Adventskalender 2018

    • 1.Türchen
      Es war einmal ein kleines Eselchen,
      das lebte auf einem Bauernhof mitten auf dem Lande zusammen mit einer Kuh, einem Schaf, einem Hahn und einem Schwein in einem gemütlichen Stall.
      Jedes Jahr um die gleiche Zeit, stellte Eselchen fest, dass die Bauernleute geschäftig hin und her liefen. Der Hof wurde sauber gemacht, die Fenster festlich geschmückt, der Bauer holte einen Tannenbaum aus dem Wald.
      Für die Gans Frieda war es auch jedes Mal ein Stress. Sie wurde zuerst gejagt, dann auf einen Holzpfosten gesetzt. Dann kamen die Bauernkinder und heulten und dann brachte der Bauer Frieda wieder zurück in ihren Stall. Das geschah jedes mal so, schon seit vielen, vielen Wintern. An einem ganz bestimmten Abend kamen dann viele Freunde, Verwandte und andere Gäste und brachten lustig verpackte Päckchen mit.
      Als Eselchen feststellte, dass es wohl mal wieder soweit war und dieses geschäftige Treiben auf dem Hof wieder einsetzte, sagte es zu seinen Freunden im Stall: "Ich würde auch so gerne einmal so viele Freunde haben und so viele Geschenke bekommen - und vor allem einen riesengroßen Sack Mohrrüben."
      Die Freunde, die Eselchen sehr mochten, weil es eigentlich die härteste Arbeit am Hof verrichten musste - nämlich die schweren Karren mit dem Futter in den Stall zu fahren - berieten sich, als Eselchen einmal unterwegs war und beschlossen, ihm in diesem Jahr eine große Freude zu machen. Jeder überlegte, was er Eselchen schenken könnte und stob dann davon, um es zu besorgen.
      Es war wieder einmal Abend, die Lichter im Bauernhaus wirkten vom Schnee auf dem Hof noch heller. Viele Gäste kamen, und brachten, wie in jedem Jahr viele schöne Sachen mit. Seufzend stand Eselchen an der Stalltüre und sah dem lustigen und bunten Treiben zu.
      Ein Tränchen kullerte über das struppige Fell und gefror gleich, als es in den Schnee fiel.
      Plötzlich hörte es, wie im Stall heftig gescharrt und gewispert wurde und als es sich umdrehte, standen seine Freunde alle um einen großen Berg Geschenke herum und strahlten. "Die sind alle für Dich, Eselchen. Weil Du uns das ganze Jahr über immer unser Futter in den Stall bringst und so lieb zu uns bist."
      Eselchen war überwältigt. "Alles für mich?" fragte es und fing schon an, die Geschenke auszupacken. Da gab es einen Kamm vom Schwein, einen Schlitten vom Schaf, eine Dose mit Linsen von der Kuh und einen Sack Morrüben vom Hahn. Sie hatten alles auf dem Hof gefunden und für Eselchen schön verpackt in Säcken mit Schleifchen versehen.
      Eselchen freute sich riesig und konnte gar nicht genug "Danke" sagen.
      Danach saßen Sie alle beisammen und hörten dem Gesang aus dem Bauernhaus zu.
      Dabei dachte Eselchen so für sich: "Was soll ich mit einem Kamm, ein Eselchen kämmt sich doch nicht. Und was soll ich mit einem Schlitten, ich kann doch gar nicht Schlitten fahren. Was mache ich mit der Dose Linsen, schmecken würde es mir vielleicht schon, doch wie soll ich die Dose aufbekommen. Und wenn ich so die ganzen Morrüben auf einmal esse, wird mir schlecht.
      Etwas nachdenklich und auch ein bisschen traurig ging Eselchen schlafen.
      Mitten in der Nacht kam die Gans Frieda in den Stall und legte sich neben Eselchen zum schlafen. "Du, Frieda, ich habe heute viele Geschenke bekommen, aber irgendwie so richtig froh und glücklich bin ich trotzdem nicht. Was kann das bloss sein?"
      Frieda, die sehr klug und erfahren war sagte daraufhin: "Eselchen, Du hast dich blenden lassen und dabei das allerwichtigste am Weihnachtsfest vergessen".
      "Was denn?" fragte Eselchen. "Dass Du gute Freunde hast, die Dich lieben und die alles für Dich tun würden. Und Liebe, Liebe, Eselchen, das ist der Sinn des Weihnachtsfestes!" erwiderte Frieda.
      Von Anja Wörner
      Nicht ausserhalb, nur in sich selbst soll man den Frieden suchen. Wer die innere Stille gefunden hat, der greift nach nichts, und er verwirft auch nichts. Buddha
    • 2. Türchen

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      Der Welt schönster Klang ist der Harmoniegesang.
      Möge die Advents- und auch die Zeit, die danach kommt ebenso so friedlich und harmonisch verlaufen wie in diesem schönen Gesang von John Farnham, Beeb Birtles und Graeham Goble.

      Nirgendwo können sich Menschen noch besser ergänzen als in mehrstimmigen Gesängen.


      Alle 3 Musiker sind Gründungsmitglieder der Little River Band aus Australien.

      Falls Euch dieses Video gefällt, könnt Ihr auf der Musikvideoseite auch noch mein Lieblingslied dieser tollen Band hören...
    • 3. Türchen

      Der Christbaumständer

      Beim Aufräumen des Dachbodens - ein paar Wochen vor Weihnachten -entdeckte ein Familienvater in einer Ecke einen ganz verstaubten, uralten Weihnachtsbaumständer. Es war ein besonderer Ständer mit einem Drehmechanismus und einer eingebauten Spielwalze. Beim vorsichtigen Drehen konnte man das Lied „O du fröhliche“ erkennen. Das musste der Christbaumständer sein, von dem Großmutter immer erzählte, wenn die Weihnachtszeit herankam. Das Ding sah zwar fürchterlich aus, doch da kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Wie würde sich Großmutter freuen, wenn sie am Heiligabend vor dem Baum säße und dieser sich auf einmal wie in uralter Zeit zu drehen begänne und dazu „O du fröhliche“ spielte. Nicht nur Großmutter, die ganze Familie würde staunen.
      Es gelang ihm, mit dem antiken Stück ungesehen in seinen Bastelraum zu verschwinden. Gut gereinigt, eine neue Feder, dann müsste der Mechanismus wieder funktionieren, überlegte er. Abends zog er sich jetzt geheimnisvoll in seinen Hobbyraum zurück, verriegelte die Tür und werkelte. Auf neugierige Fragen antwortete er immer nur „Weihnachtsüberraschung“. Kurz vor Weihnachten hatte er es geschafft. Wie neu sah der Ständer aus, nachdem er auch noch einen Anstrich erhalten hatte.
      Jetzt aber gleich los und einen prächtigen Christbaum besorgen, dachte er. Mindestens zwei Meter sollte der messen. Mit einem wirklich schön gewachsenen Exemplar verschwand Vater dann in seinem Hobbyraum, wo er auch gleich einen Probelauf startete. Es funktionierte alles bestens. Würde Großmutter Augen machen!
      Endlich war Heiligabend. „Den Baum schmücke ich alleine“, tönte Vater. So aufgeregt war er lange nicht mehr. Echte Kerzen hatte er besorgt, alles sollte stimmen. „Die werden Augen machen“, sagte er bei jeder Kugel, die er in den Baum hing. Vater hatte wirklich an alles gedacht. Der Stern von Bethlehem saß oben auf der Spitze, bunte Kugeln, Naschwerk und Wunderkerzen waren untergebracht, Engelhaar und Lametta dekorativ aufgehängt. Die Feier konnte beginnen.
      Vater schleppte für Großmutter den großen Ohrensessel herbei. Feierlich wurde sie geholt und zu ihrem Ehrenplatz geleitet. Die Stühle hatte er in einem Halbkreis um den Tannenbaum gruppiert. Die Eltern setzten sich rechts und links von Großmutter, die Kinder nahmen außen Platz. Jetzt kam Vaters großer Auftritt. Bedächtig zündete er Kerze für Kerze an, dann noch die Wunderkerzen. „Und jetzt kommt die große Überraschung“, verkündete er, löste die Sperre am Ständer und nahm ganz schnell seinen Platz ein.
      Langsam drehte sich der Weihnachtsbaum, hell spielte die Musikwalze „O du fröhliche“. War das eine Freude! Die Kinder klatschten vergnügt in die Hände. Oma hatte Tränen der Rührung in den Augen. Immer wieder sagte sie: „Wenn Großvater das noch erleben könnte, dass ich das noch erleben darf.“ Mutter war stumm vor Staunen.
      Eine ganze Weile schaute die Familie beglückt und stumm auf den sich im Festgewand drehenden Weihnachtsbaum, als ein schnarrendes Geräusch sie jäh aus ihrer Versunkenheit riss. Ein Zittern durchlief den Baum, die bunten Kugeln klirrten wie Glöckchen. Der Baum fing an, sich wie verrückt zu drehen. Die Musikwalze hämmerte los. Es hörte sich an, als wollte „O du fröhliche“ sich selbst überholen. Mutter rief mit überschnappender Stimme: „So tu doch etwas!“ Vater saß wie versteinert, was den Baum nicht davon abhielt, seine Geschwindigkeit zu steigern. Er drehte sich so rasant, dass die Flammen hinter ihren Kerzen herwehten. Großmutter bekreuzigte sich und betete. Dann murmelte sie: „Wenn das Großvater noch erlebt hätte.“
      Als Erstes löste sich der Stern von Bethlehem, sauste wie ein Komet durch das Zimmer, klatschte gegen den Türrahmen und fiel dann auf Felix, den Dackel, der dort ein Nickerchen hielt. Der arme Hund flitzte wie von der Tarantel gestochen aus dem Zimmer in die Küche, wo man von ihm nur noch die Nase und ein Auge um die Ecke schielen sah. Lametta und Engelhaar hatten sich erhoben und schwebten wie ein Kettenkarussell am Weihnachtsbaum. Vater gab das Kommando „Alles in Deckung!“ Ein Rauschgoldengel trudelte losgelöst durchs Zimmer, nicht wissend, was er mit seiner plötzlichen Freiheit anfangen sollte. Weihnachtskugeln, gefüllter Schokoladenschmuck und andere Anhängsel sausten wie Geschosse durch das Zimmer und platzten beim Aufschlagen auseinander.
      Die Kinder hatten hinter Großmutters Sessel Schutz gefunden. Vater und Mutter lagen flach auf dem Bauch, den Kopf mit den Armen schützend. Mutter jammerte in den Teppich hinein: „Alles umsonst, die viele Arbeit, alles umsonst!“ Vater war das alles sehr peinlich. Oma saß immer noch auf ihrem Logenplatz, wie erstarrt, von oben bis unten mit Engelhaar und Lametta geschmückt. Ihr kam Großvater in den Sinn, als dieser 14-18 in den Ardennen in feindlichem Artilleriefeuer gelegen hatte. Genau so musste es gewesen sein. Als gefüllter Schokoladenbaumschmuck an ihrem Kopf explodierte, registrierte sie trocken „Kirschwasser“ und murmelte: „Wenn Großvater das noch erlebt hätte!“ Zu allem jaulte die Musikwalze im Schlupfakkord „O du fröhliche“, bis mit einem ächzenden Ton der Ständer seinen Geist aufgab.
      Durch den plötzlichen Stopp neigte sich der Christbaum in Zeitlupe, fiel aufs kalte Buffet, die letzten Nadeln von sich gebend. Totenstille! Großmutter, geschmückt wie nach einer New Yorker Konfettiparade, erhob sich schweigend. Kopfschüttelnd begab sie sich, eine Lamettagirlande wie eine Schleppe tragend, auf ihr Zimmer. In der Tür stehend sagte sie: „Wie gut, dass Großvater das nicht erlebt hat!“
      Mutter, völlig aufgelöst zu Vater: „Wenn ich mir diese Bescherung ansehe, dann ist deine große Überraschung wirklich gelungen.“ Andreas meinte: „Du, Papi, das war echt stark! Machen wir das jetzt Weihnachten immer so?“
      Chemie ist wie kochen, man sollte nur 3x überlegen den Löffel abzulecken!
    • 4. Türchen

      Der glückliche kleine Vogel

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      Der glückliche kleine Vogel Zizibä saß in einem kahlen Fliederbusch und fror. Zizibä war ein kleiner Vogel. Er hatte sein Federkleid dick aufgeplustert, weil's dann ein wenig wärmer war.

      Da saß er wie ein dicker runder Ball, und keiner ahnte, wie dünn sein Körper drunter aussah. Zizibä hatte die Augen zu. Er mochte schon gar nicht mehr hinsehen, wie die Schneeflocken endlos vom Himmel herunterfielen und alles zudeckten. Alle Futterplätze waren zugeschneit. Ach, und Hunger tat so weh. Zwei Freunde von Zizibä waren schon gestorben.

      Stellt euch mal vor, ihr müsstet in einem kahlen Strauch sitzen, ganz allein im Schnee, und hättet nichts zu essen. Kein Frühstück, kein Mittagessen - und abends müsstet ihr hungrig einschlafen, ganz allein draußen im leeren Fliederbusch, wo's dunkel ist und kalt. Das wäre doch schlimm. Zizibä musste das alles erleiden. Er saß da und rührte sich nicht. Nur manchmal schüttelte er den Schnee aus den Federn. Wieder ging ein hungriger Tag zu Ende.

      Zizibä wollte einschlafen. Er hörte plötzlich ein liebliches Geklingel. Dann wurde es hell und warm, und Zizibä dachte: Oh, das ist gewiß der Frühling. Aber es war der Weihnachtsengel. Er kam daher mit einem Schlitten voller Weihnachtspakete.

      Er sang vergnügt. "Morgen, Kinder, wird's was geben…" und leuchtete mit seinem Laternchen den Weg. Da entdeckte er auch unseren Zizibä. "Guten Abend", sagte der Engel, "warum bist du so traurig?" - "Ich hab' so Hunger", piepste Zizibä und machte vor Kummer wieder die Augen zu. - "Du armer Kleiner", sagte der Engel, "ich habe auch nichts zu essen dabei. Woher kriegen wir nur was für dich?" Aber das war's ja, was Zizibä auch nicht wusste. Doch dann hatte der Engel eine himmlische Idee. "Warte", sagte er, "ich werde dir helfen. Bis morgen ist alles gut. Schlaf nur ganz ruhig."
      Aber Zizibä war schon eingeschlafen und merkte gar nicht, wie der Engel weiterzog und im nächsten Haus verschwand. Im nächsten Haus wohnte Franzel. Das war ein netter, kleiner Bub. Jetzt lag er im Bett und schlief und träumte von Weihnachten. Der Engel schwebte leise herzu, wie eben Engel schweben, und beugte sich über ihn. Leise, leise flüsterte er ihm etwas ins Ohr, und was Engel sprechen, das geht gleich ins Herz. Der Franzel verstand auch sofort, um was sich's handelt, obwohl er fest schlief.

      Als er am nächsten Morgen wach wurde, rieb er sich die Augen und guckte zum Fenster hinaus. "Ei, so viel Schnee", rief er, sprang aus dem Bett, riß das Fenster auf und fuhr mit beiden Händen in den Schnee. Dann machte er einen Schneeball und warf ihn aus Übermut hoch in die Luft. Plötzlich hielt er inne. Wie war das doch heute Nacht? Hatte er nicht irgend etwas versprochen? Richtig, da fiel's ihm ein. Er sollte dem Zizibä Futter besorgen.

      Der Franzel fegte den Schnee vom Fensterbrett und rannte zur Mutter in die Küche. "Guten Morgen, ich will den Zizibä füttern, ich brauch' Kuchen und Wurst!" rief er. - "Das ist aber nett, daß du daran denkst", sagte die Mutter, "aber Kuchen und Wurst taugen nicht als Futter. Der Kuchen weicht auf, und die Wurst ist viel zu salzig. Da wird der arme Zizibä statt an Hunger an Bauchschmerzen sterben."

      Die Mutter ging und holte eine Tüte Sonnenblumenkerne. "Die sind viel besser", sagte sie. Der Franzel streute die Kerne auf's Fensterbrett und rief: "Guten Appetit, Zizibä!" Dann musste er sausen, um noch rechtzeitig zur Schule zu kommen.

      Als die Schule aus war, kam er auf dem Nachhauseweg beim Samenhändler Korn vorbei. Der Franzel ging in den Laden und sagte: "Ich hätte gern Futter für die Vögel im Garten." Er legte sein ganzes Taschengeld auf den Tisch. Dafür bekam er eine große Tüte voll Samen und Meisenringe. Nun rannte er nach Hause zu seinem Fensterbrett. Aber - o weh - da war alles zugeschneit.

      Doch die Körner waren verschwunden. Die hatte Zizibä noch rechtzeitig entdeckt. Er hatte seine Vettern und Kusinen herbeigeholt, und sie hatten sich einen guten Tag gemacht, während der Franzel in der Schule war. Es darf nicht wieder alles zuschneien, dachte der Franzel, und als sein Vater am Nachmittag heimkam, machten sie sich gleich daran und zimmerten ein wunderschönes Futterhaus. Das hängten sie vor dem Fenster auf.

      Am nächsten Tag sprach sich´s bei der ganzen Vogelgesellschaft herum, daß es beim Franzel etwas Gutes zu essen gab. Das war eine große Freude, denn kein Vogel brauchte mehr vor Hunger zu sterben, und abends, wenn der Engel vorbeikam, sah er nur satte und zufriedene Vögel friedlich schlummern.


      Dafür legte er dem Franzel noch ein Extra-Geschenk unter den Weihnachtsbaum, und es wurde ein wunderschönes Fest. :saint:

      Verwechsel meinen Charakter nicht mit meinem Verhalten,
      Mein Charakter bin ich und mein Verhalten hängt von dir ab!

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    • Tür5 : Schatten der Vergangenheit ??



      Die Zeit vor Weihnachten ist die Zeit der schönen Geschichten vorm Kamin inmitten der

      Familie mit Glühwein und selbstgebackenen Plätzchen.

      Schlichtweg eine Zeit der Vorfreude und des Gefühls der Geborgenheit.

      Aber da gibt es auch die andere Seite – die dunkle und unheimliche.

      Von einer solchen will ich heute berichten.

      Sie hat sich Ende der 90er Jahre so zugetragen,

      wie ich es erzähle, denn ich habe sie persönlich erlebt.

      ***********************************************************************

      Es war in den späten 1990er Jahren. An jenem Dezemberabend verspürte wohl selbst der

      Mond ein Schaudern und erschien erst gar nicht. Wären da nicht die bunten Lichterketten

      über den Strassen und die erleuchteten Fenster gewesen, man hätte die Hand nicht

      vor den Augen gesehen. Etwas geheimnisvolles, unheimliches lag in der Luft.

      Seit 1993 war ich Mitglied einer Menschenrechtsorganisation in der Stadt.

      Ich gehörte zu einer von 2 Gruppen, die im 14-tägigen Turnus den Bürodienst

      ehrenamtlich besetzten, der von 18 – 20 hstattfand. Unser Büro befand sich im

      4. Stock eines Eckhaues, in dem tagsüber diverse Firmen ihre Arbeit verrichteten.

      Ab 18 h war es aber für gewöhnlich leer.

      Wie erwähnt, an diesem Abend war es mondlos und gespenstig dunkel.

      Seit kurzer Zeit hatten wir dieses Domizil für unser neues Büro ausgewählt.

      Dazu gehörte auch ein großer Keller, in dem beide Gruppen ihr Material verstauten.

      Mir war es dort schon immer etwas beklemmend zumute, und ich fühlte mich wie

      von unsichtbaren Augen beobachtet. Das mag sicher an den Plakaten gelegen haben,

      welche sich da unten befanden, aber ich sorgte immer dafür, dass die schwere Eisentür

      nicht hinter mir zufiel, indem ich stets einen alten Besen dazwischen stellte.

      Am besagten Abend befand ich mich alleine im Büro. Normalerweise waren wir

      zu zweit, aber eine Kollegin hatte kurzfristig absagen müssen.

      Als ich ankam, war das Gebäude leer und im Treppenhaus war es ohne Licht

      stockdunkel. Der Abend verlief zunächst normal . Post , AB, Telefon, Schriftkram etc.

      Gegen 19 h schaute wie immer der Hausmeister ( man sagte ihm nach, er

      besitze seinen Kopf nur deshalb, damit es nicht in seinen Hals regnet ) kurz rein

      und fragte wie immer: „Soll ich unten abschließen oder offen lassen?“

      Wie immer bekam er zur Antwort:

      „Bitte offen lassen, bis 20 h können noch Besucher kommen.“Und wie immer

      ging er nach unten und schloß ab – wie immer!

      Der Rest des Abends verlief ruhig und kurz vor 20 h beschloss ich, dem Heimweg anzutreten.

      Ich betätigte den Lichtschalter im Gang und schloss das Büro ab. Das Licht ging immer

      nach einiger Zeit von alleine aus, aber es reichte locker, die 4 Stockwerke zu überwinden.

      Kaum trat ich in den Gang, da schrillte das Telefon im Büro und ich lief ins Büro zurück.

      Jedoch war keiner mehr dran, der AB war auch leer und so setzte ich meinen Heimweg

      fort.

      Zwischen der 3. und 2. Etage kam mir plötzlich der Gedanke, ich hätte besser oben

      gewartet, bis das Licht ausgeht, um es wieder einzuschalten. Da hörte ich auch

      schon ein „Klick“ und ich stand im Dunkeln. Nach dem ersten Schreck war ich noch

      leicht amüsiert über meine „Blödheit“ und dachte . OK – langsam in den 2. Stock tasten

      und dort das Licht wieder anschalten.

      Als ich einen Fuß hob, knarrten die Treppen über und unter mir so furchtbar, dass ich wie

      gelähmt stehen blieb. Nach einem kurzen Schnaufer, stieg ich vorsichtig eine Stufe

      hinab – und da hörte ich es deutlich. Jemand kam mit schweren Schuhen von unten herauf.

      Ich dachte zuerst, meine Sinne spielten mir einen Streich und überlegte kurz, ein

      „Hallo ?!?“ abzusetzen. Aber eine innere Stimme warnte mich und ich gehorchte.

      Bald darauf war der Spuk vorbei und ich versuchte es erneut, und wieder knarrten

      die Stufen unheimlich. War das Einbildung ? Bei Licht hatte ich das nie so wahrgenommen.

      Und dann hörte ich es wieder. Schwere Schuhe auf dem Weg nach oben. Ich erstarrte

      und hielt die Luft an. Sekunden später war alles wieder ruhig. In mir brodelte es.

      Keine Panik, Nerven behalten! Dann beschloss ich, langsam bis 30 zu zählen und ohne

      Rücksicht auf Verluste die Stufen runter zu rennen bis zum Lichtschalter im 2. Stock.

      Ich zählte bis 30, hielt mich am Geländer und rannte los. Natürlich stolperte ich bei

      den letzten Stufen, taumelte in den Gang, klatsche mit Wucht auf den Lichtschalter

      und knallte mit dem rechten Schienbein derart heftig gegen einen Tisch, der vor dem

      Schalter stand, dass ich über den halben Korridor flog.

      Fazit : das Licht brannte wieder und mein Schienbein nahm Farben an.

      Schnell rappelte ich mich auf, humpelte die restlichen Stufen hinab zum Ausgang

      und schloss zitternd hinter mir ab. Dann lehnte ich mich erstmal gegen die Hauswand

      und atmete tief durch.

      Das Licht hinter der Glastüre erlosch und da kam auch schon mein Bus.

      Die Zeit verging, das Bein heilte und ich hatte den Vorfall schon fast vergessen.

      Dann begab es sich, dass wir einige Wochen später bei einem Mitglied eine Doku

      über ein Land ansahen. Es war ein gemütlicher Abend bei anschließendem Plausch mit

      Wein und Gebäck, bei dem auch 2 ältere Damen (Mitglieder) zugegen waren.

      Da bemerkte eine der Damen ganz nebenbei „Wisst ihr eigentlich, dass in dem Haus,

      in dem wir unser neues Büro haben, in den 40ern ein Gestapo-Hauptquartier mit

      Folterkellern war ?“

      Ich spürte, wie es mir urplötzlich eiskalt den Rücken runterlief.

      *****************************************************************************

      Ich glaube nicht an Geister oder Gespenster.

      Sie gehören in das Reich der Phantasie.

      Aber ich habe bis heute keine rationale Erklärung für das Phänomen,

      welches mich an jenem unseligen Abend heimgesucht hat.

      Das einzige, was mir dazu einfällt………





      In diesem Sinne

      Ein beschauliches Fest

      und einen guten Rutsch

      -Z-
    • Tür 6‿◕)ツ Nikolaus

      Es war einmal eine kleine Frau, die einen staubigen Feldweg entlang lief.
      Sie war offenbar schon sehr alt, doch ihr Gang war leicht
      und ihr Lächeln hatte den frischen Glanz eines unbekümmerten Mädchens.
      Bei einer zusammengekauerten Gestalt, die am Wegesrand saß,
      blieb sie stehen und sah hinunter.
      Das Wesen, das da im Staub des Weges saß, schien fast körperlos.
      Es erinnerte an eine graue Decke mit menschlichen Konturen.
      Die kleine Frau beugte sich zu der Gestalt hinunter und fragte: "Wer bist du?"
      Zwei fast leblose Augen blickten müde auf. "Ich?
      Ich bin die Traurigkeit", flüsterte die Stimme stockend und so leise, dass sie kaum zu hören war.
      "Ach die Traurigkeit!" rief die kleine Frau erfreut aus, als würde sie eine alte Bekannte begrüssen.
      "Du kennst mich?" fragte die Traurigkeit misstrauisch.
      "Natürlich kenne ich dich! Immer wieder einmal, hast du mich ein Stück des Weges begleitet."
      "Ja aber...", argwöhnte die Traurigkeit, "warum flüchtest du dann nicht vor mir?
      Hast du denn keine Angst?"
      "Warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe?
      Du weißt doch selbst nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst.
      Aber, was ich dich fragen will: Warum siehst du so mutlos aus?"
      "Ich..., ich bin traurig", sagte die graue Gestalt.
      Die kleine, alte Frau setzte sich zu ihr.
      "Traurig bist du also", sagte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf.
      "Erzähl mir doch, was dich so bedrückt."
      Die Traurigkeit seufzte tief.
      "Ach, weißt du", begann sie zögernd und auch verwundert darüber,
      dass ihr tatsächlich jemand zuhören wollte, "es ist so, dass mich einfach niemand mag.
      Es ist nun mal meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen
      und für eine gewisse Zeit bei ihnen zu verweilen.
      Aber wenn ich zu ihnen komme, schrecken sie zurück.
      Sie fürchten sich vor mir und meiden mich wie die Pest."
      Die Traurigkeit schluckte schwer.
      "Sie haben Sätze erfunden, mit denen sie mich bannen wollen.
      Sie sagen: 'Papperlapapp, das Leben ist heiter.'
      und ihr falsches Lachen führt zu Magenkrämpfen und Atemnot.
      Sie sagen: 'Gelobt sei, was hart macht.' und dann bekommen sie Herzschmerzen.
      Sie sagen: 'Man muss sich nur zusammenreißen.'
      und sie spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
      Sie sagen: 'Nur Schwächlinge weinen.' und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
      Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht fühlen müssen."
      "Oh ja", bestätigte die alte Frau, "solche Menschen sind mir auch schon oft begegnet..."
      Die Traurigkeit sank noch ein wenig mehr in sich zusammen.
      "Und dabei will ich den Menschen doch nur helfen.
      Wenn ich ganz nah bei ihnen bin, können sie sich selbst begegnen.
      Ich helfe ihnen, ein Nest zu bauen, um ihre Wunden zu pflegen.
      Wer traurig ist, hat eine besonders dünne Haut.
      Manches Leid bricht wieder auf, wie eine schlecht verheilte Wunde und das tut sehr weh.
      Aber nur, wer die Trauer zulässt und all die ungeweinten Tränen weint,
      kann seine Wunden wirklich heilen.
      Doch die Menschen wollen gar nicht, dass ich ihnen dabei helfe.
      Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über ihre Narben.
      Oder sie legen sich einen dicken Panzer aus Bitterkeit zu."
      Die Traurigkeit schwieg. Ihr Weinen war erst schwach, dann stärker und schließlich ganz verzweifelt.
      Die kleine, alte Frau nahm die zusammengesunkene Gestalt tröstend in ihre Arme.
      Wie weich und sanft sie sich anfühlt, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.
      "Weine nur, Traurigkeit", flüsterte sie liebevoll, "ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst.
      Du sollst von nun an nicht mehr alleine wandern. Ich werde dich begleiten,
      damit die Mutlosigkeit nicht noch mehr Macht gewinnt."
      Die Traurigkeit hörte auf zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete erstaunt ihre neue Gefährtin:
      "Aber..., aber – wer bist du eigentlich?"
      "Ich?" sagte die kleine, alte Frau schmunzelnd.
      "Ich bin die Hoffnung." ©‿◕) Verf. Inge Wuthe
      ╔═.♥.══════╗
      ╚══════.♥.═╝
      Eine kleine musikalische Augenweide hat der Nikolaus noch mitgebracht.
      Sehr anmutig anzuschauen.
      Ballet trifft Break Dance

      Bleibe auf dem Teppich deiner Möglichkeiten und hoffe das er fliegen lernt.
    • 7. Türchen

      Der kleine Stern
      von Conny Cremer

      Dem kleinen Stern war langweilig.
      Erst drehte er sich um seine eigene Achse und dann machte er einen Purzelbaum.
      So hatte er einen anderen Blick und schaute jetzt in Richtung Erde.
      Zu seinen Nachbarsternen war es so weit, dass sie sich nur per Blinkzeichen mit einander verständigten, aber das war auf Dauer auch langweilig.
      So schaute der kleine Stern traurig zur Erde und fand, es sei doch ganz egal, ob er am Himmel stände oder nicht. Bei der Menge an Sternen würde sein Fehlen bestimmt nicht auffallen. Warum war er denn überhaupt da, wenn es keinem auffiele, wenn er weg wäre?
      Die Erde war anders, als die anderen Sterne. Sie war ein Planet und auf ihr soll es sogar Lebewesen geben. Das hatte er zumindest gehört. Es wäre doch bestimmt toll, wenn er sich das selbst ansehen könnte, würde ja nicht auffallen, wenn er vom Himmel verschwände.
      Aber wie sollte er zur Erde gelangen?
      Der kleine Stern überlegte und überlegte. Dann blinkte er nach rechts, links, oben und unten seine Kollegen an und bat um Hilfe für sein Problem.
      Alle anderen Sterne antworteten blinkend und rieten dem kleinen Stern ganz stark davon ab zu versuchen zur Erde zu kommen. Sie behaupteten, dass er dann verglühen und sterben würde. Und überhaupt würde er dann nicht mehr zurück können, da waren sich alle einig. Aber wie er überhaupt vom Himmel fallen sollte, dazu hatte keiner eine Idee.
      So probierte der kleine Stern einfach aus, was er sich selbst überlegt hatte, denn wenn keiner wusste, wie ein Stern vom Himmel fiel, dann wusste auch keiner, ob er wirklich verglühen und sterben würde.
      Also begann der kleine Stern immer schneller sich zu drehen und Purzelbäume zu schlagen. Und als ihm beinah schwindelig war, bemerkte er, dass er an seinem Platz zu wackeln begann. Aus dem Wackeln wurde ein Schwingen und auf einmal verlor er den Halt und stürzte purzelnd und drehend in Richtung Erde.

      Im selben Moment, als der kleine Stern begann vom Himmel zu fallen, schaute ein kleines Mädchen in den Sternenhimmel und begann entsetzt aufzuschreien. Sie liefe schnell aus ihrem Zimmer zu den Eltern, die in der Küche mit dem Abwasch beschäftigt waren.

      „Papa, Mama, schnell. Da ist gerade ein Stern vom Himmel gefallen. Den müssen wir suchen, denn der muss doch wieder nach oben.“
      Der Vater sah gutmütig zu seiner Tochter und meinte: „Liebes, das war nur eine Sternschnuppe, die über den Himmel gezogen ist. Da hättest du dir was wünschen können.“
      „Nein, nein, “ rief das Kind. „Es war keine Sternschnuppe. Es war ein Stern und der fehlt jetzt am Himmel.“ Sie lief zum Fenster und zeigt hinauf in den Himmel. „Schau Papa, da oben war der Stern und jetzt ist sein Platz leer. Bitte, wir müssen ihn suchen gehen.“
      Der Vater trat ans Fenster und irgendwie schien die Stelle, auf die seine Tochter deutete, tatsächlich seltsam leer zu wirken. Obwohl er nicht glaubte, das ein Stern vom Himmel gefallen war, wollte er seiner Tochter den Gefallen tun und mit ihr einen kurzen Spaziergang machen.
      So zogen sich Vater und Tochter dicke Stiefel, Jacke, Mütze und Handschuhe an, denn es war am Abend kalt geworden. Und als sie an der Türe raus gingen nahm der Vater noch seine Taschenlampe und steckte sie ein.

      Kaum auf der Straße rief die Kleine aufgeregt: „Schau da Papa, da leuchtet es im Wald. Da ist der Stern bestimmt hingefallen.“ Und tatsächlich sah man einen Feuerschein aus dem nahe gelegenen Wald leuchten. Also machten sich Vater und Tochter schnellen Schrittes Richtung Licht. Als sie am Waldrand ankamen schaltete der Vater seine Taschenlampe ein und beleuchtete den Weg, den die Beiden Richtung Lichtschein nahmen.

      Es viel auf, das der Schein, wie bei einem Feuer, zuckte und flackerte.

      Schnelle waren die Beiden durch Gestrüpp und Unterholz gedrungen und standen plötzlich an einer kleinen Mulde, die wundersames auftat.

      Sie sahen, wie ein kleines Häschen vorsichtig mit der Nase an das Licht stupste, was zuckend auf dem Boden lag und sich merkwürdig bewegte. Sie traten vorsichtig näher und da sahen sie ihn, den kleinen Stern, der verzweifelt versuchte sich auf eine oder zwei seiner Spitzen aufzurichten. Und dabei schien ihm das Häschen helfen zu wollen, zuckte aber immer schnell zurück sobald es den Stern berührte. Als das Häschen die beiden Menschen bemerkte, zog es sich schnell ein wenig ins Unterholz zurück, blieb aber dort sitzen.

      „Papa, wir müssen dem Stern helfen. Er kann alleine nicht mehr zurück und hier kann er doch nicht bleiben.“ Die Worte seiner Tochter brachten den völlig verwirrten Vater in die Wirklichkeit zurück, denn was er da sah, das konnte er nicht glauben. Da lag wirklich ein kleiner Stern, versuchte wieder auf zu kommen und ein Hase hatte helfen wollen.

      „Was soll ich denn machen?“ fragte der Vater laut, denn er hatte selbst keine Ahnung. Er schaute zum Himmel und jetzt sah er es genau. Da war ein Platz am Himmel, der war leer und die anderen Sterne standen viel weiter auseinander, als man es sonst so kannte. Ja, hier lag der gefallene Stern, der doch eigentlich an den Himmel gehörte. Dort leuchtete er und machte die Nacht heller. Dorthin sahen die Menschen und entließen ihre Träume in den Himmel.

      „Du musst ihn wieder nach oben werfen“, hörte er die Antwort seiner Tochter.
      „Aber so hoch kann ich doch gar nicht werfen“, erwiderte der Vater. „Aber versuchen musst du es. Schau, der Stern wird schon immer schwächer. Er bewegt sich weniger und sein Licht scheint nicht mehr so hell.“

      Seine Tochter hatte recht. Es war merklich dunkler geworden und um den Stern schmolz der Schnee.

      Beherzt ging der Vater auf den kleinen Stern zu und umfasste in vorsichtig mit seiner behandschuhten Hand. Er spürte sofort die Hitze, die der Stern immer noch ausstrahlte und wusste, warum das Häschen mit seiner zarten Nase, den Stern nicht hatte weiter berühren können.

      „Ich gebe mein Bestes, aber ich kann nur anfangen, den Rest des Weges musst du selber schaffen“, sagte er zum Stern und fing an, seinen Arm zu schwingen um möglichst viel Kraft in den Wurf legen zu können. Und als er genug Schwung hatte, öffnete er die heiß glühende Hand und warf den Stern kraftvoll in Richtung Himmel.

      Der kleine Stern hatte alles verstanden, was Vater und Tochter gesagt hatten. Und auch die Hilfe des Hasen hatte ihm ganz deutlich etwas gesagt: Ein Stern gehört an den Himmel und dort ist er wichtig und hat seine Aufgaben. Und egal, wie viele es gab, jeder einzelne Stern zählte. Das wusste er jetzt. Und als er mit Schwung in den Himmel geworfen wurde begann er sich zu drehen und wenden, um schneller zu werden. Er nahm allmählich Fahrt auf und gewann an Höhe. Und als es fasst mit dem Mond zusammen gestoßen wäre fühlte er einen Hauch, der ihn ganz unvermittelt an seinen verlassenen Platz katapultierte. Dort blieb er wackelnd und zitternd stehen und beruhigte sich ganz allmählich.

      Vater und Tochter schauten in den Himmel, dem Stern hinterher. Und auch das Häschen hatte seine Nase aus dem Dickicht gesteckt.

      Der Stern sah zu ihnen hinunter. Dann leuchtete er einmal besonders hell auf, wurde dunkel und blinkte dann kurz bevor er wieder normal im Licht erstrahlte.

      Ich wünsche allen noch eine schöne Adventszeit
      BobbyBerger
    • Türchen 8


      Romans Schicksalsbegegnung
      Seit Romans Frau ausgerechnet am 23.12.2012 gestorben war, hatte er der Weihnachtszeit abgeschworen. Er konnte es nicht ertragen, wenn Menschen fröhlich waren, sich liebten, küssten und voller Vorfreude Geschenke für die Familie besorgten. Und so geschah es, dass er sich regelmäßig im Dezember in eine einsame Waldhütte im Schwarzwald verzog und sich von aller Welt abschottete. Auf die Versuche seiner Kinder, ihn wieder in die Familie zu integrieren, reagierte er schroff, ja beinahe herzlos und verletzte damit immer wieder die Menschen, die ihm tief im Herzen am allermeisten bedeuteten.
      Auch in diesem Jahr war es wieder der erste Dezember, an dem Roman seine einsame Hütte bezog. Er hatte bereits eingekauft, mehr als Dosensuppen und haltbares Brot sollte es nicht geben. Ausgerüstet mit Feuerholz und einigen Büchern verschanzte sich der einsame, alte Mann in seinem Haus und ließ die Menschen, Menschen sein. Er bewegte sich für gewöhnlich nicht einmal hinaus, den gesamten Dezember verbrachte er in dem Haus und erst wenn das neue Jahr gekommen war, fuhr er zurück in seine Wohnung in der Stadt.
      Es war der 18. Dezember, ein kalter, schneereicher Tag, an dem er sich entschloss, völlig entgegen seiner Gewohnheiten einen Spaziergang zu machen. Er stapfte durch den Schnee, die eisige Luft wehte ihm um die Nase und fast schon bereute er seinen Entschluss, als er ein herzzerreißendes Schluchzen vernahm. Er sah irritiert um sich, beschloss dann aber das Geräusch zu ignorieren. Er stapfte weiter und erneut durchdrang das Geräusch die Stille des Waldes. „Wer ist da“, brummte er zornig über die Störung in seinen Bart, doch es kam keine Antwort. Je weiter er seinen Weg entlang ging, umso lauter wurde das Geräusch. Er bog gerade um die letzte Ecke, die zurück zu seiner Hütte führte, als er eine ältere, gramgebeugte Frau auf einem schneebedeckten Stein sitzen sah.
      „Was will die denn hier“, brummelte er für sich selbst, doch die Höflichkeit gebot es ihm, diese Worte nicht laut auszusprechen. Die schluchzende, schlanke Frau bemerkte Roman nicht, der sich zögerlich näherte. Erst als er direkt neben ihr stand, hob sie den Kopf und sah ihn aus tränenumschwirrten Augen an. „Entschuldigen Sie, brauchen Sie vielleicht Hilfe“? fragte Roman, der entgegen seiner Gewohnheiten so etwas wie Mitgefühl verspürte. Die großen, rehbraunen Augen der Frau wirkten so hilflos, dass er sich unwillkürlich an seine Frau erinnert fühlte. Renate, so hieß seine geliebte Frau, hatte ebenso dunkle, wie große Augen gehabt und ihr Blick hatte sein hartes Herz stets erwärmt.
      „Ach danke der Herr, aber ich schätze mir kann niemand mehr helfen“, schluchzte die Frau gebrochen und ehe er darüber nachdenken konnte, hatte sich Roman neben sie gesetzt und sah sie hilflos von der Seite an. „Na na na, so schlimm wird es schon nicht sein“, brummelte er und streichelte unbeholfen über ihre Schulter. Diese leichte Berührung reichte aus und erneut begann die Frau zu weinen. Doch diesmal sprudelten neben den Schluchzern auch Worte aus ihrem Mund. „Ich hasse sie, die Weihnachtszeit. Wann immer die Menschen glückseelig werden, verspüre ich nur Schmerz. Musste ich doch mein geliebtes Kinde zu Grabe tragen und bin seither eine einsame, alte Frau“.
      Roman zuckte erschrocken zusammen, als er verspürte, wie sehr das Schicksal auch hier zugeschlagen hatte. Noch nie hatte er einem Menschen von sich erzählt, doch diesmal brach er sein Gelübde und auch aus ihm sprudelten die Worte hervor. All seinen Kummer, all sein Leid klagte er der geduldigen Frau, die ihn aufmunternd ansah und der es sogar gelang, ihre eigenen Tränen zu trocknen. Bei Roman hingegen flossen sie reichlich, doch er störte sich nicht daran. Noch vier Stunden später saßen sie gemeinsam auf dem Stein und spürten nicht einmal, dass die Kälte um sie herum beinahe zu klirren fähig war.
      Erst als das Zähneklappern Karins, so hieß Romans Schicksalsbegegnung, nicht mehr zu überhören war, wurden beide auf den Umstand aufmerksam und wie von selbst ergriff Roman ihre Hand und führte sie den Weg entlang, zu seiner gar nicht mehr so einsamen Berghütte. Erst als sie längst am warmen Ofen saßen fiel ihm siedend heiß ein, dass er dieser Frau nun gar kein Essen servieren konnte, schließlich gab es in der Hütte nichts. Als er sein Malheur gestand, lachte Karin zum ersten Mal seit er sie kannte und dieses Lachen war so herzerfüllend, dass selbst eine Mahlzeit aus Dosensuppe für Roman plötzlich wie ein Festmahl erschien.
      Bis zum ersten Januar blieb sie bei ihm und die Dezembertage waren die schönsten, die er seit langem erlebt hatte. Karin ließ die Sonne endlich wieder in sein Herz und plötzlich erschien der grambeugte Mann gar nicht mehr so alt und gebrechlich. Täglich spazierten beide durch den schneebehangenen Schwarzwald, erzählten dies und das aus ihren Leben und gedachten den schmerzlichen Verlusten, die beide durchlitten hatten. Als sie am 24.12 gemeinsam auf der Bank saßen, auf der sie ihr erstes, langes Gespräch gehabt hatten, fiel eine Sternschnuppe vom Himmel. Ergriffen sahen Roman und Karin auf das Naturphänomen und als er ihre Hand ergriff, drückte sie sie kurz und beließ die ihre in seiner.
      Beide hatten einen sehnlichsten Wunsch, den sie der Schnuppe zugeflüstert hatten. Beide wussten nicht, dass der Wunsch identisch war und doch sollten die kommenden Jahre zeigen, dass er sich erfüllt hatte. Noch heute fährt Roman jedes Jahr in die Schwarzwaldhütte, um die Weihnachtszeit dort zu verbringen. Doch längst ist der Gram nicht mehr im Gepäck, sondern Karin, die Frau die ihm das Lachen zurückgebracht hat. Auch wenn Karin niemals ihre kleine Tochter vergessen wird und Roman seine Renate für immer im Herzen trägt, war es den beiden Menschen dank einer weihnachtlichen Begegnung möglich, endlich wieder die Liebe fürs Leben zu entdecken.
    • Türchen 9
      Wie man sein Herz öffnet – Eine Geschichte zum Nachdenken

      Diese wundervolle, berührende Geschichte über ein Herz, soll Dir Mut geben, Dich wieder zu öffnen,
      sollte die Tür Deines Herzens mal verschlossen sein.


      Es war einmal ein Herz….

      … das schlug 100.000mal am Tag ‒ nicht mehr und nicht weniger. Es schlug nun einmal so viel wie es nötig war. Das Herz war nicht von der gleichen feuerroten Farbe wie all die anderen Herzen, sondern besaß nur ein schwaches Blassrosa. Das schlimme war, dass es mit der Zeit immer mehr an Farbe verlor. Der Lebenskampf hatte es geschwächt und obwohl es noch nicht sehr alt war, hatte es schon viele Falten. Eines Tages war es auf die Idee gekommen, einen Verschlag um sich zu bauen. So suchte es den härtesten Stein für die Wände, das massivste Holz für das Dach und den stärksten Stahl für die Tür. Nur so, dachte das Herz, konnte niemand mehr hinein zu ihm um es zu verletzen ‒ niemand konnte es mehr zerreißen. Endlich war es sicher.
      Nun saß das kleine Herz in seinem Verschlag, lugte hinaus durch die Fugen im Stein und hörte über sich das Knacken des Holzes. Es war ziemlich dunkel und kalt dachte sich das Herz. Aber es schloss einfach die Augen und tat was es immer tat ‒ schlagen, 100.000mal am Tag. Vor lauter Langeweile zählte das Herz jeden Schlag mit, bis es ihm überdrüssig wurde. So vergaß es manchmal einen Schlag zu tun. Das Herz fragte sich, was es überhaupt noch für einen Sinn hatte zu schlagen. Was das Herz vergessen hatte war, dass es sich zwar in Sicherheit vor allem Bösen befand, es niemand mehr verletzen und enttäuschen konnte, dass aber auch niemand mehr hineinkommen würde, der mit ihm lachen täte, jemand der Purzelbäume mit ihm schlagen würde und es wärmte.
      Nach einiger Zeit fing das Herz an darüber nachzudenken. Es merkte, einen fatalen Fehler begangen zu haben. Mit aller Kraft versuchte es die Stahltür aufzudrücken, doch sie war zu schwer, als dass sie sich bewegen ließ. So begann es gegen die Steinwände zu hämmern, doch außer, dass sich ein paar Brocken lösten, passierte nichts. Der Stein war zu gewaltig. Als es sich am Dach zu schaffen machte, zog es sich nur einen dicken Splitter zu. Panikartig saß das kleine Herz in seinem selbstgebauten Gefängnis und schlug mindestens doppelt so schnell wie sonst. Wie konnte es nur den Schlüssel in all seiner Trauer vergessen? Das Herz verfluchte sich für sein elendes Selbstmitleid. Wie gern würde es sich jetzt den Stürmen des Lebens hingeben, sich vor Angst zusammenkrampfen, vor Freude hüpfen, wenn es nur könnte.
      Es schaute durch das Schlüsselloch hinaus in die Welt und sah die anderen Herzen. Einige waren blass so wie es selbst. Sie schlichen durchs Leben geduckt und allein. Andere wiederum sprangen in leuchtendem Rot ‒ Hand in Hand über Stock und Stein, unerschrocken und gestärkt vom anderen. Doch was das Herz dann sah ließ es staunen und es konnte seine Tränen nicht verbergen. Da lagen Herzen im Staub mit Füßen getreten. Sie waren weiß und regten sich kaum noch. Sie schlugen vielleicht noch 20mal am Tag. Niemand kümmerte sich um sie, denn auch sie hatten einmal den Schlüssel ihres Gefängnisses so gut versteckt, dass niemand ihn fand. Da fühlte das Herz zum ersten Mal, dass es ihm noch gar nicht so schlecht ging. Noch war es rosa und noch fühlte es etwas. Es musste nur diesen Schlüssel finden zu seiner Stahltür. So machte es sich auf die Suche und probierte alle Schlüssel die es finden konnte aus. Es probierte sogar Schlüssel, von denen es von Anfang an wusste, dass sie nicht passen würden.
      Nach einiger Zeit merkte das Herz, dass es wieder einen Fehler begangen hatte. Es war zu unüberlegt, zu krampfhaft an die Suche gegangen. Es verstand, dass man das Glück nicht erzwingen konnte. Frei ist man nur, wenn man frei denken kann. Das Herz entspannte sich erst einmal und beschäftigte sich mit sich selbst. Es schaute in den Spiegel und begann sich so zu akzeptieren wie es war ‒ blassrosa und faltig. Es spürte eine wohlige Wärme in sich aufsteigen und eine innere Gewissheit, dass es auf seine Art und Weise wunderschön war.
      So fing es an zu singen, erst ganz leise und schnurrend und nach und nach immer lauter und heller, bis es ein klares Zwitschern war, wie das eines Vogels am Himmel. Durch den hellen Ton begann der Stein an einer Stelle nachzugeben. Mit riesen¬großen Augen starrte das kleine Herz auf diese Stelle, wo ein goldenes Schimmern zu sehen war. Das Herz traute seinen Augen nicht. Da war der Schlüssel, den es damals mit in den Stein eingemauert hatte. Das hatte es durch all seinen Schmerz und sein Selbstmitleid vergessen und jetzt wo es den Schlüssel in der Hand hielt, fiel es ihm wieder ein, wie es ihm vor all den Jahren so sicher erschien, ihn nie wieder zu brauchen. Langsam und voller Bedacht den Schlüssel nicht abzubrechen, steckte das Herz ihn ins Schloss.
      Mit lautem Quietschen schob sich die schwere Stahltür zur Seite. Das Herz machte einen Schritt nach draußen, schloss die Augen und atmete tief die frische Luft ein. Es streckte die Arme aus, drehte und wendete sich, blickte nach oben und nach unten und hörte gespannt mal hierhin und mal dorthin. Das Herz dachte wie schön das Leben doch sei, machte einige Hüpfer und begab sich auf den Weg um Freunde zu finden. Der Erste, den es traf, war ein lustiger Geselle, der das Leben zum schießen komisch fand und über 1000 Freunde hatte. Nachdem das Herz einige Zeit mit ihm verbrachte, mit ihm alle erdenklich lustigen Sachen anstellte, merkte das Herz, dass diesem Freund einiges fehlte ‒ der Tiefgang!
      Was war das für ein Freund, mit dem man nur lachen aber nie weinen konnte? Mit dem es nur durch dick aber nie durch dünn gehen konnte? So zog das Herz weiter ‒ allein, aber reich an neuer Erfahrung ‒ bis es auf eine Gruppe anderer Herzen stieß. Es wurde direkt freundlich in ihre Mitte aufgenommen. Es war ein ganz neues Gefühl von Zugehörigkeit. Da war nun eine große Gruppe, wie eine Familie die zusammen hielt, wo alle gleich waren. Jeden Morgen standen sie gemeinsam auf, tranken den gleichen Tee, aßen vom gleichen Brot und gestalteten jeden Tag gleich. Das Herz war glücklich¬ ‒ eine Zeit lang, bis es spürte, dass auch dies nicht das richtige Ziel sein konnte, denn auch seinen vielen neuen Freunden fehlte etwas ‒ die Individualität!
      In ihrer Mitte gab es keinen Platz für jemanden, der Eigenständig war und sein Leben selbst planen wollte. Also löste sich das Herz auch aus dieser Verbindung und genoss sein eigenes Leben. Es ging über 112 Wege, um 203 Kurven und 24 Berge und Täler, bis es an einem Haus ankam, dass mit Stacheldraht umzogen war. Aus dem Schornstein quoll Rauch, das hieß, dass tatsächlich jemand in diesem Haus leben würde. In einem Haus, das nicht einmal Fenster hatte. Bei diesem Anblick fiel dem Herz ein, wie es selbst einmal gelebt hatte. Wie sehr es damals gehofft hatte, dass jemand ihm helfen würde und doch niemand sein stummes Flehen erkannt hatte. Es wusste, dass es ihm aus eigener Kraft gelungen war und es war sehr stolz darauf. Aber wie konnte es diesem armen Herzen helfen aus seinem Verlies zu kommen?
      Das Herz besorgte sich eine Drahtschere und versuchte den Stacheldraht zu durchtrennen. Aber nach einiger Zeit verließen es die Kräfte. Auch dieses Herz hatte keine Mühe gespart, für sich den stärksten Stacheldraht zu finden. Obwohl das Herz das andere nicht sah und auch nicht hörte, sondern nur ahnen konnte, was das für ein Herz war, fühlte es eine starke Bindung zu ihm. So grub es ein Loch im Boden unter dem Stacheldraht, um dem anderen wenigstens nah zu sein. Es stand vor seinem Haus ‒ vor der gleichen dicken Stahltür wie einst seiner ‒ und begann zu reden. Tagelang, nächtelang stand es einfach nur da und redete.
      Es erzählte von seinem Schicksal. Erzählte ihm, was ihm alles in seinem Leben widerfahren war und es hörte ein Schluchzen hinter der dicken Tür. Uner¬müdlich sprach das Herz weiter. Über die lustigen Sachen, die es mit seinem ersten Freund erlebt hatte, über die Wärme, die es bei seiner Familie erfahren hatte und es vernahm ein leises glucksen von innen. Erst leise, bis es sich immer lauter in ein gellendes Lachen verwandelte.
      Plötzlich sprach das Herz hinter der Stahltür. Es wollte hinaus zu ihm, und es sehen. Es wollte sich an seine Schultern lehnen, sich an es drücken und es nie wieder verlassen. Das Herz war glücklich, endlich so jemanden gefunden zu haben, aber was sollte es nur tun? Wie auch bei ihm früher, wusste das andere Herz nicht mehr wo es den Schlüssel versteckt hatte. So fasste das Herz den Entschluss loszugehen, um den Schlüssel zu suchen.
      Nur wo sollte es anfangen? Es lief ziellos umher, suchte hinter den Büschen, auf Bäumen, tauchte in Seen danach, fragte alle die seinen Weg kreuzten, aber niemand wusste Rat und nirgends fand es den Schlüssel. So ging es mit schwerem Herzen zurück zu der kleinen Hütte. Krabbelte durch das Loch unterm Zaun, um die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch zu seinem Erstaunen, fand es die schwere Stahltür geöffnet. „Wie war das möglich gewesen?“ dachte das Herz. Plötzlich hörte es eine freundliche und liebevolle Stimme hinter sich. Da sah es ein kleines blassrosa Herz stehen mit glühenden Wangen.
      „Ich habe hier auf Dich gewartet.“ sagte das kleine Herz. „Ich habe erkannt, dass man es im Leben nur aus eigener Kraft schaffen kann, aus seinem Gefängnis zu entkommen. Doch so viel Kraft konnte ich nur durch dich erlangen. Durch deine Liebe zu mir und meiner Liebe zu dir habe ich den Schlüssel zur Tür meines Herzens gefunden, der mir gleichzeitig die Tür meines Verlieses öffnete.“ Sie nahmen sich an die Hand und gingen von nun an alle Wege gemeinsam, ihr Herzschlag im gleichen Rhythmus bis an ihr Lebensende.


      von Steffen Kirchner
    • Unser Adventskranz
      Die Alternative für Weihnachtshasser

      Wenn wir ein wenig in Zeitnot sind, nehmen wir einfach einen gewöhnlichen Adventskranz oder spülen das Relikt vom letzten Jahr kurz unter fließendem Wasser ab. Allerdings stecken wir diesmal nicht wie sonst vier Kerzen drauf, sondern fünf oder drei.
      Erstens tun wir damit etwas Gutes: Unsere Gäste können über uns den Kopf schütteln, uns belehren und sich für klüger halten. Damit leisten wir einen wertvollen Beitrag zur Stärkung ihres Selbstbewusstseins, tun also weihnachtsgemäß eine gute Tat. Und zweitens kehren wir zurück zur Ursprünglichkeit dieses Brauches. Wieso? Weil der Erfinder des Adventskranzes, ein gewisser Johann Hinrich Wichern, vor achtundfünfzig Jahren in seinem Waisenhaus in Berlin keineswegs vier, sondern drei Kerzen auf den Kranz steckte. Wegen der Dreifaltigkeit: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das weiß heute zwar keiner mehr. Macht aber nichts

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      Drei Kerzen sind für uns ein Zeichen tiefer Hoffnung: dass Weihnachten nie kommen möge. Nicht umsonst heißt es „Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht das Christkind vor der Tür“ Wenn wir also nur drei Kerzen anzünden, kommt Weihnachten nie - Wir bleiben ungestört. Wir können das tun, wozu wir Lust haben. (z.B. Schach online spielen 8o )

      Fünf Kerzen sind ebenfalls ein Zeichen positiven Denkens. Wie sagt der Volksmund: „Denn wenn das fünfte Lichtlein brennt, hast du Weihnachten verpennt
      Was für eine herrliche Vorstellung! Gibt es etwas Schöneres, als Weihnachten zu verschlafen? Vielleicht schaffen wir es diesmal! Und wenn nicht, ist das fünfte Lichtlein auf dem Kranz trotzdem ein Zeichen der Freude und Zuversicht: Am fünften Sonntag wird Weihnachten überstanden sein.

      Woraus besteht der Adventskranz?
      Leider haben wir nicht die Zeit, ihn aus Hühnerknöchelchen und Fischgräten zu flechten, wie es die Eskimos tun. Obwohl das sehr appetitlich aussieht. Dafür finden sich in unserem Haushalt ein paar Topfschwämme, die wir mal eben mit drei Handgriffen zum Kranz flechten. Das ist nicht nur preisgünstig, sondern schimmert auch schön festlich. Daneben platzieren wir dann noch einen kleinen Strauß aus alten Zahnbürsten. Zwar mag dem ein oder anderen Gast dann vor Schreck das Gebiss klappern, doch wir erweisen uns als Freunde der Umwelt. Für unseren Adventskranz muss keine arme Tanne zerhackt werden....


      Auszug aus "Das Weihnachtshasser-Buch"


      Frohe und besinnliche Vorweihnachtszeit....



    • 12. Türchen images.jpg


      Es geschah vor über drei Jahren und

      genauso vor dem damaligen Weihnachtsfest,
      waren meine Gedanken und Empfindungen
      wie folgt beschrieben: Von Irmgard Erath


      Grenze des Lebens, aber nicht der Liebe

      Das Schwerste, was das Leben abverlangen kann, ist der Abschied von einem
      geliebten Menschen, der uns für immer verlassen hat. Da steht auch unser Herz für einen Augenblick still-ungläubig-fassungslos! Es ist als hätten alle Uhren aufgehört zu schlagen, als wäre plötzlich eine Türe ins Schloss gefallen, hart, unwiderruflich.
      Wir sind allein!

      Mit jeder Faser unseres Herzens wehren wir uns gegen das, was geschehen ist.
      Jeder unserer Gedanken lehnt sich dagegen auf. Dahinter steht das Wissen um die Unabänderlichkeit und Endgültigkeit des Geschehenen, das uns gleichzeitig auch unsere ganze Hilflosigkeit und Ohnmacht empfinden lässt: Wir fühlen uns wie ein kleines Boot, das ziellos auf dem Wasser treibt, auf einem Meer der Traurigkeit.
      Und zu dieser inneren Verlassenheit kommt das Gefühl, so vieles versäumt zu haben:
      Wie oft hätten wir doch etwas Schönes sagen oder mit einer liebevollen Geste die
      dunklen Schatten zwischen uns vertreiben können! Aber nicht nur das, was wir versäumten, ist unwiederbringlich verloren. Auch all unsere gemeinsamen Pläne und
      unsere Träume, unsere Hoffnungen und Erwartungen sind ins Nichts versunken. Und all das Schöne, das wir zusammen erlebt haben, geht unter in Trauer und Schmerz.

      Nichts ist mehr, wie es war. Die Sterne glitzern zwar in der Nacht, als wäre der geliebte Mensch noch an unserer Seite, aber sie sind uns so furchtbar fremd geworden. Die Sonne steht am Himmel, als wäre nichts geschehen, sie scheint noch genauso hell, doch unter ihren Strahlen frieren wir. Die Welt ist kalt und dunkel-auch am helllichten Tag! Und kalt und dunkel ist es auch in uns. Wir spüren nur noch dieses tiefe Verlangen in Trauer und Schmerz zu versinken, darin unterzugehen.

      Schmerz! Trauer! Ohnmacht! Es gibt keinen Weg für uns, der daran vorbeiführt. Wir müssen diese Gefühle annehmen, dem Schmerz Raum geben und der Trauer Zeit lassen. Denn nicht durchlittener Schmerz lässt Bitterkeit zurück, und unbewältigte Trauer macht hart und verschlossen. Sie lässt keinen Lichtstrahl, keine Wärme mehr ins Herz. Sie hüllt alle unsere Empfindungen und Gefühle ein und drängt sie bis ins Innerste unserer Seele zurück. Wir verschließen uns allem und jedem.

      Die Trauer ist die einzige mögliche Antwort unseres Herzens auf den Tod eines geliebten Menschen. Sie ist etwas so Tiefgreifendes, dass sie uns und unser weiteres Leben prägen wird. Und sie braucht Zeit, viel Zeit. Aber sie darf nicht zu einer dauernden Zufluchtsstätte für uns werden. Wir müssen versuchen, uns wieder von ihr zu befreien, bevor sie zu einem gefährlichen Strom wird, der alle Lebensfreude mit sich fortreißt. Wir dürfen nicht zulassen, dass sich unser Herz so sehr in Trauer verliert, dass es nicht mehr die Kraft findet, sich wieder dem Leben zu öffnen.

      Wir können das Leben neu bejahen und uns dennoch eine tiefe Verbundenheit bewahren; jene Verbundenheit, die von unserem Glauben an die Macht der Liebe, von unseren Erinnerungen an das gemeinsam Erlebte und von unserer Dankbarkeit für die einander geschenkte Nähe und Geborgenheit getragen ist.

      Glaube, Liebe, Erinnerungen,Dankbarkeit - sie bilden diese wunderbare Brücke, die uns innerlich miteinander verbindet; eine Brücke, über die wir immer wieder gehen und einander jeden Augenblick nahe sein können.


      Auch die Schacharena ist für viele so eine Brücke und so wünsche ich mit meinem kleinen Gedicht allen eine besinnliche Weihnachtszeit...eure Mohni

      Die Erinnerungen sind da.
      Der Glaube an das Gute sehr nah.
      Die Dankbarkeit weiter vorhanden.
      Die Liebe mit dem Glück sich verbanden.



    • 13. Türchen
      Der Frischling und der Tannenbaum

      Es war einmal ein prächtiger Tannenbaum. Der stand in einem dunklen Staatsforst und war umgeben von Artgenossen. Nicht weit von ihm befand sich eine idyllische Lichtung. Dort begann nicht nur der Laubwald, nein, es gab auch eine Futterstelle für die Tiere. Es hatte sich seit den Tagen Adams so ergeben, dass sich alle Geschöpfe des Waldes diesen Platz teilten. Gänzlich ohne Belegplan nutzten sie ihn zur Regeneration. Sei es durch kräftigendes Futter, sei es durch den sorglosen Genuss der Sonnenstrahlen. Seit einigen Jahrhunderten gab es sogar einen Waldhüter, der mit viel Liebe dafür Sorge trug, dass die Tröge der Futterstelle für jeden etwas bereit hielten.

      Es zog viele Hirsche und Rehe an diesen Platz, wie er magischer kaum sein konnte. Um die Jahreswechsel kamen auch rot gekleidete Wesen vorbei und erzählten sich Erlebnisse, die unter glitzernden Bäumen in warmen Zimmern voll würzig aromatischer Gerüche stattgefunden haben müssen. Unser Tannenbaum, der gute Ohren hatte, mochte da fast nicht glauben, was er hörte. Von Zeit zu Zeit nutzte auch eine Wildschweinfamilie diese Stelle zur Nahrungsaufnahme. Die Bache stand meist abseits und beobachtete gedankenversunken das Fressverhalten ihrer Kleinen. Bei heraufziehender Gefahr für ihre Kinder hätte sie mit jedem Eindringling eine tödliche Auseinandersetzung geführt. Die rot Gewandeten allerdings hatte sie nie recht dingfest machen können. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob diese Fabelwesen überhaupt existierten, oder sie selbst nicht in einem Anfall reiner Lebensfreude von zu viel verbotenen Waldkräutern genascht hatte.

      Ihr Letztgeborener bereitete ihr Herzenssorgen. Er hielt zwar mühelos das Tempo bei den familiären Streifzügen durch den Forst, war aber eher von zurückhaltendem Charakter. Sie sah das Drängeln der anderen Frischlinge. Bisher hatte ihr Benjamin immer noch genügend zu essen bekommen, so dass sie sich keinen Vorwurf machen musste. Er war zwar etwas weniger fett, aber solange die eisige Kälte nicht noch mehr anziehen würde, dürfte das keinen negativen Einfluss auf unsere scheue kleine Nachwuchssau haben. Und trotzdem fürchtete die Mutterwutz mit sorgenvollem Blick, dass genau dieser Kleine, der ihren Schutz doch so dringend nötig hatte, vor der Zeit auf einem Teller mit Knödeln, Preiselbeeren und Rotweinsoße enden würde.

      Ein Muttertier hat einen siebten Sinn für so etwas. Man hörte in letzter Zeit so viel Beunruhigendes von außerhalb des Waldes. Andererseits war noch nie jemand von dort zurückgekehrt und hatte glaubhaft von den Vorgängen bei den waldlosen Menschen berichtet. Gerüchte. Gerüchte. Gerüchte. Aber, sie nahmen zu. Nachdem sich die Wildsau-Familie satt gefressen hatte, lief sie in den dunkelsten Teil des Waldes und schabte sich inbrünstig an dem Stamm unseres Tannenbaumes. Sie hatten alle etwas davon. Die Wildsäue entledigten sich des ein oder anderen Parasiten. Nach einer guten Weile des Schabens verlor sich auch das lästige Borstenjucken, das so mancher Sau das Leben schwer machte. Und der Tannenbaum wiederum fühlte sich anerkannt, ja gar geliebkost von seiner Wildschweinfamilie. Er dachte sich, es wird schon einen tieferen Sinn haben, wenn man einfach so herumsteht im Walde.

      Zu der Zeit des ersten Schnees dröhnte ein Klopfen durch den Forst. Zunächst vermutete der Tannenbaum, es handele sich um einen Specht, der seiner Berufung nachgeht. Er konnte zwar von seiner Höhe aus den Wald überblicken. In jeden Winkel hineinschauen jedoch konnte er nicht. Hören hingegen klappte sehr gut. In der Ferne konnte er auch häufiges Krachen vernehmen. Wie damals, als ein Reh vor ihm äste, das von einem Blattschuss niedergestreckt wurde, und ein unangenehmer Stich ihn durchfuhr. Später holte der Förster mit einem Messer etwas aus seinem Stamm, dass beim Eindringen sehr weh getan hatte.

      Allmählich dämmerte ihm, dass es wieder mal Zeit wurde und der Wald von einer großen Traurigkeit befallen werden würde. Das große Schlagen setzte ein. Es hieß Abschied nehmen von so manchem über die Jahre hinweg lieb gewonnenen Kameraden. Als er jetzt unmittelbar an sich hinunterblickte, sah er an seinem Stamm Männer in gelben Jacken mit Micky Maus Ohren großen Schallschützern. Sie klopften an seinen Stamm. Rote Flugschlitten mit Rentieren im Gespann umkreisten seinen Wipfel. Er verstand nur, dass sie ihn für geeignet hielten und es für ihn doch eine Ehre wäre. Er vernahm ein Kreißen und spürte einen reißenden Schmerz. Dann verlor unser Tannenbaum das Bewusstsein.

      Als er wieder zu sich kam, wusste er nicht, wo er war. Es roch ganz feierlich. Gerüche, die er aus seinem Wald nicht kannte, drangen ihm in die Nase. Süßlich und herzhaft. Fröhliche Stimmen erreichten ihn in der Höhe. Musik lag in der Luft. Es war nicht ganz so kalt wie im Wald. Über ihm schimmerten die Sterne; einer von ihnen saß sogar direkt auf seiner Spitze. Ihm war, als hätte er Tuchfühlung mit der Ewigkeit. Jetzt merkte er, dass sein Nadelkleid, das er eigentlich immer für schön genug gehalten hatte, mit roten Kugeln, silbernen Girlanden und vielen, vielen Kerzen geschmückt war. Die Menschen sahen erwartungsvoll an ihm herauf. Plötzlich brach die feierliche Klangkulisse in sich zusammen. Die Lichter erloschen. Es war gespenstisch still und dunkel wie in seinem geliebten Wald. Auf einmal gingen all die Kerzenlichter unseres Tannenbaumes an. Er erstrahlte und glitzerte, dass es eine Freude war. Das Funkeln, das von ihm ausging, erinnerte ihn an das Funkeln der Sterne, das er immer genossen hatte. Nun spürte er ein Streicheln an einem seiner untersten Äste. Es kam ihm vertraut vor. Der Frischling aus seinem Heimatwald war das lebendige Element einer Christkrippe zu ebener Erde. Offensichtlich war das Ferkelchen seinen Jägern entkommen, aber nicht seinen Häschern. Aus der Menge ertönte ob des Tannenbaumes Pracht ein „Oh“! und ein „Ah!“. Die Menschen bewunderten ihn. Nach all den vorangegangenen beschwerlichen Tagen tat ihm dies wohl. Die Lichter in den Hütten leuchteten wieder. Die Musik setzte aufs Neue ein. Die Welt um ihn herum atmete Glückseligkeit.

      So fügt sich doch letzten Endes immerfort alles zum Guten. Er wünschte sich gar nicht mehr zurück in seinen Wald, in dem er vor lauter Bäumen eben diesen Wald gar nicht sehen konnte. Unser Tannenbaum beschloss, all seine ihm verbliebene Lebenskraft zusammenzunehmen, um in den Tagen, die ihm noch gegeben waren, seiner Bestimmung gerecht zu werden.

    • Zur Erinnerung an den Schweizer Dichter Robert Walser (1878 - 1956), der den Winter, den Advent und die Weihnacht sehr liebte. Er verstarb am ersten Weihnachtstag während eines Spaziergangs im Schnee.

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      Spazieren

      Der Unterschied ist einfach: Beim Gehen hat mindestens einer der Füße Kontakt zum Boden, beim Laufen befindet sich der Körper bei jedem Schritt kurz in der Luft. Das „Spazieren“, entlehnt aus dem italienischen spaziare, dieses aus dem lateinischen spatiari, was „sich ergehen“ bedeutet, gehört eindeutig ins Reich des gemächlichen Gehens. Der lateinische Stamm des spatium bedeutet „Raum“ oder auch „Weite“ und lebt im englischen space.

      Bis zur Etablierung der Eisenbahn im 19. und des Automobils im 20. Jahrhundert als Massentransportmittel war das Fortbewegen des Menschen auf seinen zwei Beinen der Mobilitätsstandard. Das Reiten auf Pferden und damit das Überwinden größerer Distanzen war Fürsten, Kaufleuten und hohen Militärs vorbehalten. Dessen ungeachtet ist das „Spazieren“ heute mit einer zweckfrei verbrachten Stunde assoziiert, es genießt die Nähe des Schlenderns, des Promenierens und des Bummelns. Geradezu nobilitiert wird das urbane Herumschweifen als Flanieren, das den staunenden Blick auf die nervöse Metropole erlaubt.

      Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser versucht sich in seiner Erzählung „Der Spaziergang“ aus dem Jahre 1917 an einer Befreiung des Spazierens vom Ruch der Träumerei und des Zeitvertreibs. Für ihn bedeutet es das Inspiriertwerden durch die Umgebung für sein literarisches Werk: „Spazieren muss ich unbedingt, um mich selbst zu beleben und um die Verbindung mit der lebendigen Welt aufrechtzuerhalten, ohne deren Empfinden ich keinen halben Buchstaben mehr schreiben und nicht das leiseste Gedicht in Vers oder Prosa mehr hervorbringen könnte. Ohne Spazieren wäre ich tot, und mein Beruf, den ich leidenschaftlich liebe, wäre vernichtet.“

      So gesehen wird das Spazieren von einer Pause der geschäftigen Arbeit zu ihrer elementaren Voraussetzung – eine Haltung, die zu Walsers Zeiten ebenso suspekt war, wie sie es heute in der Ära der permanenten Verfügbarkeit ist. Bestenfalls als Praxis der Erholung ist das Spazieren gelitten, dann aber bitte after work; werktags demaskiert man sich damit als Nonvaleur der globalisierten Profession und ihrer Kreativwirtschaft, die ihre Effizienz einfallslos quantitativ über die am Arbeitsplatz verbrachte Zeit bemisst.

      Welch ein Irrtum, wie bereits Robert Walser fein- und hintersinnig erkannt hat. Der moderne Mensch, gebeugt und verspannt hinter seinen diversen Bildschirmen, kann sich gar nicht häufig genug bewegen – das Schreiten ist die einfachste Übung im aufrechten Gang, der die Gattung unter anderem definiert. Das scheinbar absichtslose Gehen ohne Termin kommt dem menschlichen Tempo und seiner Raumgebundenheit sehr entgegen, das Hirn profitiert kolossal vom beschleunigten Blutkreislauf, die Sinne filtern Reize und füttern die Fantasie. In der Folge wird das einschüchternd leere Blatt des Autors zur dankbaren Einladung.

      Der Spaziergang an der frischen Luft, ob auf dem Boulevard, auf der Brache, im Kiez oder im Park, erst recht im Wald oder am Wasser, ist eine kurze Reise im Alltag, leistungs- und konsumbefreit. Eine Erfahrung, die viele Menschen heute schmerzlich missen, ohne zu wissen, wie sie denn zu machen wäre. Sie beginnt mit dem Vertrauen auf das Analoge, auf das Selberfinden des Weges, auf die eigene Improvisationsfähigkeit im Angesicht kommender Begegnungen. Und sie attestiert, dass die kuratierten Bilderfluten digitaler Plattformen nur ein geschönter Abklatsch der Realität sind.

      Die Dialektik des Spazierens zwischen Voraussicht und Geschehenlassen hat Walser gut erkannt, im Verlauf des Gehens wird seine schöpferische Aktivität angeregt: „Den Spaziergänger begleitet stets etwas Merkwürdiges, Gedankenvolles und Phantastisches, und er wäre dumm, wenn er dieses Geistige nicht beachten oder gar von sich fortstoßen würde. (...) Ich verdiene mit einem Wort mein tägliches Brot durch Denken, Grübeln, Bohren, Graben, Sinnen, Dichten, Untersuchen, Forschen und Spazieren so sauer wie irgendeiner.“ Es kommt nicht auf das Immer-noch-Mehr der ewig gleichen Eindrücke an, sondern auf ihre Durchdringung und Verarbeitung. In der Folge entsteht dann das künstlerische Werk, ein dem Katholizismus wie dem Zen einleuchtender Gedanke.

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      Ich wünsche allen Menschen auf der Schacharena und im Forum von Liebe erfüllte Weihnachtstage und stets ein Lächeln für 2019.
    • 15. Türchen index.jpg

      Die Sache mit dem Heiland
      von Martin Lehmann


      Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all, ich will euch nämlich eine Geschichte erzählen.
      Jene Geschichte, deretwegen ihr nun in der Schule wichtelen (verstecktes austauschen von kleinen Geschenken)
      und Guetzli (Plätzchen) backen und herzerwärmende Lieder wie "O du fröhliche" singen dürft und
      der ihr es zu verdanken habt, dass ihr, wenn die Eltern spuren, an Heiligabend das neue iPhone 5c,
      oder den Gutschein für die London Reise auspacken dürft - jawohl: Ich will euch die Weihnachts-
      geschichte erzählen.
      Und die geht so: Es war einmal ein junges Paar, Maria und Joseph, und die beiden mussten
      von Nazareth nach Betlehem reisen, weil gerade eine Volkszählung stattfand. Nazareth -
      Bethlehem das sind gemäss Google Maps rund 160 Kilometer, und weil es Easyjet damals noch
      nicht gab, waren sie zu Fuss unterwegs, nur einen Esel hatten sie dabei, der das Gepäck trug
      und manchmal auch Maria, die war nämlich hochschwanger. Nach einer sehr beschwehrlichen
      Reise - 160 Kilometer, das ist gleich weit wie von Schwarzenburg nach Bülach (München - Nürnberg)
      - kamen sie spätabends an, sie waren müde und bald auch verzweifelt, weil es in Bethlehem an
      diesem Tag aussah wie in Bern am Zibelemärit: (Grösster Markt/Volksfest in Bern/Schweiz mit zehntausenden von Besuchern)
      viel Volk und wenig Rücksicht. Und vor allem: kein Zimmer, wo Maria hätte gebären können. Die

      Wirte rümpften die Nase - wer will schon ein fremdes Paar aufnehmen, das verschwitzt und verdreckt
      vor der Tür steht und dessen finanzielle Verhältnisse unklar sind? - und schickten sie weiter.
      Man fand dann buchstäblich in letzter Minute einen Stall, eher eine Höhle, mit Heu und Stroh
      und allerlei Getier, es müffelte und böckelte, aber hier kam Maria schliesslich nieder. Schmerzen
      und Blut, wie bei jeder Geburt, Mutterglück und Vaterstolz, später Kindbettbesuch von den
      Hirten, die auf den Feldern ringsum die Schafe der Begüterten hüteten, und dann auch von drei
      Fremden, die das Neugeborene reich beschenkten, als wären sie Göttis (Paten)
      Aber bald schon die überstürzte Flucht ins Nachbarland, weil ein Despot dem Kindlein nach demLeben trachtete. Für Jahre dort im Asyl, weder eine fröhliche noch eine gnadenbringende Zeit,
      Rückkehr in die Heimat erst als sich dort die Lage wieder etwas beruhigt hatte.

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    • 15. Türchen zweiter Teil


      Ja liebe Kinder, das ist die Weihnachtsgeschichte. Eine schöne Geschichte, aber auch eine
      traurige: weil sie nicht nur vom Glück der Geburt, sondern auch von Flucht und Verfolgung handelt,
      und deshalb habe ich, unter uns gesagt, obschon ich Kerzenlicht und Nadelduft und Mailänderli
      über alles liebe, je älter ich werde desto mehr Mühe, zwischen dieser Geschichte und unsereren
      durchkommerzialisierten Friede-Freude-Mandelkuchen-X-mas-Megaevents einen Zusammenhang
      zu sehen. Denn während wir, die unverdient Priviligierten feiern und das Schweinsfilet tranchieren
      und "Stille Nacht" intonieren, geht das Flüchten (Dank unseren Waffenlieferungen) weiter, weltweit von Syrien nach Libanon, von Eritrea nach Äthiopien, von Lybien nach Lampedusa - nach Europa übrigens immer
      noch nur eine Minderheit -, und viele überleben diese Reise, für die sie einem Schlepper ein
      Vermögen bezahlt haben, nicht und ertrinken jämmerlich im Mittelmeer, was uns zwar betroffen
      macht, aber nichts daran ändert, dass wir auch bei der nächsten Verschärfung des Asylgesetzes ein
      kräftiges JA in die Urne legen, weil die Asylsuchenden hier kriminell werden und Sozialhilfe
      erschleichen und sowieso für die meisten Missstände im Land verantwortlich sind.
      Die Geschichte vom Sündenbock, liebe Kinder, der die Schuld einer ganzen Nation auf sich nehmen
      muss und dann in die Wüste gejagt wird, steht übrigens auch in der Bibel.(und in ähnlicher Form in allen Büchern der diversen Religionen). Das erzähl ich euch aber ein andermal.



      Weihnachtswünsche
      Angelika Wolff

      Winnterwonne, Sternentanz
      Seelensonne, Lichterglanz
      ein Herz voller Liebe
      die sorgsam dich Hülle
      und Seligkeit die dich
      gänzlich erfülle

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    • 16. Türchen


      Ein Eichhörnchen schenkt Weihnachtsfreude



      Eine alte einsame Frau fürchtete sich dieses Mal vor Weihnachten. Da kamen die Leere und ihre Einsamkeit besonders zum Vorschein.
      An diesem Tag waren aber alle Menschen freundlicher und geselliger, und die Vorfreude auf das Fest strahlte in ihren Gesichtern. Sie feierten zusammen den Heiligen Abend. Die alte Frau sog diese Stimmung in sich auf, bei Einkaufen, am tief verschneiten See, wenn die Kinder Schlittschuh liefen, und in der Weihnachtsmesse am Nachmittag mit dem Krippenspiel.
      Da fühlte sie sich zugehörig und wahrgenommen, nicht lästig oder im Weg. Sie wurde gegrüßt und kleine Worte wurden gewechselt und der Vermieter brachte eine Flasche Wein vorbei und wünschte ein gesegnetes Fest.
      Die alte Frau spürte dass es ihr letztes Weihnachtsfest sein würde. Sie wollte es sich deshalb besonders schön machen und gönnte sich mit ihrer kleinen Rente einen Weihnachtsbaum. Der war nicht groß, ein wenig krumm, aber herrlich dicht und grün. Sie holte aus dem Keller ihren alten Weihnachtsschmuck und stellte den Baum vorsichtig in den verschrammten Ständer neben ihrem Schaukelstuhl.
      Da kann ich ihn am besten bewundern, freute sie sich.
      Der Christbaumschmuck weckte Erinnerungen und ließ ihre Augen feucht werden.
      Sie hatte frische Walnüsse gekauft und mit Häkchen versehen und bunten Bändern. Diese hängte sie zu den roten Kugeln und dem Lametta. Ihre Mutter hatte immer Walnüsse an den Baum gehängt und die Kinder durften diese dann zusammen mit den roten Äpfeln verspeisen.
      Wie fröhlich wir waren. Ich habe schon lange nicht mehr gelacht, dachte sie traurig.
      Als sie fertig war, bekam sie Rückenschmerzen und setzte sich in ihren Schaukelstuhl. Vorher öffnete sie das Fenster einen Spalt, um frische Luft herein zu lassen.Wie schön er aussieht, wenn ich später die Kerzen anzünde, wird es richtig gemütlich und festlich sein.
      Sie schloss die Augen und machte ihr wohlverdientes Nickerchen.
      Draußen auf dem Kastanienbaum vor dem Fenster saß schon eine Weile ein braunes Eichhörnchen. Neugierig beobachtet es das Treiben der alten Frau. Diese hängte Futter auf den Baum und das in rauen Mengen. Das freche Hörnchen konnte es nicht fassen.
      Nüsse gehören in den Magen oder unter die Erde und nicht auf eine Tanne.
      Als sich die sonderbare Frau nicht mehr rührte, sprang das Hörnchen zum Fenster und lugte in das Zimmer. Der Baum war das reinste Schlaraffenland. Es huschte über die Fensterbank und schlich vorsichtig zu der geschmückten Tanne. Zart biss es in eine Nuss und zog daran.
      Ein bisschen Intelligenz und Pfötchengefühl später und der kleine Dieb hatte die prächtige Nuss in seinem Besitz. Lautlos huschte das kleine Hörnchen zurück aufden Baum, knackte die Nuss und ließ sie sich schmecken.
      Sofort danach das gleiche Spiel. Nuss stehlen, gleich fressen oder verbuddeln. Bei diesem Angebot durfte man schlemmen und gleichzeitig die Speisekammer auffüllen.
      Die alte Frau wachte auf und machte langsam die Augen auf. Gleich erkannte sie nicht den Unterschied, aber nach einer Minute sah sie mit Erstaunen dass die Hälfte der Walnüsse auf dem Christbaum weg waren. Na so was? Ich habe doch alles schön verteilt. Sie sah unter dem Baum, aber keine Nuss war heruntergefallen.
      Ich werde eben auch senil, dachte sie.
      Sie setzte sich wieder in den Stuhl und dachte nach. Plötzlich sah sie einen Schatten am Fenster und dann das kleine Eichhörnchen. Es schlich von der Fensterbank direkt zum Baum und stahl die nächste Nuss. Das Hörnchen war so in seinem geschäftigen Trott dass es die Frau gar nichtbeachtete.
      Die alte Frau traute ihren Augen nicht. Das war doch unglaublich. Dieses kleine freche Kerlchen stahl ihr den Christbaumschmuck und hatte anscheinend kein bisschen Angst oder schlechtes Gewissen.
      Als das Hörnchen die Nuss in seinen Pfötchen hielt und dreist herüber sah, konnte sich die alte Frau nicht mehr zurückhalten und lachte so laut los dass der kleine Frechdachs völlig entsetzt das Weite suchte. Sie lachte und lachte und konnte nicht mehr aufhören. Die Tränen liefen ihr über die runzeligen Wangen.
      Das ist das schönste und lustigste Weihnachtsfest das ich je hatte.
      Sie klatschte in die Hände und freute sich wie ein Kind.
      Es war bereits dunkel und sie zündete schnell die Kerzen an. Dann nahm sie eine Handvoll Nüsse und legte sie draußen auf das Fensterbrett.
      Fröhliche Weihnachten mein kleiner Freund, rief sie in den Kastanienbaum. Komm her und hol dir deine Geschenke. Du hast mir soviel Freude beschert, das werde ich dir nie vergessen.
      Als die alte Frau vergnügt auf ihren herrlichen Baum sah und leise ein altes Weihnachtslied summte, sah sie das kleine Eichhörnchen auf der Fensterbank sitzen und hereinschauen. Sie fühlte dabei so viel Freude in sich und die Einsamkeit war fort. Vielleicht mag es ja auch andere Leckereien, gleich nach den Feiertagen werde ich Futter kaufen und mal schauen ob es wieder kommt.
      Sie war plötzlich überrascht über diesen positiven Gedanken, der ein bisschen nach Zukunft roch, und dankte Gott für dieses kleine Geschöpf, das ihr wieder Lebensfreude gegeben hatte.

      von Barbara Pronnet; leicht korrigiert


      Frohe Weihnachten
      wünscht Mateo
    • 17.Türchen


      Verkleidet als ein
      Obdachloser mischte sich ein Mann unter die Menschen, die vor der Kirche warteten. Zusammen mit ihnen wartete er gespannt auf ihren neuen Pfarrer, der sich an diesem Tag vorstellen wollte. Doch niemand konnte ahnen, dass er schon da war - verkleidet. 30 Minuten lang ging er unter ihnen umher ... Während sich die Kirche mit Menschen füllte, sagte ihm nur eine einzige Person "Hallo". Er fragte die Leute nach etwas Wechselgeld, um etwas zu essen zu kaufen, aber keine einzige Person bot ihm etwas an. Er ging in den Altarraum, um sich hinsetzen zu können, wurde aber promt von einem Platzanweiser gebeten, nach hinten zu gehen. Er begrüßte die Menschen, doch niemand grüßte zurück. Sie hatten für den vermeintlichen Obdachlosen nur abwertende Blicke übrig, sie sahen auf ihn herab und verurteilten ihn stumm. Schließlich setzte er sich ganz hinten in die Kirche und lauschte der Predigt. Schließlich verkündete einer der Ältesten die Ankunft des neuen Pastors: "Wir freuen uns Ihnen unseren neuen Pastor vorzustellen." Die Gemeinde sah sich um, und applaudierte erwartungsvoll. Zu ihrer Überraschung und Verwirrung stand der Obdachlose auf, der noch immer in der letzten Reihe saß, und ging langsam nach vorn zum Altar. Das Klatschen verstummte. Alle Augen waren auf den Obdachlosen gerichtet, der wiederum den Ältesten ansah, als er den Altar erreichte, nahm er das Mikrofon und hielt für einen[/size] Moment inne. Er sah die Gemeinde an un erzählte, was er an diesem Morgen erlebt hatte. Dann sagte er: "Ich hoffe, dass ihr alle nach Hause geht und darüber nachdenkt, was heute Morgen passiert ist ... Schaut in eure Herzen ... Wir sehen uns nächsten Sonntag." Viele Köpfe senkten sich vor Scham, andere begannen zu weinen ... und viele sahen sich um ...und erkannten ihre eigene Unfreundlichkeit.

      "Es spielt keine Rolle, wie viele Sonntage du
      in der Kirche sitzt, oder ob du denkst,
      dass du erlöst wirst. Gott sieht, was du tust -
      und wie du Andere behandelst.
      Das ist es, was wirklich wichtig ist."



      Allen ein Frohes Fest und ein Glückliches Jahr 2019

    • 18. Türchen (etwas in Denglish)

      When the snow falls wunderbar
      And the Kinder happy are,
      When the Glatteis is on the street,
      And we all a Gühwein need,
      Then you know, es ist soweit:
      She is here, the Weihnachtszeit
      Every Parkhaus ist besetzt,
      Weil die people fahren jetzt
      All to Karstadt, Mediamarkt,
      Kriegen nearly Herzinfarkt.
      Shopping hirnverbrannte things
      And the Christmasglocke rings

      Mother in the Küche bakes
      Schoko-, Nuss- and Mandelkeks
      Daddy in the Nebenraum
      Schmückt a Riesen-Weihnachtsbaum
      He is hanging on the balls,
      Then he from the Leiter falls...

      Finally the Kinderlein
      To the Zimmer kommen rein
      And es sings the family
      Schauerlich: "Oh, Chistmastree!"
      And then jeder in the house
      packs now die Geschenke aus.

      Mama finds under the Tanne
      Eine brandnew Teflon-Pfanne,
      Papa gets a Schlips and Socken,
      Everybody does frohlocken.
      President speaks in TiVi,
      All around is Harmonie,



      Bis Mutter in the kitchen runs:
      Im Ofen burns the Weihnachtsgans.
      And so comes die Feuerwehr
      With Tatu, tata daher,
      And they bring a long, long Schlauch
      And a higher Leiter auch.
      And they cry then - "Wasser marsch!",
      Christmas is today im - ... (Eimer)

      Ich wünsche eine wundervolle Weihnacht und alles Gute in 2019