Lesenswerte Artikel, Kolumnen oder Interviews

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    • Die Lust, andere zu belehren

      Es gibt vieles, was man über den Spritpreis wissen sollte. Und es gibt einige, die alles immer besser wissen.

      Wenn ich im Buchladen, im Bekleidungsgeschäft oder im Krimskramsmarkt gefragt werde, ob ich etwas suche, sage ich gern:"Nein, aber vielleicht finde ich etwas." Schon klar, der Verkäufer oder die ales-Assistentin (den Begriff habe ich mal auf einem Namensschild im Kaufhaus gelesen) will nur freundlichsein und helfen. Andererseits möchte der Mensch, und sei es der Mensch als Konsument, nicht das Geffühl haben, gegängelt zu werden. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass die Fremdbestimmung in einer überregulierten Gesellschaft zugenommen hat. Man bekommt von überallher Ratschläge, die manchmal nützlich sind. Manchmal allerdings sind sie so banal, dass man den Ratschlägern sagen möchte:"Nein danke, ich komme auch allein zurecht."

      Nehmen wir etwa die Spritpreise und die offenbar dazugehörenden Tipps. Der eine Professor sagt im Fernsehen, wer Benzin tanke, müsse wegen der gestiegenen Preise jetzt mehr bezahlen. Ach ja, wirklich? Die andere Expertin meint, wenn man langsamer fahre, verbrauche man auch weniger. Tatsächlich? Hätte ich nie gedacht. Und der dritte Fachmann rät dazu, schneller in den nächsten Gang zu schalten, weil der Motor bei höheren Drehzahlen...oh, wie interessant. Dann kommt noch die Energiefachfrau, die konstatiert, dass die Elektroautos zwar teuer seien, aber man als Elektromobilist kein Problem mit dem Benzinpreis habe. Erstaunliche Erkenntnis.

      Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel:" Die Desasterbahn - wie man sie besser macht"?

      Es gibt Menschen, die glauben, dass es zu den Grundeigenschaften der hiesigen Kultur gehöre, anderen Menschen zu sagen, wie etwas geht und was sie machen sollen. Das - kein Framing in irgendeine Richtung! - Belehrungsgen trägt dazu bei, dass in Deutschland so viele sogenannte Sachbücher geschrieben werden, die einem sagen, wie das wirklich ist mit dem Darm, der Geldanlage, der Gerechtigkeit oder den Vitaminen. Die Zahl der Antworten auf gar nicht so intensiv gestellte Fragen ist in unserem Land (wirklich "unserem"? Wäre diese Frage nicht ein Sachbuch wert?) so groß, dass eigentlich vieles, vielleicht mit Ausnahme der Bahn, prima laufen müsste. Die Bahn, notabene, hat gerade mitgeteilt, dass jüngst 60 Prozent aller Züge pünktlich gewesen seien. Ist das nun ein Fortschritt oder eine Bankrotterklärung? Sollte ich vielleicht ein Buch konzipieren mit dem Titel "Die Desasterbahn - wie man sie vesser amcht"? Wichtig ist dabei die Beschwörung der Kleinapokalypse ("Desasterbahn") und unbedingt ein Fragewort (wie, warum, wozu), das Expertise andeutet.

      DasBelehrungsgen ist nahezu eine Voraussetzung dafür, dass Menschen Journalisten (ersatzweise "Publizisten") oder Politiker oder eine Mischform von beidem werden. Wer zum beispielden Auftritt der Wirtschaftsministerin Reiche gegen die Steuerpläne der SPD im Fernsehen oder auf sonst einem Buldschirm gesehen hat, der konnte erleben, wie das Belehrungsgen die Ministerin überfraute. Manche sagen, Reiche habe aus Überzeugung "klare Kante" gezeigt. Andere sagen, sie sei ihrem inneren Drang gefolgt, sich und anderen ohne Rücksicht auf Freunde, Feinde und Koalitionspartner zu zeigen, dass sie recht hat. Das Rechthaben ist ein enger Verwandter des Belehrens. Wer nicht zu wissen glaubt, er oder sie sei im Recht, wird Möglichkeiten erwägen, aber nicht den scharfen leitartikel schreiben oder die deutliche Rede halten, dass die Lage klar sei und die Antworten auch. Die Lage ist fast nie so klar, wie es die glauben, die den anderen vorwerfen, sie würden nur oder wenigstens viele falsche Antworten geben.

      Weil es nahezu unvermeidlich ist: Das Belehrungsgen ist zwar in Deutschland mindestens so weit verbreitet wie die Blutgruppen A positiv und 0 positiv. (Fast drei Viertel der hiesigen Bevölkerung haben eine von beiden) Aber natürlich gibt es das Belehrungsgen auch anderswo. In den USA ist es gerade im Körper Jesus von Mar-a-Lago an der Regierung. Möglicherweise haben es dessen Vorfahren aus Deutschland mitgebracht. Allerdings bildet das Belehrungsgen bei Leuten, die viel reden und denen in ihrer direkten Umgebung wenig widersprochen wird - Chefs und Chefinnen jeder Art, Firmenerben -, Belehrungsknoten im Nervensystem aus, die dazu führen, dass die Eigenwahrnehmung die Außenwahrnehmung überlagert. Träger solcher Belehrungsknoten können gar nicht anders, als der Welt zu erklären, wie es wirklich ist. Leider belässt es der Alte aus dem Weißen Haus nicht bei Belehrungen. Viele Belehrungsknoten gepaart mit Durchsetzungsmacht und Flugzeugträgern gehören zum Übelsten, was dem Belehrungspublikum passieren kann.

      Interessant ist allerdings auch, dass sich unter den heimischen Belehrern viele über Trumps Jesus-Inkarnation auf seinem Social-Media-Kanal aufgeregt haben, die sich sonst nicht mit Religion beschäftigen. Auch Papst Leo gewinnt gerade viele unkatholische "Fans", weil er gegen den Alten im Weißen Haus hält. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, weswegen auch Winston Churcill eine Zeit lang mit Stalin zurechtkam. Allerdings, und das ist eigentlich positiv, ist die Belehrungsdichte in Deutschland zwar hoch. Die gefährliche Intensitt wie in den USA oder in Russland hat sie glücklicherweise nich nicht, auch wenn der Apokalypsismus ("die letzte Patrone der Demokratie") unter hiesigen Belehrern weit verbreitet ist.

      Habe ich eigentlich schon gesagt, dass man, wenn man das Auto am Wochenende stehen läßt, Sprit sparen kann?

      (Kolumne von Kurt Kister

      gelesen in Süddeutsche: sueddeutsche.de/leben/deutschl…g-li.3467685?reduced=true

      :thumbsup:
    • Die Fans sind selbst schuld, dass sie von der Fifa abgezockt werden

      Die WM in den USA setzt in puncto Raffgier völlig neue Maßstäbe. Das ist aber nur möglich, weil Millionen Fußballfans das Projekt "Gier ohne Grenzen" mitmachen. Ist die Freude am Spiel zur Manie geworden?

      Einen Titel trägt die kommende Fußball-WM schon vor dem Anpfiff: das Milliardengrab. Denn ein solches ist sie, für die Konten und Geldbeutel der Fans. Also für jene unverwüstlichen Anhänger, die weiterhin keinen Preis der Welt scheuen, obwohl sie die Staffage abgeben werden für den größten Wucher, den es bisher je gab.

      Keine Frage, jede Entscheidung ist frei. Aber frei sind auch die Gedanken, weshalb angesichts der wirtscjaftlichen Entwicklung rund um die größte Unterhaltungsshow des Globus, bei zugleich wachsender Bedeutung des Fantums, einige Überlegungen angebracht sind. Nicht zu jenen Besucherteilen, die sich in Logen und VIP-Bereichen auf Firmen- oder sonstige Kosten verwöhnen lassen und bei Schlechtwetter hinters Panoramafenster flüchten. Sondern zum klassischen Fußballfan. Der seit Jahrzehnten ob seiner ehernen Liebe zum Spiel besungen und romantisiert wird, weil er durch Länder, Kontinente oder um den ganzen Planeten düst und dabei weder Mühen noch Kosten scheut - selbst, wenn Letztere ihn auffressen. Eine schrankenlose Hingabe, auf der ein gesellschaftlicher Segen liegt. Einfach, weil es Fußball ist.

      Auch bei einem globalen Event wie der WM bildet der "normale Fan die breite Masse der Stadionbesucher. Längst haben ihn die Medien in die Mitte des Festes gerückt, zu einem Leuchtpunkt im internationalen Farbspektrum gemacht. Die Fernsehbilder von feiernden, trauernden, euphorisierten Fans gehören zum offiziellen Erscheinungsbild des Turniers. Dabeisein ist alles: nicht wie einst im geiste des Mitmachens, sondern oft im hippen Sinne privater Sichtbarkeit. Schaut her, ich bin auch da!

      Doch längst wird der selbst aufopfernde Kult, den der hart gesottene Fan pflegt, aals risikofreies Renditeobjekt erkannt und ausgeschlachtet. Weshalb sich manchmal schon die Frage aufdrängt, ob es für diese Entwicklung überhaupt ein Stoppschild gibt, eine rote Linie zwischen Passion und Obsession. Kann die Lust aufs Spiel zur Manie weren?

      Die Stadionpreise galoppieren und reißen alles andere mit sich

      Antworten gibt´s nun früher als gedacht. Denn die Habgier, mit der der Weltverband Fifa seine Ticketpreis-Politik für die WM in den USA (nebst Kanada und Mexiko) durchpeitscht, wird zum Lackmustest für die Vernunft der Zahlkundschaft. Das neue, perfide konstruierte Verkaufssystem der Fifa, gebaut auf Bluff und Verknappung, Versprechung und Enttäuschung, lässt sei Monaten die Preise galoppieren. Und reißt alles andere mit sich - jetzt wird sogar der Zubringerdienstan die WM-Spielstätten zum Luxustripp. Der Nahverkehr von New jersey zum Beispiel will für Hin- und Rückfahrt aus New York zum Met-Life Stadium 150 Dollar verlangen, ohne Ermäßigung für Senioren und Kinder. Die Zugstrecke kostet sonst 12,90 Dollar und beträgt 29 Kilometer.

      Das passt ins Gesamtbild einer WM, die nicht nur in puncto Raffgier völlig neue Maßstäbe setzt. Aufgebläht auf 48 Teams und 104 Spiele, erstmals mit strikten Einreiseverboten für die Landsleute mehrerer Teilnehmernationen und untragbaren Visa-Auflagen für viele andere, erstmals offen flankiert von materialischen Heimatschützern. Und überschattet von einem erratischen Präsidenten. der während des Turniers -anders als vormals selbst die Autokraten in Peking, Moskau oder Doha - keine Zurückhaltung üben wird, weil ihn diese Glitzerbühne ja tagtäglich triggert. Stets dabei an seiner Seite, bereit zum nächsten Kniefall: Gianni Infantino. Der Skandalpräsident der Fifa gibt sich medial zwar gerne so, als sei er Donald Trumps WG-Partner im Oval Office, tatsächlich aber schafft er es nicht einmal, beim Hausherrn die übliche Steuerbefreiung für lle Teilnehmerländer herauszuholen.

      Das Fest ist außer Kontrolle geraten, aber wenn man unbedingt mitmachen will: Viel Spaß - und nicht wundern, wenn es noch teurer wird.

      Nein, diese WM wird die Show von Trump und seinem grinsenden Sidekick, dem Funktionär mit den tiefen Taschen. Sie hat nichts zu tun mit Ideen des Sports oder dem Gemeingut Fußball. Das Fest ist außer Kontrolle geraten.

      Aber natürlich gilt für jeden WM-Fan, der sich trotzdem hineinwerfen und fünfstellige Betrge für zwei, drei Spiele der unteren Kategorie entrrichten will: Mach dein Ding, viel Spaß und gute Reise! Bloß nicht wundern, wenn du zum Gelingen des Fifa-Projekts "Gier ohne Grenzen" beuträgst - und in der Logig des Wuchergeschäfts beim nächsten Mal noch heftiger abgezockt wirst!

      Die große Nepp-WM richtet sich erstmals gegen ihr Innerstes: die Ideen von Gastfreundschaft, Respekt, fairem internationalen Wettbewerb. Sie wendet sich gegen alle, die gerne dabei wären, aber nicht kommen dürfen, und gegen all diejenigen, die unbedingt kommen sollen - damit man sie finanziell ausnehmen kann wie Truthähne an Thanksgiving. Es ist die WM, bei der klassisches Fan-sein seine Unschuld verliert: kein Sujet mehr für romantische Narrative, eher was für Suchttherapeuten.

      Kommenta von Thomas Kistner - Süddeutsche Zeitung -

      gelesen in: sueddeutsche.de/sport/trump-fi…m-li.3472585?reduced=true

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    • Wie lernt man, ein guter Mensch zu sein

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      Ageressionen und offen azsgelebter Hass scheinen überall zuzunehmen. Gibt es einen Ausweg aus der Spirale? Über die Wurzeln der Gewalt und die reale Chance, sie einzudämmen.

      Gerade könnte man wirklich den Glauben an die Menschheit verlieren. Wo man nur hinblickt, benehmen sich die Leute auf abscheuliche Weise daneben, eskaliert die Gewalt. Da beginnt ein neuer Krieg nach dem anderen, bei dem sich die Kriegsherren gegenseitig mit gehässigen Sprüchen überziehen, als fände das Ganze im Sandkasten statt, als ginge es nicht um Menschenleben. Ein Zugbegleiter wird zu Tode geprügelt, weil er es wagt, einen Passagier nach seiner Fahrkarte zu fragen. Frauen werden bewusstlos gemacht, damit Männer Sex mit ihnen haben können.

      Es sind längst nicht mehr nur die agressiven Ergüsse einiger weniger verirrter und verwirrter Menschen. Donald Trump? Wusste man doch längst, dass der weder seine Emotionen noch seinen Verstand im Griff hat. Die Mullahs? denen war das Wohlergehen ihres Volkes schon immer egal. Einzelne Gewalttäter, die Messer, Pistolen und Fäuste gebrauchen, wenn jemand das Falsche sagt? Hat es zugegebenermaßen auch schon immer gegeben.

      Aber Hass und Gewalt, zur Schau getragene Abscheu und das ganze Ich-Geschrei enden nicht bei diesen Estremfiguren. Sie scheinen sich gerade immer tiefer hineinzufressen in die Gesellschaft, sind salon- und forenfähig geworden und ziehen ein in das Alltagsverhalten auch von Menschen, die man eben noch für einigermaßen gut erzogen hielt. Nun packen diese ihre Gehässigkeiten aus und belustigen sich über die anderen, die Friedfertigen, die Woken. Über die, die sich einen Umgang auf Augenhöhe wünschen.

      Zugegeben: Ob die Gewalt wirklich zunimmt, lässt sich nur schwer messne. Zwar erfasst die Kriminalstatistik seit einiger Zeit erschreckend hohe Zahlen von Gewalttaten, nachdem diese Jahre lang sukzessive zurückgegangen waren. Allerdings sind dies nur die angezeigten Taten, und die Anzeigebereitschaft hängt von vielen Faktoren ab: Trauen sich mehr Opfer, weil sie wissen,d ass sie gehört werden? Weil ihre Scham kleiner wird, diese womöglich die Seite wechselt, wie es die tapfere Gisele Pelicot verlangt? Oder zeigen die Opfer gar mehr an, weil sie heute Tagten als Form der Gewalt empfinden, die sie früher akzeptiert und weglächelten?= Gut möglich, dass die Menschen auch einfach nur sensibler geworden sind.

      Nach der extremen Verrohung in der Nazizeit hatte sich in den Nachkriegsjahrzehnten die Überzeugung durchgesetzt, dass Gewalt keine Lösung ist. Dass man Geld lieber in Bildung investiert als in Waffen und dass es sich nicht gehört, Frauen und Kinder zu schlagen. Tatsächlich nahm die Gewalt in der Gesellschaft rapide ab, auch in den Familien. "Wir hatten noch nie si liebevolle Eltern wie heute", wurde der Kriminologe Christian Pfeiffer nicht müde zu betonen. Der Krieg und die traumatisierten, wortkargen Eltern und Lehrer, doe oft die selbst erlebte Gewalt als probates Mittel nutzten, sind längst Geschichte.

      In der Anonymität zwische den Firewalls verrohen die Menschen

      Das schlägt sich direkt auf den gesellschaftlichen Umgang nieder. Wer als Kind nicht geschlagen wird, setzt auch selbst seltener seine Fäuste durch. Gab es früher regelmäßig Prügeleien vor Kneipen, rümpft man heute die Nase darüber oder ruft die Polizei. Gewalt wird gesellschaftlich deutlich mehr geächtet. Doch die wachsende Sensibilität darf nicht darüber hinwegsehen, dass die Gewalt in vielen Bereichen ganz neue Dimensionen erlangt hat. Das kann man in Echtzeit in den sozialen medien beobachten, wo sich Hetzte und Abwertung nahezu ungehemmt Bahn brechen und auf der nach oben offenen Hass-Skala immer neue Extremausschläge erreicht werden. In der Anonymität zwischen den Firewalls verrohen die Menschen. Hier lassen sie gnadenlos die Sau raus.

      Noch sazu bekommt man in den sozialen medien für Entgleisungen oftmals sogar Applaus. Auf X spülen die Algorithmen Feindseligkeiten anch oben, weil Elon Musk sie als meinunsgfreiheit verherrlicht. Die Aufmerksamkeit verlockt zur Wiederholung. So wird Gewalt belohnt und als erstrebenswert erlernt. "Verhalten, das andere bestärken, tritt häufiger auf. Verhalten, das bestraft word oder ignoriert, wird hingegen seltener", sagt die Psychologin Andrea Kiesel von der Universiät Freiburg. "Insofern treten hier ganz mormale Lernmechanismen ein."


      Wenn Hemmungen in den Echokammern des Internets fallen, diffuniert dies nach und nach in die reale Welt

      Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierung - es sind Phänomene, die Gesellschaften seit langem kennen. Aber im Internet erhalten sie eine ganz neue Qualität. Auch durch die schiere Masse. Auf dem Höhepunkt der Hetze, die Elon Musk im Herbst 2022 gegen die Sozialwissenschaftlerin Eirliani Abdul Rahman losgetreten hat, weil sie gegen seine Algorithmen protestierte, hat die Harvard-Forscherin 400 Hassnachrichten pro Minute erhalten. Das sprengt die Grenzen dessen, was in Zeiten nichtvirtueller Kommunikation möglich gewesen wäre. Jemand bekommt täglich körbeweise Post, hieß es da manchmal. Aber die Internettrolle schicken einem heute einen Korb pro Minute.

      Die verbale Gewalt in den sozialen medien ist erschreckend, und sie bleibt keienswegs in diesen Räumen. Wenn Hemmungen in den Echokammern des Internets fallen, diffundiert dies nach und nach in die reale Welt. Dann nimmt auch auf den Straßen, in Büros, in Konzernzentralen und im Parlament die Verrohung zu.

      Das zeigt sich Tag für Tag. Nach dem gewaltsamen Tod ihres Kollegen Anfang Fevruar erzählten Zugbegleiter viele schockierende Geschichten aus ihrem Alltag in den Z+gen der deutschen Bahn. Menschen in anderen Berufen, in denen man viel mit Leuten zu tun hat, ergeht es nicht anders. Da werden Bauarbeiter angegriffen, weil jemand einen Umweg fahren muss. Selbst Polizisten, Sanitäter*innen und Feuerwehrleute - also ausgerechnet Menschen in helfenden Berufen - müssen sich aufgebrachter Wutbürger erwehren. Ärzte und Pflegekräfte werden angepöbelt, wenn Patienten glauben, nicht schnell oder gut genug behandelt zu weren. Und tierärzte, denen es nicht gelingt, ein Tier zu heilen, müssen um ihre eigene gesundheit fürchten. In manchen Praxen stehen deshalb schon keineVasen mehr auf der Theke, und Scheren werden schnell wieder in der Schublade versteckt.

      Teil 1
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      Wie man lernt, ein guter Mensch zu sein - Teil 2 -

      Auch wenn die Fähigkeit zur Gewalt in jedem Menschen steckt, wird kein mensch als Schläger und Pöbler geboren

      So fragt man sich, angesichts von Despotismus, Empathielosigkeit und alltäglichem Hass: Könnte nicht mal irgendjemand den leuten beibrignen, sich zu zügeln, sich zu hinterfragen und Verständnis für andere Meinungen und Sichtweisen aufzubringen? Kurz: ein mitfühlender Mensch zu sein?

      Tatsächlich könnte man den menschen das beibringen - wenn man das Thema weit oben auf die Agenda setzen würde. Die Wege dahin sind grundsätzlich bekannt: Man muss Gewalt ächten, die Chancen von Erziehung nutzen, Gesetze erlassen und durchsetzen, unermüdlich für Verständnis und Respekt und Höflichkeit werben, auch in den Schulen, Betrieben, vereinen.

      Die erste Station ist natürlich die Familie. Auch wenn die Fähigkeit zur Gewalt prinzipiell in jedem Menschen steckt, wird kein Mensch als Schläger und Pöbler geboren. Babys kommen sogar gefühlsblind auf die Welt. Erst im Kontakt mit anderen menschen, die ihnen beibringen, was Traurigkeit, Freude und Wut sind, lernen sie, wie man Gefühle wahrnimmt und wie man damit umgeht.

      Später schlagen sie vor allen dann um sich, wenn sie nicht gelernt haben, nmit ihrem Stress und ihren Sorgen konstruktiv umzugehen. Wenn sie bei ihren Eltern oder den ach so coolen Buddys aus ihrem Viertel erleben, ass man mit Gewalt zum Ziel kommt. Man kann jungen menschen aber beibringen, ihre Wut und Traurigeit anders zu kanalisieren als in Gewalt.

      Erziehung ist deshalb eine ungeheure Chance, und Bewegungen wie "Hot Boys Cry" sind keineswegs so lächerlich, wie sie von manchen gemacht werden: Wenn Männer lernen, über ihre Gefühle zu reden, sich selbst zu evrstehen und sich auch mal in den Arm eines anderen echten kerls auszuheulen, notfalls mithlfe der im Club der Boys bereitstehenden superscharfen Chilisoße, ist das ein echter Forschritt. Es ist soviel besser, als beim nächsten Frust wieder jemanden auf die Fresse zu geben.

      Am besten, man fängt schon ganz früh mit der Gewaltprävention an. Wer eine friedliche Gesellschaft will, wer die aktuelle Verrohung bremsen will, in der unflätige und entmenschlichende Kommentare gefeiert werden, statt das sie den Ruf ruinieren, der sollte möglichst schon in der Krippe, spätestens im Kindergarten beginnen. Dort können gut geschulte Pädagoginnen und Erzieher Kinderns sozial-emotianle Kompetenzen beibringen, um seine Gefühle zu regulieren, mal die Perspektive von anderen einzunehmen ud seine Impulse zu kontrollieren - also: nicht gewalttätig zu werden. So lernen schon die Kleinsten, wie man ohne Fäuste oder gar Waffen mit Frust und Niederlagen umgeht und dass Gewalt die Sache nur schlimmer macht.

      Zugleich sollten Kinder und Jugendliche auch auf Situationen vorbereitet werden, in den andere psychische oder ühysische Gewalt anwenden - sie sollten wissen, wie man in Momenten der Einschüchterung reagiert oder sich gegen Mobber aller Art zur Wehr zu setzt.

      Nach der Kita muss es weitergehen. In der Schule und Ausbildung, inVereinen, im Beruf und im öffentlichen Leben braucht es immer wieder positive Vorbilder. Es sind die Führungskräfte in Betrieben, die Lehrer und Trainerinnen und die Galionsfiguren der Politik, die einen würdevollen Umgang vorleben können. Begleitet werden muss all das auch von gezielten Maßnahmen, um diejenigen zu erreichen, bei denen Vorbilder und Präventionsprogramme trotz aller Mühen versagt haben. Das kann etwa Antiaggressionstraining im Boxclub sein, wo gegen gewalttätige oder kriminell gewordene junge Leute ihre Kraft ausleben können und zugleich lernen, dass sie selbst in körperlichen Auseinandersetzungen Regeln einzuhalten haben und Verstöße gegen diese Regeln sanktiniert werden.

      Schon klar, Eine komplett friedliche Gesellschaft ist ein unrealistisches Ansinnen. Es gab, soweit man das aus archäologischen Funden und der geschichtsschreibung schließen kann, noch nie gewaltfreie Gesellschaften. Auch die oftmals so vorbildlich erscheinenden Skandinavier sind leider kein Vorbild, Schweden etwa kämpft seit Jahren mit einer schwer zu bändigenden Bandenkriminalität, mit teilweise midnerjährigen Tätern.

      sueddeutsche.de/leben/gewalt-i…g-li.3393844?reduced=true
      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
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      Mit Gewalt usw. wird keiner geboren, das ist ok. Aber wir bekommen es doch von den Regierenden jeden Tag vorgemacht. Krieg ist besser als zu verhandeln, mehr Totüngsmaschinen, mehr Lügereien um den Krieg schön zu reden, mehr Wehrpflichtige denen man das Töten bei bringt. Gewalt regiert die Welt. Ein neues altes Zeitalter ist dabei aufzuwachen und sich zu verewigen. Und wie schauen alle zu.