Wie berechnet man Varianten?

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    • Wie berechnet man Varianten?

      Liebe Schachfreunde,

      heute möchte ich auf ein Thema zu sprechen kommen, das uns in fast jeder Partie begegnet: das Problem der Variantenberechnung. Anders als bei Taktikaufgaben, wo es in der Regel gilt, einen relativ kurzen, nicht allzusehr verzweigten Lösungsweg zu einem sehr klaren Ergebnis zu finden, ist die Sache in einer praktischen Partie nämlich meistens nicht so klar. Ein Beispiel aus einer Patzerpartie:




      Schon in diesem frühen Partiestadium stand ich hier als Weißer vor der Frage: opfern auf f7 oder nicht?

      Nach 7.Lxf7+ Kxf7 8.Sxe5+ hat Weiß immerhin zwei Bauern für den Läufer, dazu kommt ein leichter Entwicklungsvorsprung sowie die geschwächte Königsstellung von Schwarz. Da kann man wohl von "Kompensation" sprechen. Rein positionell wäre das Opfer somit in Ordnung. Aber Figurenopfer 'auf Position' sind auf Patzerniveau immer so eine Sache...

      Schöner wäre jedenfalls, wenn etwas 'Handfestes' herausspringen würde, also Matt oder Materialgewinn (im letzteren Fall müsste man strenggenommen von einem "Scheinopfer" sprechen).
      Aber wie findet man das in der Kürze der Zeit (es handelte sich um eine Live-Partie) heraus? Bleiben wir mal bei dem Beispiel: welche Möglichkeiten hat hier Schwarz nach 8.Sxe5+:

      Angenehm ist, dass ihm lediglich fünf Züge zur Verfügung stehen, von denen drei sehr kurz abgehandelt werden können:

      a) 8...Sxe5? würde die Dame verlieren: 9.Dxd8 und Weiß gewinnt;

      b) 8...Ke7? lässt die Springergabel 9.Sg6+ nebst 10.Sxh8 zu - Qualität und zwei Bauern mehr; allerdings muss man in solchen Fällen kurz prüfen, ob der Springer aus dem Eck wieder herausfindet, in dieser Stellung sollte das jedoch funktionieren.

      c) 8...Ke8? 9.Dh5+ g6 10.Dxg6+ Ke7 11.Df7+ usw. - das führt in wenigen Zügen zum Matt! Es ist gar nicht so schwer, fünf oder mehr Züge vorauszurechnen, wenn man mit jedem Zug Schach bieten kann und der Gegner immer nur ein bis zwei Zugmöglichkeiten hat. Aber das ist ja nicht der Regelfall!

      Bleiben aber immer noch zwei Züge, nach denen die Partie nicht so glatt gewonnen scheint: 8...Kf6 und 8...Ke6.

      d) 8...Kf6: mit diesem Zug greift Schwarz meinen Springer an. Kann ich den evtl. opfern? Schauen wir uns die Konsequenzen von 9.Df3+ an! Hier teilt sich die Analyse in zwei Stränge: Annahme des Springeropfers oder Ablehnung. Zunächst die Ablehnung, das scheint einfacher: nach 9...Ke7 hätte ich wieder die Gabel 10.Sg6+ oder könnte mit 10.Df7+! sogar auf noch mehr ausgehen, letzteres funktioniert auch nach 9...Ke6. Was aber, wenn Schwarz das Springeropfer mit 9...Kxe5 annimmt? Nun, 10.Df5+ sieht sehr vielversprechend aus: der schwarze König hat nur zwei Felder, auf die er ziehen kann: d4 und d6. Geht er nach vorne, wird ihm schnell der 'Garaus' gemacht: 10...Kd4 11.Se2+ Kc4 12.b3+ Kb4 13.a3#! Und wenn er nach hinten geht, doch wohl auch: 10...Kd6 11.Lf4+ Se5 12.Dxe5+ Kd7 13.Td1+ und wir gewinnen zumindest reichlich Material. Aber - oh weh - Schwarz hat neben 11...Se5 auch 11...Ke7! und es will 'ums Verrecken' nicht Matt werden. Schlimmer noch: wir haben nicht mal mehr ein sinnvolles Schach zur Verfügung (alle wichtigen Felder sind unter schwarzer Kontrolle), aber haben bereits zwei Figuren 'ins Geschäft gesteckt'! Oje, da wäre die Partie praktisch schon gelaufen...

      In einer Partie hätten wir jetzt schon jede Menge Zeit verbraucht und wären immer noch keinen entscheidenden Schritt weiter. Nachdem 9.Df3+? sowie weitere naheliegende Züge (9.Sg4+?; 9.Dh5?) verworfen werden mussten, wäre man vielleicht doch noch auf den einzigen 'Gewinnzug' gekommen: 9.Dd4! (deckt den Springer und droht gleichzeitig mit Abzugsschach). Da es sich hierbei nicht um einen 'Zwangszug' handelt, hat Schwarz entsprechend viele Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Unter den vielen Zügen, die in Betracht kommen, sind 9...Ke6 und 9...De8 zweifellos die interessantesten. Nachdem wir die weitverzweigten Varianten geprüft und dabei festgestellt haben, dass Weiß in jedem Fall mit mindestens zwei Mehrbauern verbleibt, können wir sagen, dass auch 8...Kf6 dem Nachziehenden keine ausreichende Verteidigung gibt.

      e) 8...Ke6: auch hier ist kein direktes Matt in Sicht. Weiß muss also versuchen, das geopferte Material irgendwie zurückzuerobern, möglichst mit 'Zinsen'. 9.Sg6 bietet sich an, weil es den Th8 angreift. 9...Th7 ist daher eine naheliegende Antwort von Schwarz. Jetzt muss man für Weiß erst mal einen vernünftigen Plan finden. Dieser besteht in 10.e5! (ein sog. "stiller Zug", d.h. ein Angriffszug ohne Schachgebot) in Verbindung mit der Idee Dd3 (mit 'Röntgenangriff' auf den Th7). Wie immer bei stillen Zügen hat Schwarz viele Möglichkeiten zu reagieren. Dabei muss neben Verteidigungszügen wie 10...Se7 oder 10...Kf7 oder dem Rückopfer 10...Sgf6 auch auf Gegenangriffe wie 10...Da5 gefolgt von Lb4 geachtet werden. Man sieht schon: wir haben es mit einem uferlosen 'Meer' an Varianten zu tun, die unmöglich alle bis zum Ende berechnet werden können! Wünschenswert wäre, auf jeden Fall ein Dauerschach 'in Reserve' zu haben; das würde die Entscheidung für ein Opfer erheblich leichter machen! Doch leider ist dies meist nicht gegeben (im vorliegenden Fall auch nicht)!

      Es wird niemanden überraschen, dass ich in dieser Situation gar nicht groß angefangen habe zu rechnen, sondern mich kurzerhand für den 'Sicherheitszug' 7.0-0? entschieden habe. Damit habe ich freilich die Chance vertan, die Partie frühzeitig zu entscheiden, denn die Computeranalyse hat ergeben, dass das "Läuferopfer" (es handelt sich eher um eine Eroberungskombination) vollkommen korrekt ist und zu einer Gewinnstellung führt.

      So, und nun, liebe Groß- und Kleinmeister der Schacharena, seid ihr gefordert! :D
      Wie haltet ihr es mit der Variantenberechnung? Wie tief - wenn überhaupt - sollte man in einer Live-Partie in die Berechnung einsteigen? Oder ist Variantenberechnung nur etwas für E-Mail-Schächer und Fernschachspieler? Wenn man rechnet: wie findet man 'Kandidatenzüge'? Und wie findet man heraus, welche gegnerischen Züge einer genaueren Analyse unterzogen werden müssen? An welcher Stelle sollte die Berechnung abgebrochen werden? Und allgemeiner: Wie lässt sich das für die Berechnung unerlässliche räumliche Vorstellungsvermögen trainieren? Wie lassen sich Denk- und Rechenfehler vermeiden? Wie kann ich verhindern, dass sich meine Gedanken beim Variantenberechnen im Kreis drehen, ja sich förmlich 'festfressen' wie die Räder eines LKW, der unglücklicherweise in Treibsand geraten ist? ;)
      Und zu guter Letzt: wenn sich die Folgen eines Opfers nicht exakt berechnen lassen, soll man es gewissermaßen 'intuitiv' trotzdem wagen, auch auf die Gefahr hin, dass die Partie 'den Bach runter' geht, weil das Opfer als inkorrekt sich erweist?

      Fragen über Fragen, die auf Antworten warten!

      LG
      Der Patzer
    • Sehr schönes Video, danke Patzer, und gute Fragen. Auf Deine vielen berechtigten Fragen hier nur eine Teilantwort, bezogen auf Deine Stellung. Ich meine, natürlich soll man das Opfer machen, aus folgenden Gründen.
      1. Wie Du schon schreibst, opfert Weiß eine Figur gegen 2 Bauern, also rein rechnerisch nur 1 Bauern. Dafür kommt der schwarze König in die Mitte (schon das ist 1 Bauer oder mehr wert) und Weiß erhält Königsangriff. Insgesamt mehr Kompensation als 1 Bauer.
      2. Bei ruhigen Zügen wie Rochade kann der Vorteil schnell verfliegen. Bei Entwicklungsvorsprung ist praktisch immer energisches Handeln angesagt.
      3. Man kann nur lernen, vor allem hier auf der Schacharena. Wenn man Typ Angriffsspieler ist, ist's sowieso klar. Wenn man Typ Positionsspieler ist, heißt es, sich zu überwinden und sowas zu lernen, a la Murphy, Tal, ... .

      Wie kann man das lernen? Durch gute Videos oder Bücher, anschließend noch mal Nachspielen der Partien und versuchen, es zum Training im Kopf vorauszuberechnen, was man gehört/gelesen/gesehen hat; schließlich praktisches Spiel. Dabei finde ich persönlich die beiden ersten Punkte wichtiger als den zuletzt genannten.
    • In den 70ern (die älteren unter uns erinnern sich vielleicht) waren die Bücher des Ostberliner Sportverlages die angesagte Schachliteratur. Dort wurden Eröffnungsbücher von allen sowjetischen Großmeistern, die Rang und Namen hatten, veröffentlicht. Aber auch im Bereich Strategie, Taktik und Schachpsychologie hatte der Sportverlag einiges zu bieten. So gab es zum Beispiel ein "Lehrbuch der Schachtaktik - Band 1" von Alexander Kotow. Den zweiten Band schrieb Alexander Koblenz, der langjährige Trainer von Michail Tal, im Jahre 1974. Das erste Partiebeispiel in diesem Buch ist die folgende Partie, die sich nur durch das Fehlen der beiden Züge 3.Sc3 und c6 von der in Posting 1 gezeigten unterscheidet.

      Wasjukow, Jewgeni - Lebedev
      Moskau 1960



      Die Partie wird von Koblenz sehr ausführlich analysiert. Dabei geht er auch darauf ein, was Wasjukow konkret gerechnet haben dürfte und an welchen Stellen er die Stellung eher intuitiv abgeschätzt hat.
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      Schroeder wrote:

      So gab es zum Beispiel ein "Lehrbuch der Schachtaktik - Band 1" von Alexander Kotow. Den zweiten Band schrieb Alexander Koblenz, der langjährige Trainer von Michail Tal, im Jahre 1974. Das erste Partiebeispiel in diesem Buch ist die folgende Partie, die sich nur durch das Fehlen der beiden Züge 3.Sc3 und c6 von der in Posting 1 gezeigten unterscheidet.

      Wasjukow, Jewgeni - Lebedev
      Moskau 1960

      Die Partie wird von Koblenz sehr ausführlich analysiert. Dabei geht er auch darauf ein, was Wasjukow konkret gerechnet haben dürfte und an welchen Stellen er die Stellung eher intuitiv abgeschätzt hat.

      Hallo Christoph,

      ich habe von den beiden Büchern, jeweils die erste Auflage (1972) und finde die o.g. Partie+Analyse nicht im Band 2 vor.

      Gehören die eventuell zum Kapitel "Das kombinatorische Sehvermögen"?
      Das ist in der 1. Auflage auf wenige letzte Seiten im Band I untergebracht und spricht kurz das Variantenrechnen an.
      Möglicherweise wurde dies in der Auflage 2 (1974) in den Band II verschoben und inhaltlich auch etwas abgeändert.

      Viele Grüße
      dangerzone
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      Dankeschön für die Info.

      Dann ist die Kapitelüberschrift identisch, das verwendete Partiematerial aber unterschiedlich.
      Auflage 1 Band II beginnt mit einer Stellung aus Anderssen - Dufresne, Berlin 1852, und wenige Seiten weiter folgt dann (unter "Die Achillesferse f7 (f2)) " die erste vollständige Partie mit Bronstein - Dubinin, Leningrad 1947 und einem Königsgambit von Weiß.