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    • Mircea Eliade

      Der besessene Bibliothekar


      "Ideen allein interessierten ihn nicht,
      weil er ihren Nutzen höchstens eine Stunde am Tag empfand,
      in dieser Zeit aber genügend eigenen, frischen und unmittelbaren Gedanken nachhing."


      Ausdrückliche Leseempfehlung!
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      Die Sonne bringt es an den Tag.
      (Aesop)
    • Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft

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      Die Lyrikerin Ingeborg Bachmann (+ 1973) und der Komponist Hans Werner Henze (+ 2012) wurden beide 1926 geboren, zu ihrer beider Jubiläum im laufenden Jahr werden bestimmt gesonderte Veröffentlichungen und Veranstaltungen in Literaturhäusern und Konzertsälen geschehen und stattfinden. Bachmann und Henze waren weit mehr als Geburtstagskollegen, die beiden verband eine zwanzig Jahre währende Freundschaft, die sich anhand der Briefe, die sie sich geschrieben haben, rekonstruieren lässt. Auch haben sie jahrelang äußerst fruchtbar miteinander gearbeitet: Sie schrieb für zwei seiner Opern die Libretti, er vertonte ihre Gedichte.

      Die beiden hatten sich Anfang der 1950er Jahre kennengelernt. Zu diesem Zeitpunkt lebte Henze in Neapel und hatte erste Erfolge als Komponist zu verzeichnen, Bachmann arbeitete für den Rundfunk in Wien, las bei Treffen der Gruppe 47 und war von einer Hamburger Illustrierten zum „Fräuleinwunder der Nachkriegsliteratur“ erkoren worden. Henze hatte Westdeutschland gen Italien verlassen, weil die heimische Justiz nahtlos an die Praxis des III. Reiches anknüpfte und Schwule beflissen und unbarmherzig verfolgte. Bachmann wollte nach ihrem Studium Schriftstellerin werden, an eine Heirat dachte sie ausdrücklich nicht. Und ausgerechnet die beiden, die weder künstlerisch noch intim konkurrierten, überlegten halb im Scherz, halb im Ernst, in einem gemeinsamen Haushalt zu leben, seiner und ihrer Liebhaber zum Trotz: „Die Wohnung in Neapel kann man ansehen als einen Versuch der Festmachung, als ein Surrogat für Verlöbnis oder Ehestand.“, wie Hans Werner Henze es anlässlich der Veröffentlichung des Briefwechsels dreißig Jahre nach dem Unfalltod seiner Freundin schrieb.

      Handgeschriebene Briefe waren seinerzeit das bevorzugte Kommunikationsmittel, Telefone waren in der Geschäftswelt verbreitet, noch nicht unter Privatpersonen. Bei Bachmann und Henze kam für das regelmäßige Lesen und Schreiben erschwerend hinzu, dass sie jeweils viel auf Reisen waren und sich ihre Post an ihre Verlage und Agenten schicken ließen. So liegen zwischen dem Absenden eines Briefes und einer Antwort darauf etliche Tage und ganze Wochen, was während des Wartens der Phantasie über das Geschriebene und das zu Lesende freien Lauf lässt. Und wenn dann zwei ausgesprochen Sprachverwöhnte wie Bachmann und Henze korrespondieren, gerät jedes mit Buchstaben bedeckte abgeschickte Blatt Papier zur Arbeitsprobe, zur Rohfassung einer Ode, zur Interpretation eines Tagebucheintrags.

      Liest man die Briefe Bachmanns an Henze im Vergleich zu ihren Briefen an Paul Celan und Max Frisch, so fällt auf, dass sie weitgehend frei von Sorgen und Klagen sind. Die Freundschaft zu Henze hat nicht nur funktioniert, sie hat beiden auch kolossal gut getan, während Bachmann an ihren Verhältnissen mit Celan und Frisch eher zu leiden schien. In ihren späten Jahren lebte Henze mit seinem Lebensgefährten im Römer Umland, Bachmann mitten in der Ewigen Stadt. Die Briefe wurden seltener, die beiden trafen sich oder telefonierten. Hierbei wird dann leider nicht dokumentiert, wie vertraut und herzlich Bachmann und Henze einander zugeneigt waren. Das Besondere, das nicht Kopierbare, das Innige ihrer Freundschaft spricht aus einer kurzen Notiz ebenso wie aus einem langen Brief. Ob eine Hochzeit für die beiden Freigeister das Richtige gewesen wäre? Wer weiß, vielleicht wäre sie gelungen, gerade weil sie sich keusch als Bruder und Schwester zugetan waren.

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      Ingeborg Bachmann, Hans Werner Henze: Briefe einer Freundschaft, München 2004, Piper
    • Liefern - Tomer Gardi -

      Den Roman, den ich heute empfehlen möchte, hat Tomer Gardi geschrieben. Er wurde im Kibbuz Dan in Galiläa geboren und lebt heute in Berlin. Gardi hat für diesen Roman drei Jahre vor Ort recherchiert und ist um die ganze Welt gereist. Er war in Neu-Dehli, Buenos Airs, Istanbul, Tel Aviv und am Ende in Berlin, wo einige seiner Protagonisten am Ende dann angekommen sind.

      Wer den Roman liest und sich nicht in einem Kriegs- oder anderem Krisengebiet befindet, muss erkennen, dass er sich in einer privilegierten Lage befindet. Darüber sind die Menschen sich oft nicht bewußt und haben Klagen an und über alles, die sich die Menschen, von denen Gardi schreibt, nur wünschen würden.

      Gardi erzählt von Menschen in diesen Städten und Ländern, die sich in einer Situation in der Arbeitswelt von globaler Ausbeutung und Korruption befinden. Gardi kommt diesen Menschen in seinen Geschichten sehr nahe und beim lesen ist man ebenfalls dicht bei ihnen, dass man sich gut einfühlen kann in ihre Lebenssituation und man sich bewußt wird, dass man sich in der eigenen privilegierten Lebenssituation kaum Gedanken darüber macht, wie diese Menschen ihr Leben meistern müssen, welche Träume auch sie haben von einem besseren Leben.

      Liefern, sein Romantitel, erzählt hauptsächlich von Menschen die im Lieferdienst arbeiten, Kuriere, Boten sind. Gardi schreibt, dass, wenn wir diese Menschen in ihrem Alltag begleiten durch ihre Arbeitswelt, man die ganze Welt in zwei Welten einteilen kann, in die, die bestellen und die, die liefern.

      Die erste Geschichte beginnt mit Filmon in Tel-Aviv, der dort, nachdem das Schnellrestaurant, in dem er gearbeitet hat, pleite gegangen ist, er als letzten Ausweg zu einem Lieferdienstbetreiber wechselt. Mit dem Verdienst kann er sich gerade mal ein WG-Zimmer leisten. Filmon ist Flüchtling aus Eritrea, dort ist er vom Wehrdienst geflohen und mit Hilfe von Schleppern quer durch die Wüste bis nach Israel gelangt. Seine Freundin, die mit dem gemeinsamen Kind schwanger ist, muss er zurücklassen. Jetzt wo er in Tel-Aviv arbeitet, ist sie wiederum, ebenfalls mit Hilfe von Schleppern in Berlin gelandet. Sie halten Kontakt mit Telefonaten und träumen davon, bald gemeinsam als Familie in Berlin leben zu können.

      Wir werden weitere Menschen kennenlernen, die sich aufgrund ihrer Lebensumstände in diese brutale Welt der Ausbeutung begeben müssen für einen Hungerlohn, deren Firmen jedwedes Aufbegehren gegen die Arbeitsbedingungen abwehren, angetrieben von ihrer eigenen Profitgier. Die nicht zurückschrecken, Migranten wie Sklaven zu behandeln, ihnen falsche Identitäten zu verschaffen, damit ihre Lieferboten schneller zugelassen werden. Dazu kommt angetrieben durch die unfaßbare Schnelligkeit mit der sie ihren Job auf Mopeds und Fahrrädern erledigen müssen, die erhöhte Gefahr durch Unfälle nicht nur die Arbeit, sondern auch ihr Leben zu verlieren. Und sehr schnell kann es geschehen, dass die Besteller, die Privilegierten aufgrund einer Klitzekleinigkeit ihnen in ihren Aps eine schlechte Bewertung geben, die dann dazu führt, dass sie auch diese menschenunwürdige Arbeit verlieren und wieder von vorne beginnen müssen, wieder bei einem anderen Dienstleister unter den gleichen Bedingungen.

      Alle Figuren, von denen Gardi erzählt, haben irgendwie etwas miteinander zu tun, begegnen sich über fünf Ecken, wie man so schön sagt. Die ganze Welt ist mittlerweile ein globales Dorf geworden.

      Hier eine kleine Leseprobe:
      "Wisst ihr eigentlich, warum die Leute die Kuriere hassen? Weil wir menschlich sind, sagte Resul. Weil diese Dienstleistung, die alle am liebsten so bekämen, als würde sie von einer Maschine verrichtet, von einem Menschen gemacht wird, einem Menschen, der sich aufregt, einem Menschen, der eine Würde hat, einem Menschen, der Fehler macht. Das Menschliche ist das überflüssige Element, das man an den Kurieren hasst."
      Gardi ist kein Moralist, niemals liest man von Anklagen, er beschreibt die Fakten und findet auch immer wieder trotz allem humorvolle Szenen in seinen Geschichten, die uns zum Lachen bringen. Und dennoch ist seine Kritik an der Wirklichkeit in unserer globalen Welt um so stärker.

      Aber seine Botschaft ist ganz klar. Man muss sich vor Augen halten, dass uns, den Privilegierten, die Lebenssituationen dieser Menschen, von denen er erzählt und denen wir täglich begegnen, alle angeht, dass wir diejenigen sind, die sie verursachen.

      Tomer Gardi
      Liefern
      ISBN: 978-3-608-50263-3
      Verlag Tropen
      25,00 Euro
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    • Antje Göhler


      Salziger Wein


      "Dass die Partie dann doch noch zu ihren Gunsten ausging,
      trug Bettina nicht nur die Anerkennung der Umstehenden ein, [ .. ]
      Schach war ihr hier zur Lebenshilfe geworden, [ .. ]"







      Antje Göhler wurde 1967 in Berlin geboren und hat dort die Schule und diverse Schachklubs besucht.
      Höhepunkte ihrer Schachlaufbahn waren 1988 der DDR-Meistertitel bei den Frauen
      und die Verleihung des Titels »Internationale Meisterin«.


      ISBN 978-3-96024-100-3



      Wer Interesse an einem signierten Exemplar hat bzw. ein Exemplar mit Widmung wünscht,
      kann sich gern an mich wenden.
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      Die Sonne bringt es an den Tag.
      (Aesop)

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    • Der Mann ohne Muttersprache

      Rahman Jamal



      978-3-95461-205-5



      lektora.de/shop/buecher/der-mann-ohne-muttersprache/

      lektora.de/rahman-jamal/
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      Die Sonne bringt es an den Tag.
      (Aesop)
    • Martyna Linartas
      Unverdiente Ungleichheit
      Wie der Weg aus der Erbengesellschaft gelingen kann.
      Ganz wenige haben zu viel.
      Zu viele haben ganz wenig.
      Dieses Buch verdeutlicht dies grandios
      und zeigt die Auswege aus dem Wahnsinn auf.

      ...gefunden in der gelben Bücher- Telefonzelle von Amnesty International,
      Babara Wood Kristall der Träume
      Schöne Unterhaltung. Als eine Frau in prähistorischer Zeit
      diesen Kristall findet und mit ihm die Kraft gewinnt,
      ihren Stamm zu retten, beginnt der Weg des Steins.
      Über Generationen wird er weitergegeben,
      und es sind Frauen, die mit dem Kristall wagen,
      ihren Träumen zu folgen. Von den Savannen Afrikas zu den Arenen Roms,
      von Klöstern und den Serails Arabiens zu den Trecks des wilden Westens
      gelingt es ihnen, listenreich und mutig ihren Weg zu finden
      - bis in die heutige Zeit
      Wirklich schön durch die Menschheitsgeschichte gestreift :love:
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      Ich bleibe auf dem Teppich meiner Möglichkeiten und hoffe das er fliegen lernt.
    • Martin Mosebach alles Gute zum 75. Geburtstag.


      Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, studierte Jura in Frankfurt und Bonn.

      Kurz vor dem Zweiten Staatsexamen begann er seinen ersten Roman zu schreiben.
      Seit 1980 lebt er als freier Schriftsteller in Frankfurt am Main.
      Neben Prosa und Lyrik veröffentlichte er Aufsätze über Kunst und Literatur für Zeitungen, Zeitschriften und den Rundfunk,
      Hörspiele, Dramen, Libretti (u.a. für die Salzburger Festspiele, die Oper Frankfurt und das Freiburger Barockorchester)
      sowie Filmdrehbücher ( u.a. Buster?s Bedroom und Roussel, beide mit Rebecca Horn).

      Mosebach wurde 2007 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.




      Klappentext

      Ralph Krass - so heißt ein verschwenderisch großzügiger Geschäftsmann, der Menschen mit kannibalischem Appetit verbraucht.
      Ist er unendlich reich oder nur ein Hochstapler, kalt berechnend, oder träumt er hemmungslos?
      Er will sich seine Gesellschaft kaufen, immer nur selbst der Schenkende sein.
      Als in Neapel Lidewine in seinen Kreis tritt - eben noch die Assistentin eines Zauberers, eine junge Abenteurerin -,
      bietet er ihr einen ungewöhnlichen Pakt an.
      Beobachtet wird das Ganze von seinem Sekretär, dem Pechvogel Dr. Jüngel, mit einem Blick voll Neid und Eifersucht.
      Aber erst nachdem die Gesellschaft von Herrn Krass durch einen Eklat auseinandergeflogen ist, gelingt es ihm,
      an seinem Zufluchtsort in der französischen Provinz, die Mosaiksteine des Geschehenen zu einem Bild zu ordnen -
      während Menschen wie der stumme Kuhhirte Toussaint, der Schuster Desfosses und Madame Lemoine mit ihren Wellensittichen
      ihm eine Ahnung davon vermitteln, wie alles mit allem rätselhaft zusammenhängt.

      "Krass", ein Roman über das, was das Verstreichen von Zeit mit Menschen tut,
      ist zugleich Liebesroman und Mephisto-Geschichte.
      Eine Erzählung, die den Bogen von Neapel über Frankreich bis nach Kairo schlägt.

      ISBN 978-3498045418


      Leseempfehlung!
      Die Sonne bringt es an den Tag.
      (Aesop)
    • Der Reisende - Ulrich Alexander Boschwitz -

      Das Buch, dass ich gerne ampfehlen möchte ist eine Wiederentdeckung des Autors Ulrich Alexander Boschwitz, fast 80 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung. 30 Jahre lang kämpfte seine Nichte für die Neuveröffentlichung seines Buches.

      Boschwitz schrieb seinen Roman 1938 innerhalb von vier Wochen unter dem Eindruck des Unglücks, das die Juden in Deutschland traf. Sein Roman *Der Reisende* spiegelt auch zum großen Teil seine eigene perasönliche Geschichte seiner Flucht vor den Nazischergen wieder.
      Boschwitz war Sohn eines jüdischen Vaters und einer protestantischen Mutter, in Berlin geboren.

      Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten flüchtete er ebenso wie sein Protagonist *Otto Silbermann* um sein Leben zu retten. Auf vielen Umwegen kam er zuerst nach Schweden, später nach England. Aber auch dort wurde er als feindlicher Ausländer behandelt, verhaftet und nach Australien gebracht. 1942 auf seiner Rückreise wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot torpediert und sank. Er ertrank, wie Hunderte andere Mitreisende. Boschwitz wurde 27 Jahre alt. Noch auf dieser Reise hatte er seinen Roman "Der Reisende* noch einmal überarbeitet. Das Manuskript ging jedoch verloren. Das nun wiederentdeckte Buch beruht auf seinem ersten Manuskript und auf der Überarbeitung des Lektors Peter Graf, Leiter des Verlages *Das kulturelle Gedächtnis nach Absprache seiner Familienangehörigen.

      1938 wurde in Paris ein Attentat auf einen deutschen Botschafter verübt. Dies nahmen die Nationalsozialisten zum Anlaß den Volkszorn gegen die in Deutschland lebenden Juden, der aber nicht neu war, zu inszenieren. Obwohl die Entrechtung der deutschen Juden schon 1933 begann, lebten zu diesem Zeitpunkt noch Hunderttausende Juden in Deutschland.

      Otto Silbermann also, Protagonist des Romans *Der Reisende* entkommt nur knapp der Verhaftung. Er ist Deutscher, hat im ersten Weltkrieg gedient, ist ein wohlhabender Kaufmann und findet sich plötzlich auf der Seite der Geächteten, obwohl unbescholten und zum deutschen Bürgertum gehörend.

      Was ihm bleibt, ist sein nacktes Leben. Mit dem letzten Geld, das er retten kann beginnt seine Flucht und seine Hoffnung, aus Deutschland, viel zu spät wie er feststellen muss, ausreisen zu können.

      In Angst und Schrecken reist er mit dem Zug quer durch Deutschland in der Hoffnung einen Weg zu finden. Sein Sohn, der in Paris lebt soll ihm ein Visum besorgen, was sich aber als schwierig erweist und Silbermann nach anderen Auswegen suchen muß.

      Der Roman übt einen Sog aus, der Leser befindet sich an der Seite von Otto Silbermann auf seinen unentwegten Hin- und Herfahrten durch Deutschland, er schaut zu, wie Otto Silbermann mit seinen Gedanken und auch mit den Menschen, die er auf seiner Flucht im Zug begegnet, hadert, hin- und hergerissen ist. Wer sitzt ihm da gegenüber? Feind oder noch Mensch mit Mitgefühl und Hilfsbereitschaft.

      Es ist nicht so, dass man ihn, Otto Silbermann, als sympathischen Menschen einstufen könnte, denn er ist in allem widersprüchlich, egoistisch, der nur ein Ziel vor Augen hat: überleben! Selbst in einer großen Schwäche hat er Gedanken von jüdischem Selbsthass.

      So kommt ihm einmal der Gedanke "Es sind zuviele Juden im Zug. Dadurch kommen wir alle in Gefahr. Wenn ihr nicht wärt, könnte ich in Frieden leben. Weil ihr aber seid, falle ich in Eure Unglücksgemeinschaft. Ja, wenn ihr nicht wärt, würde man mich nicht verfolgen. Weil ihr existiert, werde ich mit ausgerottet:"

      Einmal begegnet er einem Mann mit Parteiabzeichen auf seiner Zugfahrt, der ihn zu einer Schachpartie einlädt. Sein Gegner verliert, aber will da nicht drauf sitzen bleiben und fordert ihn immer wieder erneut heraus. Aus Angst vor dem Mann will er dann ein Spiel verlieren, aber es gelingt ihm nicht. Nach hartem Kampf setzt er ihn wieder matt.

      Nach den Spielen sagt ihm sein Gegner, sie sind ein scharfer Spieler!. Und Silbermann log und antwortete: Ich bin ein schlechter Spieler, obwohl er genau weiß, dass diese Aussage eine weitere Erniedrigung des Unterlegenen darstellt.

      Als sie am Ende ihrer Fahrt sind, denkt Silbermann: Ich habe einen Mensch getroffen, trotz seines Parteiabzeichens. Vielleicht ist alles gar nicht so schlimm. Menschen, mit denen man Schach spielen kann, die verlieren können. ohne beleidigt zu sein oder frech zu werden, sind schwerlicht Räuber und Totschläger.

      Das Leben ist uns verboten denkt er irgendwann nach allen mühseligen Auf- und Abs seiner Reise, seines Hin- und Herfahrens.

      Wie es endet, lest es selber!

      Es ist ein Roman der den Atem nimmt, weil man neben dem Protagonisten sitzt und alles mit ihm erlebt und sich auch in seinen Gedanken wiederfindet, in Ungläubigkeit ob des Geschehens, in Zweifeln, in Ängsten, Sorge und Hoffnung! Silbermann nimmt uns mit auf seiner Flucht°

      Ulrich Alexander Boschwitz
      Der Reisende
      Klett-Cotta
      ISBN: 978-3-608-98154-4

      12,00 Euro
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    • Ich nannte ihn Krawatte - Milena Michiko Flasar -

      Milena Michiko Flasar hat einen wunderbar poetischen Roman über die Leistungsgesellschaft in Japan geschrieben. Ein stiller, ruhiger dahingleitender Roman, gerade mal 140 Seiten lang, der den Leser nachdenklich hinterläßt und die Frage aufwirft, wie schnell kann es gehen, dass man in einer Gesellschaft zum Aussenseiter wird.

      Es ist aber auch ein Roman über eine Freundschaft zwischen zwei Männern, der eine älter, 58 Jahre alt, und einem jungen Mann, gerade mal 20 Jahre alt, die sich auf einer Parkbank kennenlernen und zu anfangs der eine, der junge Mann, den älteren nur aus sicherer Entfernung beobachtet und sie erst nach und nach ins Gespräch kommen.

      Für den jungen Mann wird die Bekanntschaft, die zur Freundschaft zum älteren Mann wird, lebensverändernd sein, sie wird ihn herausholen aus seinem bis dahin abgewandten Leben aus der Welt, wie sie sich ihm zeigt.

      Dieser junge Mann, der Ich-Erzähler des Romans namens Taguchi Hiro, ist ein Hikkikomoro. In Japan leben ca 100.000 bis 300.000 solcher Menschen. Junge Menschen, die das Haus ihrer Eltern nicht verlassen. Eine genaue Zahl ist das jedoch nicht. Denn in vielen Familien wird dieses Vorkommnis aus Angst und Scham vor der Gesellschaft verschwiegen. Die Zeit der in sich zurückgezogenen jungen Menschen im Elternhaus kann oft bis zu 15 Jahren andauern. Sie haben Angst, diese jungen Menschen, vor dem riesigen Leistungs- und Anpassungsdruck in Schulen und Gesellschaft.

      Taguchi Hiro aber traut sich nach zwei Jahren in seinem Zimmer, in dem er sich eingeschlossen hatte, dieses endlich zu verlassen. Er macht einen Spaziergang zum nahegelegenen Park und setzt sich auf eine Parkbank. Von dort will er die Welt um sich herum ersteinmal im sicheren Abstand nur betrachten. Es ist genau die Bank, auf der er als Kind immer mit seiner Mutter gesessen hat.

      Eines Tages setzt sich ein älterer Mann, ein Salarymann, ihm gegenüber. So wie er, Taguchi, kommt dieser Salaryman, nun ebenfalls jeden Tag auf diese Bank. Zum verstehen: Ein Salaryman ist zumeist ein männlicher Angestellter einer großen Firma, der er treu dient, korrekt gekleidet in Anzug und Krawatte.

      Daher nennt ihn Taguchi auch, weil er nach einem Namen sucht, ihn einfach nur Krawatte.

      Nach und nach kommen diese beiden unterschiedlichen Männer, die sich jedoch so unähnlich nicht sind, ins Gespräch. Langsam erzählen sie sich ihre bis dahin stattgefundene Lebensgeschicchte.

      Dem Salaryman hat man in seiner Firma gekündigt. Er entsprach nicht mehr den Leistungsanforderungen. So sitzt er jetzt jeden Mittag auf dieser Bank, sich nicht trauend nach Hause zu gehen und seiner Frau zu gestehen, was geschehen ist. Tag für Tag sitzt er da, isst seine liebevoll gefüllte Bentobox, die ihm seine Frau jeden Morgen mitgibt, liest Zeitung, und schläft irgendwann ein. Er erzählt Taguchi von seinem Leben, nicht nur von der Kündigung, sondern auch von dem schrecklichen Trauma seines verstorbenen Sohnes.
      Auch Taguchi öffnet sich nach so langen Jahren, die er sich der Welt verschlossen hat, von seinem Leben und dem Grund, aus dem heraus er sich der Welt verweigert hat. Denn auch er hat ein Trauma zu verarbeiten, an dessen Schuld er leidet. Er hat seiner früheren Freundin, die nach heftigem Mobbing und schrecklichen Demütigungen aus dem Leben ging, nicht geholfen. Das ist seine Schuld, die er auf seinen noch jungen Schultern trägt.

      Wie es endet, verrate ich natürlich nicht. Stelle nur anheim, das Buch zu lesen, denn es ist ein großer Schatz.

      Nachdenklich, wie ich es anfangs bezeichnete, macht es absolut. Denn dem Druck der Leistungsgesellschaft, Mobbing in Schulen, denen sich schon Kinder oft im Grundschulalter ausgesetzt sehen, herrscht nicht nur in Japan. Auch in unserer Gesellschaft ist es schon angekommen.

      Es weitet den Blick auf Menschen, die sich diesem Druck widersetzt haben, aber auch gerade auf die, die es nicht geschafft haben, das zu verarbeiten, die gescheitert sind und am Ende irgendwo landen, in der Arbeitslosigkeit, in Drogen, in der Psychiatrie oder einfach in den Selbstmord getrieben.

      Es ist der Blick auf den Menschen, wozu uns dieses Buch aufruft, niemals zu urteilen, sondern immer zu hinterfragen, was hat Menschen dazu gebracht, zum Aussenseiter zu werden oder dahin, wo sie wegen ihrer nicht vorhandenen Resilizenz geworfen wurden.
      Mich hat dieses Buch sehr berührt, weil ich im Laufe meiens Lebens Menschen gesehen haben, die in solche Not gerieten und wie sie dann von der Gesellschaft verworfen und abgeschnitten wurden.
      Meine Frage an Menschen, die ein Buch gelesen haben, ist immer: Welche Botschaft hat das Gelesene für euch?

      Diese Botschaft ist ganz einfach:

      Werden wir menschlicher, werden wir ein Mensch, der andere nicht abschätzend betrachtet, sondern uns für sie interessieren und sie halten, da wo sie sind und wo sie uns begegnen.

      Milena Michiko Flasar
      Ich nannte ihn Krawatte
      Wagenbach Verlag
      ISBN: 978-83803128294
      12.00 Euro
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    • Strandgut - Benjamin Myers -

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      Strandgut von Benjamin Myers möchte ich heute vorstellen und eine Leseempfehlung geben für alle, die sich für Soulmusik interessieren, denn da ist man bei diesem Buch gut aufgehoben.

      Meyers ist nicht nur britischer Schrifsteller, sondern auch Journalist. Seine Erstlingswerke beziehen sich hauptsächlich auf Musikerbiografien, wie z.B. Muse und Green Day. In seinen Büchern begegnen wir einem Autor, der sich ausreichend mit Natur, Landschaft und den Unwägbarkeiten des Lebens seiner Menschen, über die er schreibt, beschäftigt und ein guter Beobachter all dessen ist. Sein Durchbruch als Schriftsteller hatte er mit dem lange auf Bestsellerlisten stehenden Buch - offene See - für das er viele Preise einheimste.

      Bucky, um den es in diesem Buch geht, läßt den Leser einfach nicht los. Selten bin ich beim lesen eines Buches so gefangen genommen von einem Protagonisten. Selbst, wenn ich das Buch beiseite gelegt habe und meinen Tätigkeiten nachgegangen bin, erschien es mir so, als ginge er neben mir her und erzählte mir von seinem Leben. Fast wie ein Freund, den ich schon lange kenne.

      Bucky ist 70 Jahre alt, lebt in Chicago und leidet. Zum einen unter seinen fürchterlichen Schmerzen, die ihm sein Rücken bereitet und denen er sich nur entziehen kann durch starke Opiate. Und dann hat er seine über alles geliebte Frau verloren. Sein Leben nach ihrem Tod ist zum Stillstand gekommen. Das Leben hat für ihn seinen Sinn verloren. Er denkt nur noch daran, dass sein Leben hoffentlich bald zu Ende geht. Er ist ein Schiffbrüchiger geworden.

      Aber dann geschieht das völlig Unerwartete für ihn. Er bekommt eine Einladung nach Scarbourough, einer kleinen Küstenstadt im Norden England. Dort soll ein Soulfestival stattfinden. Und er soll dort auftreten.

      Und ja, Bucky ist bzw. war ein Soulmusiker in seinen jungen Jahren. Er kann es kaum fassen, als er hört, dass er in Großbritanien sozusagen eine Kultfigur in der Soul-Musikszene ist, wo er doch in Amerika völlig in Vergessenheit geraten ist. Mit gerade mal zwei Hits ist er bekannt geworden. Es hätte mehr werden können aus ihm. Aber die Musikindustrie hat ihn abgezockt, wie so viele junge Musiker.

      Und dann kam da noch das Erlebnis auf einer Reise mit seinem Bruder zu einem Konzert von dem großen James Brown hinzu. Denn diese Reise endete traumatisch für sie beide.
      Sein Traum, ein großer Musiker zu werden und der Traum seines Bruders, ein guter Anwalt zu werden, scheiterte an diesem Wochenende.

      Er macht sich also nach langem Hin- und her auf, um diese Reise anzutreten und die Einladung anzunehmen. Immerhin wird die Reise bezahlt, nebst allem, was dazu gehört.

      In England angekommen, wird er von Dinah, die das Festival mitorganisiert, am Flughafen abgeholt. Von diesem Moment an, ist Dinah wie eine Hoffnungsträgerin für ihn, ein Engel an seiner Seite.
      Und einen Engel kann er beim Aufenthalt und bevorstehendem Auftritt auf diesem Festival wahrlich gebrauchen. Denn die kurze Zeit vor seinem großen Auftritt ist nicht einfach. Zum einen hat er seine Opiate im Flugzeug vergessen, so dass er nicht nur unter Schmerzen, sondern auch unter dem Entzug leidet. Zum anderen bricht in dieser wilden Natur von Scarbourough, dass von der wilden See umspült wird, sein ganzes Leben auf.

      Mit Dinah, obwohl ein Altersunterschied von 20 Jahren besteht, verbindet ihn sofort eine innige Freundschaft, so, als würden sie sich schon immer kennen. Das Leben beider schweißt sie zusammen. Denn auch Dinah hat ihr Päckchen zu tragen. Auch sie pendelt nur noch durch ihr Leben wie eine Schiffbrüchige. Eine gescheiterte Ehe, ein Alkoholiker ihr Mann, ein fast 25jähriger Sohn, der seinen Weg nicht gefunden hat und nur vor dem Flachbildschirm seines Computers hängt, kurz, schlicht ein desolater Zustand, dem sie sich nie getraut hat, zu entfliehen. Das einzige was sie am Leben hält ist ihre Liebe zur Soulmusik, wie von vielen der Menschen, die in Sacarbourough leben und die sich wie verrückt auf dieses einmal im Jahr anstehende Festival freuen. Nur, um für eine kurze zeit die Schwere des Lebens zu entgehen.

      So erzählt der Roman nicht nur über das Leben von Bucky Bronco, was war und was nun an diesem Wochenende mit ihm geschieht, sondern auch von Dinah, die durch die Begegnung mit Bucky ihr Leben endlich wieder in die Hand nimmt.

      Er erzählt aber auch von dem nicht existierenden Amerika, wo angeblich jeder seinen Traum verwirklichen kann, sondern wo Menschen niemals aus ihrem desaströsen Leben herausfinden, weil das System es ihnen nicht ermöglicht. Es macht die Abgründe der Musikindustrie sichtbar, die junge Musiker ausnutzen mit Knebelverträgen, aus denen sie nicht mehr herauskommen, so wie es Bucky auch geschehen ist.
      Und es weist daraufhin, dass Musik auch ein Lebenselixier sein kann und ist, dass uns in schweren Zeiten Halt und Hoffnung gibt, manchmal aber auch nur das Vergessen für einen Moment einens kurzen Songs. Und wir Menschen brauchen in diesen Zeiten kurze Momente zum Durchatmen.

      Am Ende des Buches dachte ich an die Aussage des spanischen Schriftstellers Jose Ortega de Gasset:"

      Das Leben ist seinem inneren Wesen nach ein ständiger Schiffbruch. Aber schiffbrüchig sein, heißt nicht ertrinken. Der arme Sterbliche, über dem die Wellen zusammenschlagen, rudert mit den Armen, um sich oben zu halten. Diese Reaktion auf die Gefahr seines eigenen Untergangs, diese Bewegung der Arme ist die Kultur - eine Schwimmbewegung. Solange die Kultur nichts ist als dies, erfüllt sie ihren Sinn!"

      Es bleibt also imemr die Hoffnung, die Abgründe, die sich im Leben zeigen, zu überwinden.

      Bucky Bronco findet diese Hoffnung an einem Ort, von dem er nichts gewußt hat. Einem Ort am Meer.

      Hoffnung ist ein Ort, der am Meer liegt.

      Viel Vergnügen!
      Standgut
      Benjamin Myers
      Dumonat Verlag
      ISBN: 978-3-7558-0037-8
      14,00 Euro
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    • Die Unschärfe der Welt - Iris Wolff -

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      Das Buch von Iris Wolff - Die Unschärfe der Welt - möchte ich gern ans Herz legen. Es ist schon etwas älter, jedoch bin ich erst jetzt dazu gekommen, es aus meinem Regal ungelesener Bücher herauszuholen.
      Es ist ein feinfühliges, ruhiges Buch mit großer poetischer Kraft und einer Sprache, die den Leser wie schwebend daherkommend anrührt.

      Die Welt und das Leben der Menschen in dieser, die Iris Wolff in ihrem Buch über den Ort, an dem das Buch beginnt, dem Banat und Siebenbürgen, einer Region in Südosteuropa, das heute in Rumänien, Serbien und Ungarn liegt, beschreibt sie so leise und mit starken Bildern, dass sich gefühlsmässig in diese Landschaft hineinversetzt werden kann. Ein Ort zum Träumen, wenn da nicht die politischen Umstände wären, in denen die Menschen dort leben.

      Es sind sieben Menschen, von denen wir erfahren, einerseits Familie, zum anderen Wahlverwandschaften, die jedoch alle miteinander zu tun haben. Mit allen diesen Personen wandern wir durch eine Zeit des 20.ten Jahrhundert, eine Zeit zwischen der Herrschaft des rumänischen Königs Michael und dem Sturz des Ceausescu-Regimes. Es schildert in Momentaufaufnahmen das Leben dieser Menschen, erzählt aus verschiedenen Perspektiven.

      Es beginnt mit Hannes, dem Pfarrer der Gemeinde, in der sie leben und Florentine, die ihr erstes Kind erwartet und aufgrund gesundheitlicher Probleme in ihrer Schwangerschaft allein mit einer Kutsche in die nahegelegene Stadt reisen muss, um sich untersuchen zu lassen. Sie will das Kind auf jeden Fall behalten, was schließlich auch gelingt.

      Samuel wird er heißen. Ein stilles, ruhiges Kind, dass er auch als Erwachsener bleiben wird, der erst mit fast drei Jahren das Sprechen erlernt. Er wird ein Zuhörer und geliebter Gesprächspartner.

      Sie führen ein ruhiges, beschauliches Leben, dass aber auch unter dem Regime leiden muss. Der Vater, Hannes, wird festgenommen. Man vermutet Untreue dem Staat gegenüber. Aber er wird entlassen und steht fortan unter Beobachtung.
      Der introvertierte Samuel wird erwachsen, er lernt die Liebe kennen zu Stana, der Tochter der Nachbarn, mit der er schon zu Kinderzeiten befreundet war. Samuel ist der rote Faden, der sich durch die Lebensgeschichten aller Protagonisten zieht.
      Samuel wird flüchten. Er wird Stana zurücklassen müssen, aber sie nie vergessen. Mit seinem Freund OZ, der sich von der Diktatur wie vor einem fürchterlichen Drachen als Symbol der Bedrohung fürchtet. Samuel hilft ihm die Flucht zu organisieren. Mit einem Kleinflugzeug gelingt ihnen eines Tages in den Westen zu gelangen. Sie haben ein Abenteuer bestanden, es ist ihnen geglückt.

      Samuel sucht im Westen seinen Weg, übt viele Berufe aus, zu einer Ausbildung hat er es nicht gebracht, das Leben war einfach zu vielschichtig. Dort im Westen, in einem kleinen Ort an der See begegnet er dem Buchhändler Bene. Bene war vor vielen jahren, als Samuel noch klein war, mit einem Freund schon mal auf der Durchreise in seinem Dorf und hatte bei der Familie von Samuels Eltern Herberge gefunden.

      Bene ist leidenschaftlicher Buchhändler. Er liest, was er zischen die Finger bekommen kann. Niemals verleiht er ein Buch. Bücher gehören für ihn zum eigenen Leben, die man nicht herausgibt, weil sie das eigene Leben prägen. Er leiht daher auch niemals Bücher, denn geliehene Bücher zu lesen, sei wie Sex mit Klamotten. Bei diesem Satz musste ich schmunzeln.

      Wir erfahren vom Leben seiner Großeltern, seine Großmutter hatte noch König Michael kennenlernen dürfen, ein Erlebnis, dass sie nie vergessen wird. Und wir erfahren von Liv, Samuels Tochter, die er, wieder nach Hause zurückgekehrt, mit Stana hat heiraten wird. Seine große Liebe hatte ein Kind geboren, von dem Samuel erst erfuhr, als er wieder daheim war. Man wollte es ihm nicht sagen, weil befürchtet wurde, dass er das Wagnis der Flucht dann nicht eingehen wird. Samuel wird später mit seiner Familie in den Westen gehen, nach Baden-Württemberg, wo er sich niederläßt.

      Zurückgekehrt in den Banat denkt sein Freun Bene, der ihn begleitet hat, alles sieht so aus wie immer nach dem Sturz des Diktators. Aber es war nicht wie immer.

      Es sind auch die Sätze, die einen berühren, die wir in diesem Buch begegnen, es sind nicht nur die Geschichten und das Leben der Figuren. Sätze wie:

      "Die größe Einsamkeit war die des Vergessen "

      oder

      "Für Anfänge muss man sich entscheiden, Enden kamen von allein, wenn man sich nicht entschieden hatte. "

      So erzählt dieser Roman von Verlust und Neuanfang, von Freundschaft und Zusammenhalt der Familie über alle Grenzen hinweg. Familie ist der Halt, den wir haben, wenn die Umstände um einen herum bedrohlich, schmerzhaft und angsterfüllt sind. Und er führt uns durch ein großes Stück Zeitgeschichte, des Sturzes des Ceausescu-Regimes und den Neuanfang in Orten und Gegenden die einem nicht vertraut sind und ein Stück Sehnsucht nach der alten Heimat immer bestehen bleiben wird.

      Denn es gab sie, die Sehnsucht nach etwas, das verloren war, Sehnsucht nach etwas, das sich nicht erfüllt hatte, Sehnsucht danach, etwas zu finden, und manchmal auch danach, etwas zu verlieren!

      Viel Vergnügen beim Lesen dieses wunderschönen Romans mit dem Iris Wolff auch ihre eigenen Erinnerungen verbindet, denn sie ist dort, im Banat geboren und erst 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandeert, wo sie später Deutsche Sprache und Literatur, Religionswissenschaft und und Grafik und Malerei studierte.

      Die Unschärfe der Welt
      Iris Wolff
      ISBN: 978-3-608-98326-5
      20,00 Euro
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