Pinned ADVENTSKALENDER 2025

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      1.Türchen:

      ✨ Die Laterne der stillen Züge ✨

      Am Abend des 1. Dezembers saß Jonas wie so oft als Letzter im Schachraum.
      Draußen hing der Winter grau und schwer über den Straßen, und drinnen stand alles ruhig bereit: Bretter ordentlich aufgebaut, Figuren sauber ausgerichtet, ein paar vergessen tickende Schachuhren als letzter Rest vom Vereinsabend.

      Jonas wollte gerade das Licht löschen, als ihm etwas auffiel.

      Auf Brett 3 stand eine kleine, goldene Laterne.
      Er war sich sicher: Vorhin war sie noch nicht da gewesen.
      Niemand im Verein brachte so etwas mit – schon gar nicht im Advent.

      Die Laterne glühte von innen.
      Nicht hell, nicht grell – warm.
      Wie ein Licht, das nicht leuchten, sondern zuhören wollte.

      Jonas setzte sich davor.
      Die Startstellung lag klar vor ihm, nichts Auffälliges.
      Nur dieses Licht.

      Und dann passierte etwas, das er nie vergessen würde:

      Der weiße Bauer auf e2 bewegte sich ein Feld nach vorne.
      Leise.
      Unaufgeregt.
      Ein kleiner, völlig regelkonformer Schritt.

      Jonas hielt den Atem an.

      Einen Moment später antwortete Schwarz mit … e6, genauso ruhig.
      Es war, als würde das Brett selbst eine Partie beginnen wollen – eine, die nichts mit Sieg oder Niederlage zu tun hatte.

      Die Laterne flackerte sanft, als bestätige sie diesen Gedanken.

      In den nächsten Minuten ergab sich eine Partie, wie Jonas sie noch nie erlebt hatte:
      keine Gewaltzüge, keine schnellen Attacken, keine Fallen.
      Nur behutsame Verbesserungen.
      Springer, die ihre natürlichen Felder fanden.
      Läufer, die Linien öffneten.
      Leichte Bauernzüge, die keine Drohungen aufbauten, sondern Raum schufen.

      Es war ein Gespräch.
      Ein leises Schachgespräch in Zügen.

      Nach vielen ruhigen Umlaufmanövern geschah etwas, das Jonas den Atem stocken ließ:
      Die Könige beider Seiten näherten sich im Mittelspiel der Brettmitte – langsam, legal, unaufdringlich – bis sie sich schließlich in einer harmonischen, sicheren Stellung gegenüberstanden.
      Kein Schach, kein Druck, kein Vorteil.
      Ein Remis, das eher wie ein Einverständnis wirkte als wie ein Kompromiss.

      Die Laterne glomm ein letztes Mal auf.
      Dann erlosch sie, ohne kalt zu werden.

      Jonas blickte lange auf die Stellung.
      Er wusste nicht, was er gerade erlebt hatte.
      Aber er wusste, was es bedeutete:

      Manchmal beginnt der Advent nicht mit großen Worten, sondern mit einem kleinen Schritt.
      Und einem zweiten, der antwortet.
      Und einer Stellung, in der niemand gewinnen muss, damit es gut ist.
      Er ließ das Brett genau so stehen und schloss den Raum für die Nacht.

      Am nächsten Nachmittag war der Vereinsraum ungewohnt belebt.
      Drei Spieler standen um Brett 3 herum, leise murmelnd.
      Die Laterne stand dunkel daneben, die Könige noch immer in ihrer friedlichen Nähe.
      „Wann hast du die hingestellt?“ fragte Martin skeptisch.
      „Gestern“, sagte Jonas. „Sie war einfach da.“
      Er wusste, wie verrückt das klang, aber niemand widersprach.
      Es war Dezember.
      Man durfte ein kleines bisschen an Wunder glauben.
      Anna beugte sich näher über die Stellung.
      „Sieht aus wie… eine Begegnung“, sagte sie.
      „Nicht wie eine Partie, die jemand gewinnen will.“
      Jonas nickte.
      „Vielleicht soll das unser erstes Adventstürchen sein. Ein Anfang.
      Und wir könnten jeden Tag einen Zug machen.
      Einen einzigen.
      Nicht um zu siegen – sondern um gemeinsam eine Partie zu spielen, die keinem gehört und doch allen.“

      Martin rollte mit den Augen, aber es war ein freundliches Rollen.
      „Na gut“, sagte er schließlich. „Dann mach ich heute den ersten Mensch-Zug.“

      Er setzte sich und spielte ruhig, bedacht – einen Zug, der nichts zerstörte, sondern etwas weiterführte.

      Die Laterne blieb dunkel.
      Aber der Raum fühlte sich wärmer an, ohne dass jemand die Heizung aufgedreht hätte.

      Am Abend war Jonas wieder der Letzte im Raum.
      Er sah auf das Brett, auf den neuen Zug, auf die Laterne.

      Draußen war es kalt.
      Drinnen hatte jemand einen einzigen kleinen Schritt gemacht.

      Und Jonas dachte:
      So beginnt ein guter Dezember – nicht laut, nicht schnell, sondern gemeinsam.
      Zug für Zug.
      Mit einem Licht, das nicht brennt, aber trotzdem wärmt.
    • 2. Türchen



      Advent


      Der Frost haucht

      zarte Häkelspitzen

      perlmuttgrau

      ans Scheibenglas.

      Da blühn bis an die Fensterritzen

      Eisblumen, Sterne, Farn und Gras.


      Kristalle schaukeln von den Bäumen,

      die letzten Vögel sind entflohn.

      Leis fällt der Schnee …

      in unsern Träumen weihnachtet es

      seit gestern schon.


      (Mascha Kaléko)


      .
      Die Sonne bringt es an den Tag.
      (Aesop)
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      3. Türchen
      Mattwurms Weihnachtsmucke - Die Top 3

      Kaum zu glauben, aber es gibt nicht nur Wham und Helene, nein, es gibt auch schöne und berührende Lieder zum Fest. Mein Platz 3 ist die Gruppe Liederjan, ewig lange im Geschäft, ewig oft live erlebt und immer witzig und kritisch. Habe mit Ihnen schon gebosselt und auch Musik gemacht. Hamburger Weihnachten trifft mich immer voll, vielleicht euch ja auch.

      Platz 3 - Liederjan: Hamburger Weihnachten


      Das liebste aller klassischen Weihnachtslieder ist mir die dornwaldgehende Maria, ergreifender Text, ergreifende Melodie, hier gesungen von den weltberühmten King's Singers, geht schwerlich besser.

      Platz 2/1 - King's Singers: Maria durch ein Dornwald ging


      Maria gibt es auch mit verändertem Text von Saltatio mortis, hier die akustische Version, gnadenlos, gut, geheimnisvoll, für bambi und alle auf der Arena, die Musik in welcher Form auch immer leben.

      Platz 2/2 - Saltatio mortis: Maria

      Platz 1 dann Übermorgen, LG MW
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      4. Türchen

      Kein Schnee
      Der Weihnachtsmann mit seinem Schlitten,
      hat noch niemals so gelitten,
      kein Schnee für seines Schlitten Kufen,
      er muss den Pannendienst wohl rufen.


      Der Engel vom ADAC,
      sagt auch verzweifelt nur ohje,
      für Schlitten hab ich keine Reifen,
      das müssen leider sie begreifen.



      Ein großer Laster muss nun her,
      der Schlitten ist ja furchtbar schwer,
      der Weihnachtsmann, er schuftet fleißig,
      doch überall ist Tempo 30.



      So kommt's Geschenk nicht pünktlich an,
      es ärgert sich ein jedermann,
      dem Weihnachtsmann wird's schon ganz flau,
      denn nun steckt er im Riesenstau.



      Die Rentiere stehen da und lachen,
      was macht der Alte bloß für Sachen,
      sie könnten sich vor Freude biegen,
      er hat vergessen, wir können fliegen.



      So kriegt auch diesmal jedes Kind,
      ganz sicher sein Geschenk geschwind,
      denn würde das mal nicht so sein,
      der liebe Gott ließ es schon schnei'n.

      Autor Heinz Bornemann


      Euch Allen eine schöne, ruhige Adventszeit
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      Meine Nr. 1 ist eigentlch ein Anti-Weihnachtslied. „Fairytale of New York“ erzählt von einem irischen Auswandererpaar in New York, das zwischen Hoffnung auf ein besseres Leben und der Ernüchterung über zerplatzte Träume schwankt. In einem Streit an Weihnachten werfen sie sich gegenseitig so einiges an den Kopf. Grandios im Duett gesungen vom Frontmann der Pogues, Shane MacGowan, und der wunderbaren Kirsty MacColl. Auch die zwei Songs, die im Text vorkommen, hänge ich noch an, in den Versionen der Dubliners und von Johnny Cash. LG MW

      Platz 1 - The Pogues: Fairytale of New York










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      6.Pforte


      Weihnachtsabend

      Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
      der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
      Weihnachten war’s, durch alle Gassen scholl
      der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

      Und wie der Menschenstrom mich fort gespült,
      drang mir ein heiser Stimmlein in das Ohr:
      "Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt
      feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

      Ich schrak empor, und beim Laternenschein
      sah ich ein bleiches Kinderangesicht;
      wes Alters und Geschlecht es mochte sein,
      erkannt’ ich im Vorübertreiben nicht.

      Nur vor dem Treppenstein, darauf es saß,
      noch immer hört’ ich, mühsam, wie es schien:
      "Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn’ Unterlass;
      doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

      Und ich? War’s Ungeschick, war es die Scham,
      am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
      Eh’ meine Hand zu meiner Börse kam,
      verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.

      Doch als ich endlich war mit mir allein,
      erfasste mich die Angst im Herzen so,
      als säß’ mein eigen Kind auf jenem Stein
      und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.

      Theodor Storm (1817-1888)
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      Eine Adventsgeschichte aus Slowenien, einem Land dem ich mich irgendwie verbunden fühle

      Die Weihnachtszeit beginnt in Slowenien traditionell am 13. Dezember,
      den Tag der Heiligen Lucia. Die Familien versammeln sich zum Festessen
      in schön geschmückten Häusern und geniessen einen letzten
      Tag in Hülle und Fülle, bevor die vorweihnachtliche Fastenzeit beginnt.
      An diesem Tag gibt es auch einen besonderen Volksbrauch, der vor
      allem von Kindern nach wie vor gelebt wird. Am 13. Dezember nimmt
      man ein Blatt Papier und notiert zwölf Wünsche. Dann zerschneidet
      man das Blatt so, dass jeder Wunsch auf einem eigenen Zettel steht.
      Diese faltet man zusammen und gibt sie in einen Karton oder ein
      Glas.
      Das erste Stück Papier wird noch am 13. Dezember in das Kaminfeuer geworfen.
      Oder auf andere Weise verbrannt oder zerstört.
      Das wiederholt sich jeden Abend bis zum Heiligabend. Das letzte
      verbleibende Stück Papier enthält den Wunsch, der sich im folgenden Jahr erfüllen wird.
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      Adventslicht und Streichhölzer
      (aus einem meiner persönlichen Adventszeittagebücher)


      Heute war ich früh auf den Beinen. In schummriger Morgendämmerung erwachte ich. Mit langsamen Schritten schlich ich zur Balkontür, die ich öffnete und sah wie ein feiner weißer Flaum von Schneeflöckchen fiel und liegengebliebene weißer Pracht auf den Dächern lag, der mich verzauberte. In meinem Blumenkasten entdeckte ich eine vom Sommer übrig gebliebene aufgegangene gelbe Blüte, wie ein eigenes kleines Leuchten hinein in die weiße Winterwelt. Ein Zeichen oder Mahnung, warte warte Winter, ich, der Frühling, komme wieder, du wirst nicht ewig hier verweilen.

      Der Zauber verführte mich zu einem morgendlichen Lauf hinaus in die stille Welt. Schnell zog ich mir die Laufsachen an, nahm meine Stöcke in die Hand und schloss leise die Tür hinter mir. Niemand sollte von mir gestört werden, auch die Stille des Morgens nicht.

      Mit sanften, dennoch schnellen Schritten maschierte ich los, hinein in die vor mir liegende weiße Welt. Kahle Bäume schauten mich an, sagten nichts. Alle Vögel hielten ihre Schnäbel. Hie und da hüpfte ein Eichhörnchen über die Straße. Die Einzigen, die wohl immer beschäftigt sind.
      An den Fenstern manchmal bunte Lichterketten, die einen großspurig, die anderen still und verschämt, wie wir Menschen auch oft, die einen laut und eitel, die anderen leise und zart, ihr Wesen zum Leuchten bringen.

      Ein warmes Herz und Winter am ersten Advent. Was kann es Schöneres geben. Ich bin selig während all meiner Schritte im einsamen Morgen und nur das klack klack meiner Stöcke, das jedoch nicht entzaubert, ist das einzige Geräusch um mich herum.
      Der Rhein plätschert still vor sich hin. Die Frachtschiffer hatten wohl auch keine Lust zu reisen, egal wohin. Einige seh ich ankern im Hafen weit vorne. Die Möwen sitzen friedlich auf den Brüstungen des Geländers und haben ihre Köpfe weit ins Gefieder gesteckt. Sind wohl nicht mal morgenhungrig.

      Es wurde nur eine kleine Runde heute Morgen, mir hats jedoch gereicht. Wohlig durchwärmt vom Lauf und von der Vorfreude aufs Anzünden gleich der ersten Kerze trabe ich heim durch die Verlassenheit der Welt. Von mir aus könnte sie so bleiben.

      Da sitze ich an meinem Tisch, der schon so viel erlebt hat. Vor mir der Kranz mit den roten Kerzen, zart geschmückt. Feierlich ist mir zumute. Ganz herrlich still und friedlich ist es in mir. Die Streichholzschachtel beäugend, innerlich vorgenießend, wenn ich sie zur Hand nehme und das Kästchen öffne über das Geräusch, dass sie macht, wenn ich sie öffne. Sandig ist der Klang des Öffnens. Ein chrrrrr ganz leise, macht es, als ich die Lade herausziehe. Ich mache sie noch einmal zu, um es noch einmal zu hören. Den Klang, chrrrr, wie er sich da lang durch die Stille meiner Wohnung zieht.Ich habe mir das gar nicht vorgenommen, es war ganz einfach plötzlich da. Die Welt steht noch mal mehr still, wenn du sie still stehen läßt. Nur jede kleine Bewegung, jeden Handgriff langsam vollziehen, alles spüren, alles wahrnehmen.

      Da lagen sie in der geöffneten Lade vor mir. Prall gefüllt, kleine Hölzer mit roten Köpfen. Manche Menschen müßten solche roten Köpfe beim Lügen und Betrügen bekommen, damit sie besser erkennbar sind, schon von weitem.

      Dem Hölzchen in meinen Fingern spüre ich seiner Beschaffenheit nach. Ganz rauh fühlt es sich an, ein wenig splittrig an manchen Stellen. Gibt es wohl einen Qualitätsunterschied bei Streichhölzern? Gibt es gute und schlechte? Diese hier, die vor mir liegen, habe ich noch von meinem verstorbenen Freund. Sie sind bedruckt mit der Anschrift des Ratskellers in Kronberg im Taunus, der seinen Eltern gehörte. Er hat sie mir geschenkt zum Abschied als Erinnerung. Ich habe nicht mehr viel von ihnen. Sie neigen sich dem Ende zu. Habe sie alle verbraucht, weil ich das Anzünden mit Streichhölzern dem Klicken eines Feuerzeuges vorziehe.

      Auch mein Zigarettchen zünde ich mir gern mit einem Streichholz an. Die Zigarettchen, sparsam über den Tag verteilt, genieße ich dann. Es hat ein ganz anderes Geschmäckle, das Zigarettchen mit einem Streichholz anzuzünden. Es hat etwas Sinnliches. Es zeugt von Weile, nicht von Eile, von Genuß und nicht von Muß.

      Jetzt aber will ich nicht rauchen, sondern das Streichholz anzünden, um die erste Kerze an meinem Adventskranz leuchten zu sehen. Ich reibe es mit einem langsamen, aber doch starkem ratsch an der rauhen Reibungsfläche ab und zack hab ich eine kleine Flamme am Hölzchen. Mit langsamer Hand führe ich es zu meinem Kerzchen und sofort ist sie da, die Flamme des ersten Adventslichts. Dann ziehe ich die Hand zurück, halte die Flamme vor meinen Mund und puste sie langsam aus. Ein leichter würziger Brandgeruch steigt in meine Nase, den ich aufsauge. Mir ist es wohlig zumute. Die kleine Streichholzzeremonie hat etwas heimeliges, etwas, was nur mir gehört, was die Zeit hat still stehen lassen. So ist es.

      Jetzt sitze ich da vor meinem Lichtlein und bin ganz still. Wieder still. Immer noch still. Schön ist das. Auf meinem kleinen Smarthphone summen die Nachrichten von denen, die ich kenne. Ich verspüre keine große Lust zu antworten. Wie ich das oft nicht zugleich tue. Manchmal nicht, weil ich nicht will, manchmal weil ich nicht kann. Sofort immer eine Antwort parat haben. Erst viel später schaue ich nach.

      Die Streichholzschachtel liegt da, obenauf das abgebrannte Hölzchen. Oft lasse ich es dort liegen. Ich mag es, wenn es da noch etwas verweilt und mich erinnert, an das, was da vorher war. Manchmal auch an gelebtes Leben, meines, Vergangenes. Auch an Menschen, die ich vermisse, die nicht mehr da sind, plötzlich oder erwartungsgemäß.
      Und so bleibt es heut den ganzen Tag in und bei mir. Still und friedlich. Schon ist der Tag fast rum. Das Buch, liegt jetzt neben dem Adventskranz. Es ist ausgelesen. Alle Worte herausgenommen hab ich und wieder ein Stückchen reicher geworden.

      Das nächste wartet schon auf mich. Die Bücher, meine allerbesten Freunde. Während ich sitze und meinen Gedanken hier meinem Tagebüchlein überlasse kommt die Frage in mir auf: Hast du heute schon was erlebt Lene? Ich weiß nicht, woher sie plötzlich kam, diese Frage in mir.
      Vielleicht weil ich am Morgen von einem lieben Schachemailpartner eine Antwort auf eine kleine Erzählung meinerseits bekam, die da lautete: "Da hast Du mal wieder sehr viel erlebt"
      Und sofort kann ich die Frage mit Ja beantworten, auch wenn gar nix passiert ist und doch so viel. Das verstehe, wer kann! Erleben kann so Vieles sein.

      Ich wünsche allen noch eine ruhige Adventszeit und eine schöne Weihnachten, so wie jeder es feiern mag und möchte.


      Eine kleine Zugabe, das ganze Weihnachtskonzert von Nils Landgren, bisserl jazzig, stimmungsvoll, das ich wie fast jedes jahr live miterlebe. Und freu mich immer wieder drauf.




      Es war einmal ein Schiff,Befuhr die Meere alle Zeit,und unser Schiff, es hieß die Goldne Nichtigkeit.
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      9. Türchen





      Das Paket des lieben Gottes







      Nehmt eure Stühle und eure Teegläser mit hier hinter an den Ofen und vergesst den Rum nicht. Es ist gut, es warm zu haben, wenn man von der Kälte erzählt. Manche Leute, vor allem eine gewisse Sorte Männer, die etwas gegen Sentimentalität hat, haben eine starke Aversion gegen Weihnachten. Aber zumindest ein Weihnachten in meinem Leben ist bei mir wirklich in bester Erinnerung. Das war der Weihnachtsabend 1908 in Chicago. Ich war Anfang November nach Chicago gekommen, und man sagte mir sofort, als ich mich nach der allgemeinen Lage erkundigte, es würde der härteste Winter werden, den diese ohnehin genügend unangenehme Stadt zustande bringen könnte.

      Als ich fragte, wie es mit den Chancen für einen Kesselschmied stünde, sagte man mir, Kesselschmiede hätten keine Chance, und als ich eine halbwegs mögliche Schlafstelle suchte, war alles zu teuer für mich. Und das erfuhren in diesem Winter 1908 viele in Chicago, aus allen Berufen. Und der Wind wehte scheußlich vom Michigan-See herüber durch den ganzen Dezember, und gegen Ende des Monats schlossen auch noch eine Reihe großer Fleischpackereien ihren Betrieb und warfen eine ganze Flut von Arbeitslosen auf die kalten Straßen.

      Wir trabten die ganzen Tage durch sämtliche Stadtviertel und suchten verzweifelt nach etwas Arbeit und waren froh, wenn wir am Abend in einem winzigen, mit erschöpften Leuten angefüllten Lokal im Schlachthofviertel unterkommen konnten. Dort hatten wir es wenigstens warm und konnten ruhig sitzen. Und wir saßen, so lange es irgend ging, mit einem Glas Whisky, und wir sparten alles den Tag über auf dieses eine Glas Whisky, in das noch Wärme, Lärm und Kameraden mit einbegriffen waren, all das, was es an Hoffnung für uns noch gab.

      Dort saßen wir auch am Weihnachtsabend dieses Jahres, und das Lokal war noch überfüllter als gewöhnlich und der Whisky noch wässeriger und das Publikum noch verzweifelter. Es ist einleuchtend, dass weder das Publikum noch der Wirt in Feststimmung geraten, wenn das ganze Problem der Gäste darin besteht, mit einem Glas eine ganze Nacht auszureichen, und das ganze Problem des Wirtes, diejenigen hinauszubringen, die leere Gläser vor sich stehen hatten.

      Aber gegen zehn Uhr kamen zwei, drei Burschen herein, die, der Teufel mochte wissen woher, ein paar Dollars in der Tasche hatten, und die luden, weil es doch eben Weihnachten war und Sentimentalität in der Luft lag, das ganze Publikum ein, ein paar Extragläser zu leeren. Fünf Minuten darauf war das ganze Lokal nicht wiederzuerkennen. Alle holten sich frischen Whisky (und passten nun ungeheuer genau darauf auf, das ganz korrekt eingeschenkt wurde), die Tische wurden zusammengerückt, und ein verfroren aussehendes Mädchen wurde gebeten, einen Cakewalk zu tanzen, wobei sämtliche Festteilnehmer mit den Händen den Takt klatschten. Aber was soll ich sagen, der Teufel mochte seine schwarze Hand im Spiel haben, es kam keine reche Stimmung auf.

      Ja, geradezu von Anfang an nahm die Veranstaltung einen direkt bösartigen Charakter an. Ich denke, es war der Zwang, sich beschenken lassen zu müssen, der alle so aufreizte. Die Spender dieser Weihnachtsstimmung wurden nicht mit freundlichen Augen betrachtet. Schon nach den ersten Gläsern des gestifteten Whiskys wurde der Plan gefasst, eine regelrechte Weihnachtsbescherung, sozusagen ein Unternehmen größeren Stils, vorzunehmen. Da ein Überfluss an Geschenkartikeln nicht vorhanden war, wollte man sich weniger an direkt wertvolle und mehr an solche Geschenke halten, die für die zu Beschenkenden passend waren und vielleicht sogar einen tieferen Sinn ergaben.

      So schenkten wir dem Wirt einen Kübel mit schmutzigem Schneewasser von draußen, wo es davon gerade genug gab, damit er mit seinem alten Whisky noch ins neue Jahr hinein ausreichte. Dem Kellner schenkten wir eine alte, erbrochene Konservenbüchse, damit er wenigstens ein anständiges Servicestück hätte, und einem zum Lokal gehörigen Mädchen ein schartiges Taschenmesser, damit es wenigstens die Schicht Puder vom vergangenen Jahr abkratzen könnte. Alle diese Geschenke wurden von den Anwesenden, vielleicht nur die Beschenkten ausgenommen, mit herausforderndem Beifall bedacht. Und dann kam der Hauptspaß.

      Es war nämlich unter uns ein Mann, der musste einen schwachen Punkt haben. Er saß jeden Abend da, und Leute, die sich auf dergleichen verstanden, glaubten mit Sicherheit behaupten zu können, dass er, so gleichgültig er sich auch geben mochte, eine gewisse, unüberwindliche Scheu vor allem, was mit der Polizei zusammenhing, haben musste. Aber jeder Mensch konnte sehen, dass er in keiner guten Haut steckte. Für diesen Mann dachten wir uns etwas ganz Besonderes aus. Aus einem alten Adressbuch rissen wir mit Erlaubnis des Wirtes drei Seiten aus, auf denen lauter Polizeiwachen standen, schlugen sie sorgfältig in eine Zeitung und überreichten das Paket unserm Mann.

      Es trat eine große Stille ein, als wir es überreichten. Der Mann nahm zögernd das Paket in die Hand und sah uns mit einem etwas kalkigen Lächeln von unten herauf an. Ich merkte, wie er mit den Fingern das Paket anfühlte, um schon vor dem Öffnen festzustellen, was darin sein könnte. Aber dann machte er es rasch auf. Und nun geschah etwas sehr Merkwürdiges. Der Mann nestelte eben an der Schnur, mit der das "Geschenk" verschnürt war, als sein Blick, scheinbar abwesend, auf das Zeitungsblatt fiel, in das die interessanten Adressbuchblätter geschlagen waren. Aber da war sein Blick schon nicht mehr abwesend.

      Sein ganzer dünner Körper (er war sehr lang) krümmte sich sozusagen um das Zeitungsblatt zusammen, er bückte sein Gesicht tief darauf herunter und las. Niemals, weder vor- noch nachher, habe ich je einen Menschen so lesen sehen. Er verschlang das, was er las, einfach. Und dann schaute er auf. Und wieder hatte ich niemals, weder vor- noch nachher, einen Mann so strahlend schauen sehen wir diesen Mann. "Da lese ich eben in der Zeitung", sagte er mit einer verrosteten mühsam ruhigen Stimme, die in lächerlichem Gegensatz zu seinem strahlenden Gesicht stand, "das die ganze Sache einfach schon lang aufgeklärt ist. Jedermann in Ohio weiß, das ich mit der ganzen Sache nicht das Geringste zu tun hatte." Und dann lachte er.

      Und wir alle, die erstaunt dabei standen und etwas ganz anderes erwartet hatten und fast nur begriffen, dass der Mann unter irgendeiner Beschuldigung gestanden und inzwischen, wie er eben aus dem Zeitungsblatt erfahren hatte, rehabilitiert worden war, fingen plötzlich an, aus vollem Halse und fast aus dem Herzen mit zulachen, und dadurch kam ein großer Schwung in unsere Veranstaltung, die gewisse Bitterkeit war überhaupt vergessen, und es wurde ein ausgezeichnetes Weihnachten, das bis zum Morgen dauerte und alle befriedigte.

      Und bei dieser allgemeinen Befriedigung spielte es natürlich gar keine Rolle mehr, dass dieses Zeitungsblatt nicht wir ausgesucht hatten, sondern Gott.


      Von Bertolt Brecht





      Ich wünsche allen eine schöne Adventszeit