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    • Das Buch von Blance und Marie - Per Olov Enquist -

      Bücher die sich in meinem Besitz befinden, sind Bücher, von denen ich sicher bin, dass ich sie mehrmals lese. So auch das Buch, dass ich mir vor ein paar Tagen zur Hand genommen habe, von Per Olov Enquist mit dem Titel: Das Buch von Blanche und Marie.

      Enquist ist Schriftsteller und Theaterautor, geboren in Schweden. Er hat lange Zeit in Kalifornien als Gastdozent gelebt. Seit 1977 lebt er wieder in seiner Heimat. Er ist Mitglied des schwedischen Schriftstellerverbandes, kulturpolitisch aktiv in vielen Gremien, u.a. im staatlichen Kulturrat und im Rundfunkrat. Ebenso moderiert er Fernsehsendungen in Richtung Talk-Show.

      Ich schaue dann, ob mich das Buch beim zweiten oder dritten Mal, natürlich nach langen Abständen, immer noch fasziniert.

      Im Buch Blance und Marie schreibt er über die Liebe und das sich Verlieben. Er hat sich dafür einen historischen Hintergrund gesucht.

      Seine Personen sind Marie Curie, die 1867 unter dem Namen Marja Sklodowska als Tochter eines Mathematik- und Physiklehrers in Warschau geboren wurde. 1891 folgte sie ihrer Schwester nach Paris, um dort ein Studium der Physik und Mathematik zu beginnen. Nach ihrem Studium lernte sie den Physiker Pierre Curie kennen, 1895 heirateten die beiden. Sie bekamen zwei Töchter, Irene und Eve. Sie arbeiteten zusammen in einem mehr recht und schlecht improvisierten Laboratorium unter extremen Bedingungen. Marie war der Überzeugung, dass die von Becquerel 1896 entdeckte Strahlung des Uraniums sich auch bei anderen Elementen nachweisen ließ. So beschäftigte sie sich mit ihrem Mann mit dem Mineral der „Pechblende“. Es gelang ihr zwei bis dahin unbekannte Elemente, nämlich Radium und Polonium, zu isolieren, deren Strahlung sie radioaktiv nannte. 1898 entdeckte sie weiter die Radioaktivität des Elements Thorium. 1903 erhielten sie und ihr Ehemann zusammen mit Becquerel den Nobelpreis für Physik.

      Eine weitere Person ist Blanche Wittmann, geboren 1859. Ihr Vater galt als geistesgestört. Ihre Mutter litt an häufigen Nervenkrisen. Fünf ihrer Geschwister starben an krampfartigen Anfällen. Blanche selber erlitt im Alter von 12 Jahren ihre ersten Ohnmachten. Sie arbeitete eine Zeit lang als Näherin, verlor aber wegen ihrer Anfälle sehr schnell ihre Arbeit. Als es immer schlimmer wurde, kam sie dann in das damals legendäre Hospital „Salpetriere. Hier wurde sie die Lieblingspatientin des Prof. Jean-Marie Charcot, dem Chefarzt des Hospitals. Sie soll eine außerordentlich wunderschöne Frau gewesen sein. Sie handelte sich den Ruf „Königin der Hysterikerin“ ein. In ihrer Zeit während des Aufenthaltes in der Salpetriere machte sie die Bekanntschaft aller damals üblichen zur Heilung von Hysterie angewandten Behandlungsmethoden. Dazu gehörten damals u.a. die bis dahin unbekannte Form der Hypnose, die auch sehr umstritten war. 1889 wurde ihr Fall zum Gegenstand eines Eröffnungsvortrages auf dem internationalen Kongress für Hypnose. Etwas später stellte sich bei ihr eine schwere Persönlichkeitsstörung ein.

      Die Wahrheit ihrer zweiten Lebenshälfte, also außerhalb ihres Aufenthaltes im Hospital erzählt Enquist in diesem wunderbaren Roman.

      Beide Marie und auch Blanche sind in ihrem Leben gezeichnet, von dem was das Jahrhundert als Fortschritt verstand. Beide Frauen sind gezeichnet von der Liebe, die ungefragt kommt und nicht auf die damalige Moral Rücksicht genommen hat. Es ist die Geschichte einer Freundschaftsliebe zweier Frauen, in der Blanche aus Liebe und Hochachtung vor der wissenschaftlichen Arbeit Maries, ihren eigenen körperlichen Verfall in Kauf nimmt. Es ist die Geschichte der Liebe Maries zu ihrem Kollegen, Paul Langevin, der verheiratet ist und die in einem Skandal endet. Die Liebe zu diesem Mann beendet ihre Anerkennung und Karriere als Wissenschaftlerin. Sie wird geächtet und verfolgt.

      Marie, bis dahin, an nichts anderem als an ihrer Wissenschaft interessiert, verliebt sich nach Jahren des Todes ihres ersten Ehemannes in Paul. Als dessen Frau der Affäre auf die Spur kommt, bringt sie diese an die Öffentlichkeit und bedient sich der Briefe, die Marie an ihn geschrieben hat. In diesen Briefen entdeckt die Öffentlichkeit die dunkle Seite Maries, die sie ihr nicht zugetraut hat.

      Blanche, deren Liebe gegenüber dem Arzt Charcot willenlos ausgeliefert ist und deren Liebe ihm wiederum Angst macht, beginnt sich nach dessen Tod in die Arbeit als Laborassistentin bei Marie. Hier beginnt deren beider Freundschaft. Blanche widmet sich uneingeschränkt dieser Arbeit und verliert wegen der dauernden Belastung der Arbeit dem Radium ausgesetzt, ein Körperglied nach dem anderen, bis sie zum Schluss nur noch eine Frau ohne Arme und Beine ist. In diesem Zustand ist sie an ein kleines Kärrchen gefesselt und beginnt ein Buch über das Wesen der Liebe zu schreiben.

      Enquist verwebt in seinem Roman historische Fakten mit Fiktion. Er deckt die Zerstörung auf, die Liebe zwischen Menschen anrichten kann.

      Doch, ich warr von diesem Buch ein zweites Mal gefesselt und habe es in zwei Tagen regelrecht verschlungen. Ein Buch über Extremzustände der Liebe. Es ist traurig und ergreifend. Es zeigt immer wieder die Gegensätze von Ratio und Emotion beider Frauen auf. Und es gewährt einen Einblick in die Moral der Gesellschaft dieses Jahrhunderts. Es zeigt wie Medien auch damals schon die Macht hatten über Erfolg und Niedergang eines Menschen. Es erzählt von der Verurteilung eines Menschen, der einfach nur geliebt hat, von Verrat und Rückzug.

      Es stand zu Recht auf der Bestellerliste, denn die Geschichte ist keine Geschichte von damals, sondern hat ihre Aktualität auch heute nicht verloren. Und das Buch führt den Laien in die wunderbare Welt der Wissenschaft und des Mythos ein.

      Viel Freude beim Lesen!
      Das Buch von Blance und Marie
      Per Olov Enquist
      Fischer Taschenbuchverlag
      ISBN: 978-3-596-17172-9
      12,00 Euro

      deutschlandfunkkultur.de/das-b…lanche-und-marie-102.html
      taz.de/Per-Olov-Enquists-Buch-…eit-des-Menschen/!599357/
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    • Stille - Tim Parks -

      Wir Städter sind Stille nicht mehr gewohnt. Im rasenden Strudel der Geschwindigkeit, ständig umgeben von Geräuschen, Ablenkungen, Irritationen, versuchen wir, irgendwann, irgendwo, einen Ort zu finden, an dem wir uns zurückziehen können. Nein? Stimmt! Nicht alle. Ich wage zu behaupten, die Minderheit. Denn die meisten fürchten sich vor der Stille!

      Dafür gibt es viele Gründe. Zum einen, weiß man nicht, was man mit sich anfängt, zum anderen hat man Furcht vor den Gedanken, die dann endlich einmal hörbar werden oder den Gefühlen, die sich endlich einmal einen Weg bahnen können, beides will endlich einmal wahrgenommen werden.

      Das Thema Stille hat ein Buch zum Thema gemacht von einem Autor, den ich sehr schätze, Tim Parks.

      Der Protagonist, ein berühmter, erfolgreicher und verehrter Medienjornalist, gerade wieder in die Schlagzeilen geraten wegen eines Interviews mit dem amerikanischen Präsidenten gerät selber ins Kreuzfeuer. Warum? Sein Sohn rechnet mit seinem Vater in seinem autobiographischen Roman ab. Der ist schockiert, fühlt sich verletzt, zurückgewiesen, wird auf seine Versäumnisse hingewiesen. Er mag nicht hinschauen.

      Von einer Minute auf die andere verschwindet er aus seinem bisherigen Leben und setzt sich ab, mietet sich eine kleine Hütte in Südtirol oberhalb der Lärmgrenze, fern ab von allem, schaltet sein Handy ab, will nicht mehr erreichbar sein.

      Die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit sind erreicht, er leidet an einem Burne-Out-Syndrom, spürt seine körperliche Vernachlässigung, die sich breit gemacht hat, über die Jahre, durch Völlerei, Ersatzhandlungen für nicht erfüllte Träume, Wünsche und Wahrheiten in seinem Leben.

      Er ist fasziniert von der Einfachheit des Lebens, das er nun beginnt. Das Holzhacken allein schon zeigt ihm, was es ausmacht, dafür zu sorgen, dass er es warm hat. Er entdeckt die scheinbar kleinen Dinge des Lebens, die ihn allein reich machen. Nur die Stille, die er so sehr herbeigesehnt hat, macht ihm zu schaffen. Sie schafft den Raum, Gespenster zu sehen, den Wahrheiten seines Lebens ins Auge zu schauen und er möchte fliehen. Bis an den Abgrund. Nichts ist und kann so verstörend sein, wie die eigenen Stimmen im Kopf, stellt er fest.

      In der Abgeschiedenheit, eingeschneit, nicht mehr davonkommend begegnet er letztendlich den Menschen, die in seiner näheren Umgebung wohnen. Unaufgefordert bestimmt das Leben dieser Menschen plötzlich sein Leben, er wird mit hineingezogen in die Lebensgeschichte der Dorfbewohner. Das öffnet ihm die Augen auch für sein Leben.

      Das Buch ist eine faszinierende Geschichte von einem Menschen, der sich der Leistungsgesellschaft verschrieben hat, mitgelaufen ist im Mainstream, der nichts anderes im Kopf hatte, wie Anerkennung, Erfolg und Macht, die ihm dadurch zuteil wurde. Es geht m.E. weit über die sogenannte Midlife-crisis eines Menschen, der in die Jahre gekommen ist, hinaus.

      Krisen können immer kommen, egal, in welchem Alter. Wichtig ist nur, dass man sie erkennt und handelt. Das Leben bietet mehr, als dass was uns von außen scheinbar versprochen wird und was ihm einen Wert zu geben meint.

      Ich hab dieses Buch zweimal gelesen und bin immer noch von Sprache und sensibler Wahrnehmung des Autors begeistert.
      Stille
      Tim Parks
      Kunstmann Verlag
      ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3888974434
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    • Umlaufbahnen - Samantha Harvey -

      Als die erste Mondlandung geschah am 21. Juli 1969 war ich noch ein Kind. Die Menschen saßen vor den Bildschirmen ihres Fernsehgerätes und verfolgten mit Spannung diese spektakuläre Aktion. Von da an hatten wohl viele kleine und große Menschen den Traum dieses einmal den Helden der Mondlandung gleich zu tun. Selber hatte ich diese Träume nie. Es entzog sich meiner Vorstellungskraft was dazu benötigt wurde, um einen solchen Traum in Erfüllung gehen zu lassen. Für Wenige nur wurde dieser Traum aber wahr, das wissen wir aus der nun weiter folgenden Geschichte des bemannten Fluges hinein in das Weltall, in dem Raumstationen intalliert wurden, sogar auf den ca. 401 Millionen Kilometern weit entfernten Mars, wo nach Leben gesucht wurde und wird.

      Was aber sind das für Menschen, die sich zu einem solchen Abenteuer bereit erklären, sich jahrelang darauf vorbereiten und was geht in ihren Köpfen vor, wenn sie da oben im Weltall einen fernen Planeten ansteuern oder einfach nur in 4oo km Höhe die Erde umkreisen?

      Dies erzählt uns Samantha Harvey in ihrem wirklich wunderbaren Roman "Umlaufbahnen" und zwar so, dass wir es glauben können, ja so muss es wohl sein.

      Samantha Harvey wurde 2024 für ihr Buch mit dem Booker Prize ausgezeichnet. Verdient finde ich.

      Ich habe das Buch auf meiner Fahrt nach München im Zug gelesen und mich völlig darin verloren, das Gefühl für die Zeit der Zugfahrt war nicht mehr existent. Das Buch hat mich hineingesogen, obwohl ich kein großer Beobachter der Raumfahrtmissionen bin und nicht wirklich großes Interesse daran hege.

      Aber jetzt war ich da mit drin, in dieser Raumstation mit den sechs Kosmonauten, von denen vier aus der westlichen Welt stammen und zwei aus Russland.

      Einen ganzen Tag lang rast man in 4oo Kilometer Höhe mit einer Geschwindigkeit von 27.000 Kilometer die Stunde durch die Umlaufbahn unseres Planeten der Erde. 16 mal am Tag, 16 mal in der Nacht.16 Sonnenaufgänge, 16 Sonnenuntergänge. Immer wieder müssen sich die Kosmonaten sagen, ein Tag auf der Erde hat 24 Stunden. Sie müssen es sich immer wieder notieren um nicht das Gefühl für die Zeit zu verlieren. Und kein einziges Mal während ihrer 16 Umrundungen verlieren sie ihre Bewunderung für den Erdball, von seiner Schönheit, von der gewaltigen Farbenpracht der einzelnen Kontinente und ihren Ländern und den Meeren. Einzigartig immer wieder jeder Anblick jeden Moment in dem unendlichen Schwarzen, dass sie umgibt, von dem sie nur mutmaßen können, was sich alles irgendwo dort im Universum noch verbirgt, soweit man nicht schon wissenschaftliche Fakten hat.

      Überwältigend für sie der Anblick unserer Erde, von dem man nur nachts einen Eindruck davon bekommt, dass dort Menschen leben, weil man die Lichtermeere sieht. Und man dann wieder weiß, dass es dort Kriege, Hungersnöte und Klimakatatstrophen gibt. Wegen dieser sind sie u.a. ja auch hier, in dieser Station, um Forschungen zu betreiben, ohne dass der Roman aber jetzt ausschweifend wird zu dem Thema. Sie werden Zeugen wie ein gewaltiger Taifun herannaht, der die Menschen zur Flucht zwingt. Aber auch andere Forschungstätigkeiten bestimmen den Alltag der Astronauten wie die Erforschung in der Schwerelosigkeit von Viren, Pilzen, Mäusen und menschlichen Zellen.

      Wir schweben mit ihnen durch die engen Gassen der Raumstationen, in denen ihnen manchmal auch die Dinge entgegenfliegen und sie damit beschäftigt sind, ihren Alltag zu bewältigen.

      Aber wir lesen vor allen Dingen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Wie sie da oben im schwarzen Raum Heimweh bekommen nach denen auf der Erde, die sie lieben und wie sie dieses überwinden müssen. Eine der Astronauten erfährt, dass ihre Mutter verstorben ist und sie sie nun nicht auf ihrem letzten Weg begleiten kann, sie bleibt da oben allein mit ihrer Trauer. Wir lesen von der Ambivalenz ihrer Gefühle, schnell wieder bei ihnen sein zu wollen, andererseits jedoch nie mehr zurückkehren zu müssen.

      Hier oben ist nichts angenehm, sagen die Astronauten einmal an einer Stelle. Brutal sei das Leben hier, unmenschlich, überwältigend, einsam, aussergewöhnlich und großartig. Nicht eine Sache ist angenehm.

      Und natürlich kommen auch Gedanken und Gespräche darüber auf, ob es einen Gott gibt oder ob alles nur eine Laune der Natur, ein Zufall ist und bleibt. Antworten werden nicht gegeben.

      Die Umrundungen unseres Planeten, der Alltag in der Raumstation, die Gedanken in den Köpfen der Astronauten, kleine Gespräche zwischen ihnen, dass ist das, was das Buch uns erzählt, ohne pathetisch zu werden in den Worten. Poesie aber finden wir in den Beschreibungen unseres Erdballs.

      16 x umrunden wir mit ihnen diese Erde im schwarzen Meer der Unendlichkeit nur geschützt von einer Metallschicht der Raumstation.

      Die Zeit schrieb in ihrer Rezension, es sei nicht leicht nach dem Lesen des Buches wieder in die Realität zurückzufinden. Das kann ich nur bestätigen.

      Aber wenn wir wieder ganz da sind im Hier und Jetzt kommt einem schon der Gedanke wie unendlich dumm die Menschheit ist, unermeßliche Investitionen für die Erforschung nach Leben auf anderen Planeten oder nach Möglichkeiten für das eigene Leben zu suchen und gleichzeitig damit fortgesetzt wird, diesen unseren schönen Planeten weiter bis aufs Letzte auszuplündern, uns in Kriegen abzuschlachten und weiterhin Gleichgültigkeit ob der Nöte Millionen von Menschen durch Hunger, Krankheit, Wassernot und Klimaschädigungen an den Tag zu legen.


      Umlaufbahnen
      Samantha Harvey
      ISBN: 978-3-423-28423-3
      dtv Verlag
      22 Euro
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    • Das Geräusch einer Schnecke beim Essen - Elisabeth Tova Bailey

      Ein kleines Haustier ist oft ein ausgezeichneter Gefährte ist das Zitatvon Florence Nightingale mit dem das Buch, dass ich empfehlen möchte, beginnt.

      Nein es geht nicht um einen Hund, die ja eh auch größer sein können oder eine Katze.

      Schon mal mit Schnecken beschäftigt? Wahrscheinlich nur wenn sie im eigenen Garten ihr Unwesen treiben oder? Dabei sind sie hochintelligent und einer der artenreichsten der acht rezenten Klassen der Weichtiere. Die meisten von ihnen leben im Wasser.

      Und eine solche Schnecke ist eine der Protagonisten in diesem berührenden Buch von Elisabeth Tova Bailey. Sie erzählt in ihrem Buch über eine ungewöhnliche Freundschaft.

      Bailey eine Journalistin und Biologin hat sich im Alter von 34 Jahren auf einer Reise mit einem gefährlichen Virus angesteckt. Die Herkunft des Virus ist unbekannt. Er zerstört das vegetative Nervensystem und die Folge daraus ist, dass sie jahrelang unter Schmerzen bettlägerig in ihrer Wohnung liegen muss, allein, abgesehen von einer Pflegerin, die sie besucht um die wichtigen Dinge der Pflege zu erledigen. Natürlich kommen auch Freunde sie besuchen, zu anfangs kommen sie oft, doch nach und nach werden die Besuche seltener und sie bleibt sich überwiegend allein überlassen. Den Besuchern fehlt die Geduld und oft auch Worte, um mit Bailey zu komunizieren. Wer selbst einmal längere Zeit erkrankt war und ans Bett gefesselt war, wird dies bestätigen können.

      Bailey hatte sich für unverwundbar gehalten. Wie wir wohl alle bis ganz plötzlich ein Einschnitt geschieht, eine Krankheit oder ein Unfall. Gesundheit scheint einem selbstverständlich und man ist sich sicher, dass das Leben einen Sinn hat. Aber wie schnell kann ein solcher Einschnitt einem diese Gewissheit rauben.

      Eine Freundin kommt eines Tages zu Besuch und bringt ihr etwas Unerwartetes und Ungewöhnliches als Geschenk mit. Eine kleine Schnecke, die sie draussen im Wald gefunden hat. Die Schnecke steckt in einem Blumentopf mit ein paar Ackerveilchen.

      Von da an beginnt die berührende, intensive Freundschaft zwischen Bailey und der kleinen Schnecke. Sie liegt in ihrem Bett und daneben steht der Topf mit der Schnecke, die sie aber relativ schnell in ein größeres Terrarium übersiedelt, mit allem, was eine Schnecke zum Leben braucht, Moos, kleinen Ästen, kurz einem kleinen Kosmos, in dem sich die Schnecke wohlfühlt und ihr kleines Leben gestalten kann. Und sie kann sie beobachten.

      Wenn es ganz still ist, kann sie tatsächlich hören, wie die Schnecke frißt, an Blättern oder anderen Leckereien, die sie ihr ins Terrarium zukommen läßt. Dieses Geräusch gibt Bailey das Gefühl einer Gemeinschaft, von Zusammenleben. Sie fühlt sich nicht mehr allein. Über 2640 Zähne verfügt die kleine Schnecke, wie sie erfährt. Unglaublich oder? Die Zähne sind nach innen gerichtet, damit die Schnecke beim Fressen gut zupacken kann. Die Zähne teilen sich in 33 Zähne pro Reihe in achtzig Zahnreihen auf.

      Pilze, entdeckt bzw. erfährt sie, mögen sie gerne. Einmal frißt die Schnecke sich voller Begierde so voll mit den Pilzen, dass Bailey denkt, sie ist gestorben. Doch die Schnecke verhält sich ruhig, bewegt sich nicht und wartet einfach, bis alles vorbei ist und beginnt ihr langsames Leben wieder in ihrem kleinen Kosmos.

      Und nachdem sie eine lange Zeit die Schnecke nur beobachtet hat und sich ihre eigenen Gedanken dazu gemacht hat, läßt sie sich nun Bücher, Werke von berühmten Wissenschaftlern, aber auch Dichtern aus allen Zeitepochen wie z.B.Charles Darwin, Emily Dickinson, Patricia Highsmith oder Edward O. Wilson ins Haus liefern, um das Leben der Schnecken, der Arten und derer Vielfalt zu studieren. Natürlich werden wir beim Lesen viele dieser interessanten Betrachtungen erfahren und es ist wirklich spannend.

      Das Leben hängt oft davon ab, das man einen Lebensinhalt hat, eine Beziehung, einen Glauben, eine Hoffnung. Doch was ist, wenn das alles nicht mehr da ist?

      In dem wir in diesem autobiographisch erzählten Buch nicht nur diesem aussgerwöhnlichen Leben einer Schnecke folgen, so auch an der Entstehung, dem Weitergang dieser schrecklichen Krankheit an die Bailey leidet. Wir lesen auch, welche Erfahrungen die Autorin macht in ihrer Einsamkeit, wie sie aus ihrer Situation Erkenntnisse zieht und plötzlich das Leben und die Welt aus anderen Augen sieht.

      Je vertrauer ihr die Welt der Schnecke wird, um so fremder wird ihr die Menschenwelt. Eine Welt voller Verwirrung, Gehetztheit und vor allen Dingen von Fokussierung auf Dinge, die so oberflächlich sind und Kräfte rauben, dass man verpaßt einmal ruhiger durchs Leben zu gehen und seinen Blick auf die ganz kleinen, feinen Dinge zu richten, die uns tagsüber begegnen und sie genau zu betrachten.

      Ein berührendes Buch, in keinster Weise anstrengend ob der schweren Krankheit von Bailey oder den vielen wissenschaftlichen Ausführungen über Schnecken, ganz im Gegenteil sind sie bereichernd, dass sich wirklich lohnt gelesen zu werden. Denn wir können Einiges von Schnecken lernen.

      Vielleicht beginnt man nach dem Lesen dieses Buches tatsächlich einmal so, wie Hans-Christian Anders es einmal in seinem Buch: Die Schnecke und der Rosenstrauch geschrieben hat:

      "Ich gehe in mich selbst hinein, und dort bleibe ich. Die Welt geht mich nichts an" Und damit begab sich die Schnecke in ihr Haus hinein und verkittete dasselbe."

      Das sollten wir immer mal wieder tun!

      Viel Freude beim Lesen

      Elisabet Tova Bailey
      Das Geräusch einer Schnecke beim Essen
      Nagel &Kimche
      16,90 Euro
      ISBN: 978-3-312-00498-0

      jetzt aber auch im Piper-Verlag als Taschenbuch
      12,00 Euro
      ISBN: ‎ 978-3492302371

      erhältlich.
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    • mal wieder -

      john steinbeck "früchte des zorns"...

      eigentlich unglaublich und schwer vorstellbar, wie die menschen zu der zeit gelebt haben... hunderttausende
      litten hunger, und die wohlhabenderen farmer spritzten petroleum über die geernteten früchte, die sie nicht
      verkaufen konnten, lausiger preise wegen, damit sie für die hungernden menschen ungenießbar waren...

      da wundere ich mich, daß nicht sehr viele dieser farmer am ende eines stricks baumelnd gefunden wurden...
    • Ich habe gerade das Buch Kornblumenblau von Susanne Beyer fast in einem Zug gelesen. Der nach Leichtigkeit klingende Titel ist ein wenig irreführend. Denn das Buch handelt von der Recherche der Autorin nach den Taten und den Umständen des Todes ihres Großvaters. Er war Chemiker, seine Doktorarbeit behandelte Farbstoffe, vermutlich auch den der Kornblumenblüte. Daher der Buchtitel. Außerdem war er in der Zeit des Nationalsozialismus, genauer des zweiten Weltkriegs betraut mit der Aufgabe beim Aufbau eines Kunststoffwerkes in Auschwitz zu beraten. Hier geht die Autorin der Frage nach, inwieweit sich ihr Großvater, den sie selber nicht mehr kennengelernt hat, schuldig gemacht hat.
      Beeindruckt hat mich hier, auf wie gründliche Weise sie ihre Nachforschungen betreibt, die nicht nur der Frage nach der Schuld ihres Großvater nachgehen, sondern auch der nach den Umständen seines Todes kurz nach der Übernahme des Instituts, an dem er bei Kriegsende in der Nähe Berlins arbeitete, durch die rote Armee.
      Die Autorin, die bei ihrer Recherche nicht absolut erfolgreich war, stellt darüber hinaus weitere wichtige Fragen, ohne auf abschließende Antworten zu kommen und sucht dafür auch Fachleute auf, um sich weiterhelfen zu lassen:
      Wie wirkt das, was unsere Großeltern erlebt und getan haben, noch nach, individuell und kollektiv?
      Wie kann es sein, dass Täter zugleich andrerseits liebevolle Menschen, z. B. Ihrer Familie gegenüber sein können?
      Ich finde, dies ist ein sehr wichtiges Buch, gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme und faschistische Tendenzen zunehmen.
      Dieses Buch hat mich auch deswegen sehr berührt, weil ich selbst dabei bin, der Rolle meines Großvaters in der Zeit des zweiten Weltkriegs nachzugehen.
      Es ist eines der wenigen Bücher, bei denen ich mir vorstellen kann, sie ein zweites Mal zu lesen.
    • Gerade habe ich das Buch „Wellen, Wind und Wattwürmer“ (Herausgeber und Mitautor: Bernd Bultmann) ausgelesen. Ein Jugendbuch, das sehr ansprechend aufgemacht ist. In sechzig kurzen Kapiteln werden auch für Erwachsene interessante Themen behandelt. Es geht dabei hauptsächlich um Naturphänomene, die mit der Nordsee zu tun haben. Mir gefällt sehr, dass das Buch nicht so textlastig ist. Vielmehr wird - in der Regel auf einer Doppelseite - links ein Thema kurz sprachlich behandelt und auf der rechten Seite erscheint ein passendes Foto oder eine erläuternde Zeichnung. Ich finde, dies ist ein sehr schönes und lehrreiches Buch, das sich Schulbücher als Vorbild nehmen sollten.
    • Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki - Haruki Murakami -

      Da ist ein junger Mann der dem Tode näher ist als dem Leben! Warum? Was kann einen jungen Menschen dazu veranlassen sich vom Leben, von dieser Welt, die er gerade erst im Begriff ist zu erkunden, zu verabschieden? So denkt man vielleicht, wenn man von einem noch jungen Menschen hört, der Selbstmord verübt hat. Unfassbar für den, der selber am Leben hängt, vielleicht sogar im Moment dafür kämpft, dass ihm sein Leben noch etwas erhalten bleibt.

      Der junge Mann, von dem ich erzähle, ist ein Romanheld aus Haruki Murakamis Buch - Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki -, dass ichvorstellen und anempfehlen möchte. Noch dazu gesagt, ich besitze fast alle Bücher von Murakami. Er ist einer meiner Lieblingsautoren.

      Aber nun weiter…Warum also magert der junge Mann bis an die Grenzen ab, spinnt Gedanken, wie er aus dem Leben scheiden kann und nur die tägliche Routine, Vorlesungen an der Uni, ein Rest von Nahrungsaufnahme, seine Wäsche, hält ihn davon ab. Ein Rhythmus des Alltäglichen ist es der ihn am Leben hält. Und er schafft es. Er läßt es nicht geschehen. Die Ursache, die seine Todessehnsucht, sein Wunsch zu Sterben ausgelöst hat, liegt im Verlassenwerden.

      Er ist 16 Jahre alt und findet Anschluss zu einer Clique gleichaltriger Schüler in der Oberstufe. Zwei Mädels, drei Jungen, ganz unterschiedlicher Charaktere. Dennoch harmonieren sie vorbildlich, sind unzertrennlich. Jede freie Minute verbringen sie gemeinsam. Es gibt ein unausgesprochenes Gebot. Niemals, nie darf sich aus dieser Gruppe heraus ein Pärchen bilden. Das würde diese vollkommene Gemeinschaft zerstören, so empfindet der junge Mann namens Tsukuru Tazaki dies und auch die anderen vier. Und sie tun alles, um das zu vermeiden. Diese Gemeinschaft ist ihre Heimat, ihre Sicherheit in einer unbeständigen, voller Gefahren lauernden Zeit des Heranwachsens. Es geht soweit, dass sie nach der Schule ihren Heimatort nicht verlassen wollen, um sich nicht zu verlieren. Tazaki ist anders als alle anderen, meint er, so empfindet er jedenfalls. Alle haben etwas vorzuweisen. Ein besonderes Talent, Witz, Humor und Schönheit. Nur er selber empfindet sich als leer. Kann nichts vorweisen, außer seiner Leidenschaft zu Bahnhöfen. Langweilig denkt er. Auch sein Name ist langweilig, denn er bedeutet nichts anderes als „etwas schaffen“… Hingegen die Namen der Vier bedeuten Farben… Rot, Blau, Weiß und Schwarz.

      Die Schulzeit ist beendet. Die Zeit der weiteren Ausbildung fordert Entscheidungen. Trotz des sich gebunden fühlens an diese kleine Gemeinschaft, entscheidet sich Tazaki als Einziger für ein Studium in Tokio, fern vom Heimatort. Nur dort kann er in seinem Studienfach Ingenieurwesen Vorlesungen bei einem bekannten Professor hören, der sich auf Bahnhöfe spezialisiert hat. Die anderen nehmen es hin, Tazaki reist in jeder freien Minute und in seinen Ferien in die Heimat, um bei ihnen zu sein.
      Alles ändert sich mit einem Schlag. Er kommt wie gewohnt nach Hause, sucht den Kontakt zu den anderen Freunden, die sich aber allesamt verleugnen lassen. Er ist verstört. Nach mehrmaligen Versuchen erreicht er einen der Vier, der ihm aber nur sagt, er solle sich nie wieder blicken lassen.
      Eine Welt bricht für ihn zusammen. Es ist nicht nur das Ausgestoßen sein, es ist auch diese Ungewissheit…Warum? Niemand sagt etwas.
      Aberr er übersteht diese Zeit, in der er sich fühlte, wie allein in schwarzer Nacht ausgesetzt in einem Boot im weiten Meer. Die Wunde beginnt zu heilen, er bleibt ein Einzelgänger. Nur einmal freundet er sich wieder an, aber auch diese Freundschaft zerbricht, weil der andere einfach aus seinem Leben verschwindet, ohne ein Wort zu sagen. Wieder verlassen. Er trägt es mit Fassung, stürzt nicht in sich zusammen. Er lebt weiter. Arbeitet mittlerweile in einem Ingenieurbüro für Bahnhofswesen, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Auch Frauengeschichten hat er immer wieder, aber sie halten nicht lange. An einem Moment seines Lebens, er ist jetzt 36 Jahre alt, trifft er Sara. Das ist anders, als alles bis herige. Er fühlt, dass es ernster ist, dass er sich öffnen möchte. Aber es gibt ein Problem in seinem tiefsten Inneren. Sara erkennt das genau und sofort. Und sie sagt ihm, solange du nicht an dieses Problem herangehst, mit Deiner Vergangenheit nicht versöhnt bist, aufgedeckt hast, was damals war, wird das nichts zwischen uns. Sie ermutigt ihn nach so vielen Jahren Kontakt zu den Freunden aus der Vergangenheit aufzunehmen, um endlich zu erfahren, was damals geschehen ist.

      Jetzt erzähl ich natürlich nicht weiter. Aber es ist einfach nur schön, wie Murakami diese Geschichte weiter erzählt. Das Eintauchen Tazakis, wenn auch zögernd und ängstlich, in seine Vergangenheit. Er besucht seine Heimat und seine dort noch lebenden Freunde und sucht das Gespräch. Sogar bis nach Finnland muss er reisen, weil sich eine der Mädels von damals dort verheiratet hat. Und ich kann es versprechen, am Ende hat er etwas geschafft!

      Murakami beschreibt in seinem Buch, wie der Mensch von seiner Vergangenheit geprägt ist und wie es ihn daran hindern kann, die Gegenwart ganz zu leben, mit allen seinen Sinnen, seinem Tun und seiner Offenheit zu anderen Menschen. Er sagt, dass der, der seine Vergangenheit in wirklich wichtigen existentiellen Ereignissen nicht verarbeitet hat, sich niemals der Gegenwart und anderen Menschen ganz öffnen kann. Es bleibt immer eine Distanz, ein Vakuum zum Anderen. Der Mensch muss diese Angst überwinden. Erst dann erfährt er, wer er wirklich ist und dass er vielleicht ein Bild von sich hat, dass nicht mit dem übereinstimmt, dass die Anderen von ihm haben. Und wenn der Mensch wirklich „leer“ ist, was macht das schon. Aber er erzählt auch von der Illusion der Vollkommenheit einer Menschengemeinschaft. Nichts ist letztendlich vollkommen, oder nur dann, wenn jeder Einzelne seine eigene Unvollkommenheit anerkennt und damit das Gesamtkunstwerk Gemeinschaft Vollkommenheit ist.
      „Und selbst wenn du ein leeres Gefäß bist, was macht das schon? Wer kennt schon die Wahrheit über sich selbst? Es genügt doch, ein Gefäß mit einer wunderschönen Form zu sein. Das so unwiderstehlich ist, dass man unwillkürlich Lust bekommt, etwas hineinzutun. Meinst du nicht?“

      Dieser Satz in einer Rezension über Murakamis Buch war es, der mich verführt und berührt hat und ich halte ihn ganz fest, diesen Satz, weil er so wahr ist.

      Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
      Haruki Murakami
      Dumont Verlag
      ISBN 978-3-8321-9748-3 |
      22,99 Euro
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    • nein, ich lese gerade nichts von ihr :D aber ich habe noch einige bücher und finde, man kann immer mal wieder hineingucken^^.
      zum 80. geburtstag von pippi möchte ich die bücher von astrid lindgren empfehlen.

      insbesondere: pippi langstrumpf, kalle blomquist,mio, rasmus, michel , die brüder löwenherz, ronja, herr lilienstengel und die ferien auf saltkrokan waren meine lieblinge.
      nun feiern viele von euch ja bald weihnachten
      und vielleicht wäre was ganz exotisches, wie ein buch, auch etwas für kinder aus dem familien- und bekanntenkreis ;) .
    • Der Fluch des Propheten - Paul Lynch -

      Paul Lynch, irischer Autor, hat einen Roman geschrieben, auf den ich vor einigen Wochen aufmerksam geworden bin, der unglaublich fesselnd und mit gewaltiger Sprache daherkommt. Für diesen Roman hat er den Booker Prize 2023 bekommen. Zu recht wie ich finde. Denn die Handlung seines Romans ist hochaktuell und beschreibt den Niedergang einer Demokratie in einem EU-Land.

      Wir befinden uns in Irland, einem bisher demokratisch regierten Land, welches langsam und schleichend von einer totalitären Macht unterwandert wird. Man hätte es merken können, aber man hat die Warnzeichen nicht ernst genommen. Und dann ist es plötzlich zu spät.

      Erzählt wird die Geschichte der Familie Stack, Larry, seiner Frau Eilish und ihren vier Kindern Mark, Molly, Baily und Ben. Eine ganz normale Familie. Lary ist Generalsekretär der Lehrergewerkschaft, seine Frau Eilisch arbeitet als angesehene Biotechnikerin. Es ist Abends und die Familie befindet sich im Ritual den Tag abzuschließen.

      Dann plötzlich klingelt es an der Tür. Zwei Männer von der Geheimpolizei stehen vor der Tür und ohne langes Reden nehmen sie Larry mit. Damit beginnt für die Familie der Ausnahmezustand, denn Eilish wird ihren Mann nicht mehr wiedersehen. Der Staat dringt in ihr Familienleben ein. Alle Wege, die sie beschreitet, um Informationen über den Verbleib ihres Mannes herauszufinden, verlaufen ins Leere. Nur dass eine hört sie, dass ihr Ehemann staatsgefärdende Aussagen getätigt hat.

      Eilish muss sich nun mit ihren vier Kindern und ihrem an demenz erkrankten Vater alleine durchschlagen in einer Stadt, Dublin, die nicht mehr die ist, die sie war. Die Demokratie wurde durch die Machtübernahme der National Alliance Partei ausgehöhlt und zerschlagen.

      Eilish will es nicht glauben, dass es in einem EU-Land zum Äußersten kommt. Doch muss sie resignierend erleben, dass die Abholung ihres Ehemannes nur der erste Schritt war, der ihr Leben von Jetzt auf Gleich auf den Kopf stellt. Auch sie verliert ihren Job und wird auf den Ämtern schikaniert und weggeschickt. Eilish weiß nicht mehr, was man noch darf und was nicht mehr. Über Nacht verschwinden auch Nachbarn und Freunde, auf die sie jetzt so dringend angewiesen wäre.

      Um sie und ihrer Familie herum entsteht eine zerbrochene Ordnung, Gewalt und Willkür beherrschen ihren Alltag. Sie traut sich kaum noch aus dem Haus, muss ihre Kinder schützen, vor allen Dingen den ältesten Sohn, der sich einer Rebellenarmee anschließt. Sie kann ihn nicht aufhalten. Alle Versuche ihn außer Landes zu bringen, damit er nicht in die Regierungsarmee eingezogen wird, lehnt er ab. Man kann sein Land nicht im Stich lassen, man muß gegen diese Gewalt und Terror vorgehen, ist seine Devise. So wird sie auch ihren ältesten Sohn verlieren.

      Lebensmittel werden knapp, brutale Kämpfe zwischen der Rebellenarmee und den Regierungstruppen beherrschen das Straßenbild. Es gibt Ausgangssperren und eine abendliche Sperrstunde. Für Eilish kaum noch möglich, ihren an Demenz erkrankten Vater zu erreichen und sie versucht dennoch alles zusammenzuhalten.

      All dies Geschehen beschreibt Lynch in einer wortgewaltigen Sprache, die einen mit hineinreisst und man an der Seite von Eilish, die ums Überleben kämpft, sich nicht nur in sie, sondern in die Lage des Zustandes des Landes hineinversetzt. Und man sich fragt, warum sie nicht ihre Kinder nimmt und sich ins Ausland absetzt. Aber sie will nicht, sie will ihren Mann, obwohl sie insgeheim weiß, dass er nicht mehr wiederkommen wird, nicht allein lassen. Wie auch immer, Eilish erzeugt dadurch, wie sie versucht, das Leben ihrer Familie zu retten, eine große Empathie in uns. Und man kann diese Empathie auch mitnehmen für die Menschen, die sich jetzt gerade aktuell in solchen Situationen befinden, die dazu gezwungen werden, durch Hunger, Gewalt und Terror ihr Leben zu verteidigen und am Ende genötigt sind, alles zu verlassen, um irgendwo wieder Sicherheit und eine Heimat zu finden.

      Habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Und am Ende hab ich mich gefragt, wie konnte das passieren? Wie kann so etwas passieren von Heute auf Morgen. Aber nein, ein solches Szenario passiert ja nicht von Heute auf Morgen. Nur, der Mensch lebt in der Illusion, dass alles bleibt wie es ist, er bemerkt den Wandel nicht oder will ihn nicht bemerken. Was auch ein wenig verständlich ist, denn das tägliche Leben des Einzelnen oder der Familien ist so komplex, dass man gar nicht dazu kommt, aufmerksam auf die Geschehnisse zu beachten. Die Anfordeurngen des täglichen Lebens sind hoch. Der Mensch ist halt gefangen in seinem ganz privaten Leben und die Politik meist weit weg. Ob es die globale geopolitische Veränderung, kultureller Wandel oder die Veränderungen in der Umwelt sind, sie geschehen so langsam, dass der Mensch sie erst wahr nimmt, wenn es brennt.

      Fand es auch interessant, wie Lynch in einem Interview anhand des Buches Steppenwolf von Hermann Hesse daran erinnert, wie sein Protagonisten Harry Haller, der im Jahre 1927 die Zersplitterung der Gesellschaft sieht, wie Fremdenhass und Antisemitismus, geschürt auch durch die Medien, und er sich sicher ist, dass der nächste Krieg vor der Türe steht.

      Es kann einen schon Angst beschleichen, wenn auf die aktuelle Lage in der Welt geschaut wird, auch im eigenen Land durch den immer stärker werden Einfluß der AfD und rechter Gesinnung. Denn es gibt eine Botschaft in diesem Buch an uns und die lautet nicht anders wie:

      Das Unglück der Welt kann überall zuschlagen. Nicht nur politisch gesehen, sondern auch, wie wir es manchmal nur beim Anderen sehen wollen, auch im privaten Bereich durch Krankheit oder Tod eines uns nahestehenden Menschen oder Verlust unserer Arbeit.

      So rüttelt uns das Buch auch auf, so gut wie es geht, genauer hinzusehen, was passiert in unserer Welt und unserem Leben, denn das ist eben auch klar, es bleibt nichts wie es ist, das Leben bedeutet auch Veränderung. Denken wir auch daran, dass wir durch die Technik in unserer Welt, von der wir beherrscht werden, wir überall Spuren hinterlassen, über das was wir im Netz lassen und was wir tun. Die Server sind groß und speichern alles.

      Große Empfehlung!

      Das Lied des Propheten
      Paul Lynch
      Klett-Cotta
      ISBN: 978-3-608-98822-2
      14,00 Euro
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    • Wackelkontakt - Wolf Haas -

      Ein Buch, welches einmal keine Botschaft hat, sondern einfach nur ein skurriler und höchst amüsanter Roman ist, von keinem anderen als Wolf Haas, möchte ich gerne empfehlen. Vielleicht kennt der eine oder andere den Autor. Er ist Österreicher, bekannt geworden durch seine Krimis, die ich fast alle auch gelesen habe, weil sein Humor einfach genial ist und seine Krimis auch immer eine gewisse Gesellschaftskritik beinhalten.

      Sein Buch Wackelkontakt ist die beste Lektüre zum einfach mal Abschalten und sich in eine wunderbare saukomische Welt hineinzufinden.

      Über den Inhalt mag ich gar nicht so viel verraten, weil das die Spannung nehmen würde. Nur soviel:

      Der Roman hat zwei Handlungsstränge, zwei Geschichten, die Haas wie einen Stromkreis mit wehcselnden Spannungsebenen verflechtet und die sich am Ende wie bei einem Kurzschluß entladen. Einfach nur genial.

      Einmal ist da Franz Escher, ein herrlicher Misantroph, der sich recht und schlecht mit Trauerreden über Wasser hält. Außerdem liebt er Puzzeln. Davon hat er in seinen Regalen Hunderte in allen Variationen, Kunst, Wissenschaft, Biografien usw.. Auch daher der Name Franz Escher, angelehnt an den niederländischen Maler M.C. Escher, der durch seine surreal verdrehten Werke von Wirklichkeiten berühmt wurde. Wohl das bekannteste seiner Werke sind die Treppen, die in einer Endlosschleife im Kreis abwärts führen. Zu seinem 19. Geburtstag hat er ein Puzzle genau dieses Namensvetters zum Geburtstag erhalten, das mit 1000 Teilen zusdammengefügt werden muß. Seitdem ist er der Puzzleleidenschaft verfallen.

      Escher also hat schon seit ewigen Zeiten einen Wackelkontakt in einer Küchensteckdose. Ständig muss er den Stecker ziehen, wenn er entweder den Toaster oder die Kaffeemaschine anschalten will. Und dies ist bei einer Steckdose mit Wackelkontakt nicht ganz ungefährlich. Wieder einmal genervt von dem Unbill hat er nun einen Elektriker bestellt. Und wie das so ist bei Handwerkern, man muss warten und warten, bis sie endlich eintreffen.

      Da Escher aber nicht nur gern puzzelt, sondern auch mit Leidenschaft ein Bücherwurm ist, vertreibt er sich die Wartezeit auf den Elektriker mit einem aktuellen Buch. Wieder ein Buch, welches sich wie viele, die er schon gelesen hat, weil eben auch eine Leidenschaft von ihm, auf die Mafia bezieht.

      Die Geschichte im Buch, die er liest, erzählt wiederum die Geschichte eines ausgestiegenen Mafia-Killers mit Namen Elio Russo, der sich zur Zeit im Gefängnis befindet und von einem Staatsanwalt dazu überredet wird, seine Mafia-Genossen, große Tiere, zu verraten und ihm dafür anbietet, ins Zeugenschutzprogramm zu kommen, in einem anderen Land und zwar nach Deutschland mit einem neuen Namen. Dort könne er sich ein neues Leben aufbauen.

      Elio Rosso wiederum vertreibt sich ebenfalls die Zeit im Gefängnis mit dem Lesen eiens Buches über einen Trauerredner namens Franz Escher, der in seiner Wohnung auf den Elektriker wartet.

      Und so geht das jetzt hin und her: Escher liest über Russo, Russo liest über Escher. Jede Geschichte des jeweiligen Buches ergänzt die andere. Und ja, es gibt auch Tote.

      Mehr will ich jetzt nicht erzählen. Aber habe in meinem Leben selten beim Lesen so lachen müssen, dass meine Tochter ins Zimmer kam und fragte was los ist. Konnte manchmal kaum erzählen, weil ich nicht aufhören konnte zu lachen. Es ist ein so wunderbares Verwirrspiel, das Haas da beschreibt ohne große und tiefe Bedeutung , nichts worüber man angestrengt nachdenken müsste, sondern einfach nur ein unendlich großer Spaß, dieses Buch zu lesen.

      Man könnte schon annehmen, dass Haas beim Schreiben dieses Buches, dieser beiden sich eineinander verflechtenden Geschichten über zwei Zeitepochen des Franz Escher und Elio Russo, selber einen Heidenspaß hatte. Das merkt man einfach beim Lesen.
      Dieser herrliche schwarze Humor und seine Sprachspielereien ziehen einfach in den Bann. Es ist schlicht und ergreifend ein originelles Buch mit großer Schreibkunst.

      Viel Vergnügen allen, die sich dieses Buch zur Hand nehmen!

      Wolf Haas
      Wackelkontakt
      Hanser Verlag
      ISBN: 978, 3-446-28272-9
      25,00 Euro
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    • Der wiedergefundene Freund - Fred Uhlmann -

      Das Buch von Fred Uhlmann, welches schon lange in meinem Regal steht, möchte ich heute vorstellen.

      Ich erinnere mich noch genau an den Kunden, der es mir empfohlen hatte. Wir sprachen über Lieblingsautoren und ich nannte ihm einen meiner, nämlich Imre Kertesz. Vor allen Dingen sein Buch "Roman eines Schicksalslosen" hat mich zutiefst berührt. So also kam ich zu dem Buch, von dem ich hier berichten und es empfehlen möchte.

      Ein kleines Taschenbuch. Schnell zu lesen, aber zutiefst berührend. Arthur Koestler hat es als kleines Meisterwerk in seinem Vorwort beschrieben. Und so hab ich es auch empfunden.

      Der Roman beschreibt eine enstehende Freundschaft Anfang des Jahres 1932. Hans Schwarz, Sohn eines Arztes und jüdischer Eltern, und Konradin, Graf von Hohenfels, lernen sich auf dem Gymnasium kennen. Beide sind ausgesprochene Einzelgänger. Dem adeligen Konradin traut sich so richtig keiner zu nähern. Kleinere Annäherungen, die unternommen werden, etwa von einem kleinen Kreis junger Bohemien schlägt der sehr eigene Konradin aus. Und auch Hans will man sich nicht so richtig nähern, ohne dass es dafür einen Grund gibt.

      Die Beiden kommen sich jedenfalls nach einer langen Zeit, in der Hans versucht die Aufmerksamkeit Konradins auf sich zu ziehen, endlich näher. Es lag auch an der beiderseitigen Schüchternheit, dass das sich Näherkommen lang gedauert hat. Nun hat es Hans geschafft. Mit einem akrobatischen Sprung im Sportunterricht hat er Konradins Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nach der Schulstunde kommen die begegnen sich die Beiden. Eine Freundschaft entsteht.

      Beide entdecken, dass sie das gleiche Hobby teilen. Hans und Konradin sind leidenschaftliche Münzensammler. Sie tauschen sich aus. Konradin geht im Haus von Hans ein und aus. Hans hat einen hohen Anspruch an Freundschaft. Für den Freund muß man sein Leben hingeben, so deutet er an. Absolutes Vertrauen und Loyalität sind seine höchsten Tugenden, die er einfordert für ein Freundschaftsverhältnis.

      Es entsteht eine Zeit intensiver Begegnungen und Austausch. Beide, 16 Jahre alt, sind auf dem Weg zu sich selber und ins Leben zu finden. Sie sind auf sich fixiert, bekommen kaum mit, was um sie herum geschieht. Nur leise hören sie von denen um sie herum stattfindenden politischen Unruhen. Es gibt erste Zusammenstösse zwischen Nazis und Kommunisten. Hakenkreuze erscheinen an den Wänden, die ersten jüdischen Mitbürger werden drangsaliert.

      Das Leben ging jedoch, nicht nur für die beiden, einfach weiter. So kann man sich das wohl auch vorstellen, wenn man forscht und denkt, wie konnte das alles geschehen.

      Den ersten kleinen Knacks bekommt die Freundschaft als Beide, Hans und Konradin, mit ihren Eltern eine Opernaufführung besuchten. Hans unten im Saal sieht oben in der Loge Konradin und seine hochherrschaftlichen Eltern, die von der gesamten Besucherschar Huldigungen entgegennehmen.

      In der Pause will Hans es wissen. Er wartet auf seinen Freund, will sehen, ob er ihn wahrnimmt, ihn begrüßt, sich zu ihm bekennt. Enttäuschend für ihn das Erlebnis. Konradin schreitet mit seinen Eltern an ihm vorbei, nur ein ganz kleines Zeichen läßt erkennen, dass er ihn, seinen Freund Hans, erkannt und wahrgenommen hat.

      Hans ist außer sich. Am anderen Tag stellt er seinen Freund zur Rede. Er will das nicht auf sich beruhen lassen. Konradin schweigt still und bekommt die Wut von Hans zu spüren. Bis es endlich aus ihm herausbricht. Ja, was er sich denn wohl gedacht hat. Was er für Schwierigkeiten im Elternhaus hat wegen seiner Freundschaft zu ihm, Hans. Seine Mutter, stammend aus einer königlichen polnischen Familie, hasst die Juden, empfindet sie als Abschaum. obwohl sie nie wirklich Berührung mit einem Juden hatte. Jetzt ist es heraus. Sie ist eifersüchtig auf den jüdischen Freund ihres Sohnes. Sie wirft ihm vor, er sei vom Gedankengut seines Freundes schon beeinflußt. Hans hätte seinen Glauben untergraben. Sie sieht Hans im Dienste des Weltjudentums, dass sie gleichsetzt mit dem Bolschewismus.

      Konradin beteuert, dass er ihn am Abend des Opernbesuches nicht angesprochen hat, weil er nicht wollte, dass man ihn, Hans beleidige. Er sei zu feige gewesen, dies alles ihm früher zu gestehen.

      Von diesem Tag an gab es keine Besuche mehr von Seitens Hans bei seinem Freund Konradin. Beiden war nun klar, dass nichts mehr so sein würde, wie es war. Die Zeiten hatten sich geändert, der Wind ist stärker geworden.

      Das Leben ändert sich auch im Gymnasium. Nationalsozialistisches, judenfeindliches Gedankengut breitete sich auch dort aus. Konradin ging Hans aus dem Wege. Auch die anderen Klassenkameraden mieden ihn mehr und mehr und erste Übergriffe geschahen.

      Hans Eltern schicken ihn in die USA. Sie wollten sein Leben retten. Dort kann er in Ruhe die Schule beenden und sein Studium zum Abschluß bringen. Hans reist ab.

      In den USA bleibt er dann auch, lebt und arbeitet dort, sogar recht erfolgreich als Rechtsanwalt. Jeden Kontakt, den er beruflich oder privat zu Deutschen hat, klopft er vorsichtig ab. Nein... er will nicht mit einem Deutschen der Blut an seinen Händen trägt, Kontakte pflegen. Seine Eltern sind tot. Es tröstet ihn, dass sie nicht in Auschwitz oder Belsen umgekommen sind. Sie hatten ihren Tod selbstbestimmt. Von Konradin? Hat er niemals mehr etwas gehört. Hin- und wieder denkt er dran, was aus ihm wohl geworden ist. Ob er noch lebt. Aber weitestgehend hat er ihn aus seinem Gedächtnis gestrichen.

      Bis er eines Tages Post aus der deutschen Heimat bekommt. Ein Spendenaufruf seines ehemaligen Gymnasiums. An die Kriegsopfer soll gedacht werden. Namen sind aufgelistet. Hans geht sie durch von A bis Z, nur das H läßt er aus, von Hohenfels, das will er nicht zulassen.

      Tage braucht er, bis er den Mut findet zu schauen, was mit Konradin geschehen ist. Ob er bei den Opfern auftaucht?

      Was geschieht weiter. Ich verrate es natürlich nicht. Hat er ihn wohl wiedergefunden? Seinen Freund Konradin?

      Ein lesenswertes Büchlein über Freundschaft und die Widrigkeiten, die sie zerstören können, über Enttäuschung, Verzweiflung und die doch über den Tod hinaus hält, dass mich ief bewegt hat.

      PS: Habe noch eine alte Ausgabe (siehe Foto)
      Der wiedergefundene Freund
      Fred Uhlmann
      Diogenes Verlag
      ISBN: 978-3257261288
      12,00 Euro
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