Die 99 % Frage

This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

  • Die 99 % Frage

    Moin zusammen, im Mainchat schrieb ich unlängst:

    Ich spiele besser Schach als 99 % der Deutschen.

    Diese Aussage hält ein anderer User für völligen Unfug. Info: Hab hier etwa 1600 Elo, hatte in den 80ern genau 150 INGO.
    Wie seht ihr die Sache? Besonders interessiert mich die Meinung von Leuten wie Manni, dmtom oder fido, aber gerne auch von allen anderen. Probleme dieser Art nennt man übrigens Fermi-Aufgaben.
  • Ichdenke, dass diese Aussage recht klar ist:

    Deutschland hat (Ende 2025) 83,5 Mill. Einwohner.

    In den Schachvereinen sind ca. 100000 Mitglieder registriert. Davon sind ca. 30 % (Schätzung) schlechter, also 30000.
    Schach spielen können ca. 10 Mill. (Schätzung), wobei hier sehr viele dabei sind, die nur wissen, wie die Figuren ziehen. Es gibt darunter vielleicht 250000 Spieler, die besser sind. Somit wären es 9,75 Mill, die schechter sind.

    Dazu kommen alle, die kein Schach spielen können-es bleiben 73,4 Mill.

    Daraus ergibt sich, dass Du besser bist als 83,18 Mill, also 99,6%.
    Hier ist bei den Schätzungen noch "Luft nach oben" bis zur 99% Marke.
  • Hey Mattwurm - interessante Aussage.

    Ich stimme dmtom halbwegs zu.. jedoch finde ich an deiner Aussage, Mattwurm "...99% der Deutschen" mit Verlaub etwas schwammig, denn die deutschen können ja auch sein:
    - Babys
    - Menschen, die nie Schach gespielt haben
    - Menschen die nur gelegentlich mal einige Partien spielen
    - Menschen die zwar in einem Verein registriert sind, aber rein statistisch leicht besser, oder leicht schlechter sind im Gegensatz zu dir (inkl. Umweltbezogene Kontextfaktoren uws.,)

    Das würde bedeuten:
    - Wer regelmäßig Schach spielt, gehört schon zu einer kleinen Minderheit
    - Wer Turniererfahrung hat und solide Taktik kann, schlägt vermutlich bereits den allergrößten Teil der Gesamtbevölkerung

    Nimmt man die Gesamtbevölkerung Deutschlands als Referenz, dann bedeutet die Aussage rechnerisch, dass die Person besser spielt als rund 82,74 Millionen Menschen; nur etwa 835.771 Menschen lägen dann noch vor ihr oder mindestens gleichauf. Gleichzeitig ist diese Bezugsgröße methodisch schwach, weil die deutsche Bevölkerung viele Personen umfasst, die gar nicht oder nur rudimentär Schach spielen. Der Deutsche Schachbund meldete im Januar 2026 96.903 Vereinsmitglieder, also nur rund 0,12 % der Gesamtbevölkerung. Daraus folgt: Die Aussage kann gegen die Gesamtbevölkerung durchaus plausibel sein, ohne dass daraus bereits eine außergewöhnlich hohe Turnierstärke folgt.

    Wenn wortwörtlich du - Mattwurm - im Gegensatz zu 99% der Deutschen besser Schach spielst, dann wärst du einer von 835.771 Deutschen Schachspielern.

    Wenn wir erwachsene als Referenz nehmen würden = Da ein Teil der Bevölkerung Kinder und Jugendliche sind, ist eine zweite Rechnung sinnvoll. Wenn 83,1 % der Bevölkerung erwachsen sind, ergibt das rund 69,45 Millionen Erwachsene. Das oberste 1 % unter den Erwachsenen entspräche dann etwa 694.526 Personen.

    Wenn wir den Vergleich mit organisiertem Schach in Deutschland als Referenz nehmen würden = Der DSB meldete im Januar 2026 96.903 Vereinsmitglieder. Das sind nur etwa 0,116 % der deutschen Gesamtbevölkerung. Anders gesagt: Die rechnerische Gruppe der „besten 1 % der Deutschen“ wäre mit ca. 835.771 Personen rund 8,6-mal größer als die gesamte organisierte DSB-Mitgliedschaft. Das zeigt, wie niedrig die Schwelle werden kann, wenn man gegen die Gesamtbevölkerung statt gegen tatsächliche Schachspieler vergleicht.

    Also: Die Aussage ist mathematisch klar, aber inhaltlich unscharf. Gegen die Gesamtbevölkerung Deutschlands zu vergleichen, ist für Leistungsfragen im Schach problematisch, weil darin auch Menschen enthalten sind, die:
    - nie Schach spielen
    - die Regeln kaum beherrschen
    - nur selten Freizeitpartien spielen
    - oder nur wegen Alter - und Lebensphase gar keine Vergleichsgruppen bilden.

    Abschließend kann man sagen, dass deine Aussage „Ich spiele besser Schach als 99 % der Deutschen“ als Populationsaussage rechnerisch korrekt interpretierbar ist: Sie setzt dich ungefähr in die Top 835.771 Deutschlands. Inhaltlich ist sie aber nur begrenzt stark, weil die Bezugsgruppe zu groß und zu unspezifisch ist. Gegen die Gesamtbevölkerung klingt der Satz beeindruckend; gegen aktive Schachspieler oder Vereinsspieler wäre er wesentlich anspruchsvoller.
  • ...spannend wird es dann wenn man Elo-Wert mit berücksichtigt:

    Wenn die Bezugsgruppe wirklich die Gesamtbevölkerung Deutschlands ist, reicht vermutlich schon eine solide Vereins- bis starke Hobbyspielerstärke. Deutschland hatte Ende 2025 rund 83,5 Mio. Einwohner; das oberste 1 % entspräche also etwa 835.000 Menschen. Gleichzeitig hatte der Deutsche Schachbund 2025 nur 96.470 Mitglieder. Allein daran sieht man schon: Die „Top 1 % der Deutschen“ sind als Vergleichsgruppe viel größer als die gesamte organisierte Vereinsschachszene. Noch deutlicher wird es durch die Struktur im Vereinsschach:

    Der DSB schreibt selbst, dass sich die „große Masse der Vereinsschachspieler“ im DWZ-Bereich unter 1700 konzentriert und dass über 2100 schon „weit über dem Durchschnitt“ liegt. Außerdem liegt die aktuelle deutsche Top-100-Grenze bei etwa 2417 DWZ bzw. 2440 FIDE-Elo. Das heißt: 2400+ ist nationale Spitze, 2100+ ist schon klar überdurchschnittlich im Vereinsschach, und der Massenbereich liegt darunter. schachbund.de/bspnews/dsam-potsdam-mit-668-teilnehmern.html

    ich schätze mal vorsichtig:

    - Gegen die Gesamtbevölkerung Deutschlands: ungefähr 1400–1600 aktuelle DWZ/Elo dürften oft schon reichen; ab 1600+ wird die Aussage sehr plausibel.
    - Gegen organisierte Vereinsspieler in Deutschland: für „besser als 99 %“ bräuchtest du eher ungefähr 2000–2100 aktuelle DWZ/Elo.
    - Gegen FIDE-geratete deutsche Turnierspieler: eher grob 2300+ FIDE-Elo, weil die Top-100 schon um 2440 beginnt.

    ... und Faustformel:
    - 99 % der Deutschen = ungefähr ab 1500–1600 aktuell plausibel
    - 99 % der Vereinsspieler = ungefähr ab 2000–2100
    - 99 % der gerateten Turnierspieler = ungefähr ab 2300+
  • Die Aussage ist formal plausibel, gesetzt den Fall, du hättest tatsächlich 1600. Gleichzeitig ist die Aussage aber inhaltlich trivial, weil die Bezugsgruppe falsch gewählt ist.

    Gegen die Gesamtbevölkerung ist das keine Leistungs-, sondern eine Teilnahmeaussage, weil der Großteil gar nicht ernsthaft Schach spielt.

    Außerdem bedeutet 1600 Schacharena-Elo nicht, dass man auch 1600 DWZ/Elo hat. Ehrlich gesagt - mir kommt das wie leistungslose Selbstbeweihräucherung vor.

    Post by miczim3 ().

    This post was deleted by Cappuccinofan: nicht beleidigen ().
  • @dmtom hat die Frage von @Mattwurm genau so genommen, wie sie gestellt wurde und ist zu seinem Ergebnis gekommen.

    Als diese Frage im mainchat gestellt wurde, waren Missinterpretationen zu lesen, die von @Mattwurm klargestellt wurden, wie diese Frage zu verstehen sei. Trotzdem blieb es - allerdings dann bei bewußten - Falschinterpretationen.

    Ob diese Frage sinnvoll ist steht nicht zur Debatte, sie wurde jedenfalls klar formuliert.

    Wenn man die Chatverläufe der vergangenen Tage liest, gewinnt man allerdings den Eindruck, dass es nicht um die Frage, sondern mehr gegen die Person geht.
    So gesehen wäre es vermutlich besser gewesen diesen thread nicht zu eröffnen, was ich schade finde, weil man sich in Zukunft zuvor überlegen muß ob Fragen so beantwortet werden, wie sie gestellt wurden oder einfach so hingebogen werden, wie es gerade gefällt.

    Gruß Franz

    The post was edited 1 time, last by franzli ().

  • Ich erläutere hier abschließend gerne, was eine Fermi-Aufgabe ist.

    Enrico Fermi war ein berühmter Kernphysiker.und Nobelpreisträger. Von ihm stammt die Mutter aller Fermi-Aufgaben:
    Wie viele Klavierstimmer gibt es in Chicago? Lösung im www
    Es handelt sich also nicht um eine klassische Matheaufgabe, sondern man muss erst recherchieren, abschätzen und folgern, um zu einem plausiblen Ergebnis zu kommen. Noch ein paar Beispiele:
    Wie viele Nadeln hat ein Tannenbaum?
    Wie viele Menschen können im Saarland maximal stehen?
    Wie viele Schachkönige von 9 cm Höhe passen in einen Schulbus?
    Wie viele Spiele insgesamt sind bisher in der Schacharena gelaufen?

    Fragen dieser Art gehören in jeden guten Matheunterricht. Ich danke dmtom, trizzzle und franzli für ihre stimmigen Beiträge. Zu der absolut lächerlichen Vermutung der Selbstbeweihräucherung schreibe ich hier lieber nichts, es sei seiner kaum vorhandenen Lebenserfahrung geschuldet.

    Falls das hier ein Mod liest, bitte Thread close

    Post by GoatisderXIV ().

    This post was deleted by Webmaster: gelöscht vom Moderator ().