlich gewesen seien. Ist das nun ein Fortschritt oder eine Bankrotterklärung? Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel "Die Desasterbahn - wie man sie vesser amcht"? Wichtig ist dabei die Beschwörung der Kleinapokalypse ("Desasterbahn") und unbedingt ein Fragewort (wie, warum, wozu), das Expertise andeutet.
DasBelehrungsgen ist nahezu eine Voraussetzung dafür, dass Menschen Journalisten (ersatzweise "Publizisten") oder Politiker oder eine Mischform von beidem werden. Wer zum beispielden Auftritt der Wirtschaftsministerin Reiche gegen die Steuerpläne der SPD im Fernsehen oder auf sonst einem Buldschirm gesehen hat, der konnte erleben, wie das Belehrungsgen die Ministerin überfraute. Manche sagen, Reiche habe aus Überzeugung "klare Kante" gezeigt. Andere sagen, sie sei ihrem inneren Drang gefolgt, sich und anderen ohne Rücksicht auf Freunde, Feinde und Koalitionspartner zu zeigen, dass sie recht hat. Das Rechthaben ist ein enger Verwandter des Belehrens. Wer nicht zu wissen glaubt, er oder sie sei im Recht, wird Möglichkeiten erwägen, aber nicht den scharfen leitartikel schreiben oder die deutliche Rede halten, dass die Lage klar sei und die Antworten auch. Die Lage ist fast nie so klar, wie es die glauben, die den anderen vorwerfen, sie würden nur oder wenigstens viele falsche Antworten geben.
Weil es nahezu unvermeidlich ist: Das Belehrungsgen ist zwar in Deutschland mindestens so weit verbreitet wie die Blutgruppen A positiv und 0 positiv. (Fast drei Viertel der hiesigen Bevölkerung haben eine von beiden) Aber natürlich gibt es das Belehrungsgen auch anderswo. In den USA ist es gerade im Körper Jesus von Mar-a-Lago an der Regierung. Möglicherweise haben es dessen Vorfahren aus Deutschland mitgebracht. Allerdings bildet das Belehrungsgen bei Leuten, die viel reden und denen in ihrer direkten Umgebung wenig widersprochen wird - Chefs und Chefinnen jeder Art, Firmenerben -, Belehrungsknoten im Nervensystem aus, die dazu führen, dass die Eigenwahrnehmung die Außenwahrnehmung überlagert. Träger solcher Belehrungsknoten können gar nicht anders, als der Welt zu erklären, wie es wirklich ist. Leider belässt es der Alte aus dem Weißen Haus nicht bei Belehrungen. Viele Belehrungsknoten gepaart mit Durchsetzungsmacht und Flugzeugträgern gehören zum Übelsten, was dem Belehrungspublikum passieren kann.
Interessant ist allerdings auch, dass sich unter den heimischen Belehrern viele über Trumps Jesus-Inkarnation auf seinem Social-Media-Kanal aufgeregt haben, die sich sonst nicht mit Religion beschäftigen. Auch Papst Leo gewinnt gerade viele unkatholische "Fans", weil er gegen den Alten im Weißen Haus hält. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, weswegen auch Winston Churcill eine Zeit lang mit Stalin zurechtkam. Allerdings, und das ist eigentlich positiv, ist die Belehrungsdichte in Deutschland zwar hoch. Die gefährliche Intensitt wie in den USA oder in Russland hat sie glücklicherweise nich nicht, auch wenn der Apokalypsismus ("die letzte Patrone der Demokratie") unter hiesigen Belehrern weit verbreitet ist.
Habe ich eigentlich schon gesagt, dass man, wenn man das Auto am Wochenende stehen läßt, Sprit sparen kann?
(Kolumne von Kurt Kister
gelesen in Süddeutsche: sueddeutsche.de/leben/deutschl…g-li.3467685?reduced=true